Stop-Loss
Amerikanische Helden stolpern über das Kleingedruckte
Vor knapp einer Woche gab meine Fritz-Box den Geist auf. Aber ich glaubte zunächst an ein Problem bei meinem DSL-Anbieter Netcologne. Also habe ich erst seit gestern wieder zuverlässiges Internet. So kam es, dass ich mal öfter den Fernseher anschaltete und auf CNN einen Beitrag mitbekam, den ich mit meinem immer noch eher schlechten Englisch nicht auf Anhieb verstand.
Die Studentin Megan Brooker setzt sich dort für ihren Bruder ein, der sich als Soldat verpflichtet hatte und nun, wenn ich richtig verstanden hatte, nach Ende seiner Dienstzeit gezwungen wurde, erneut in den Irakkrieg zu ziehen. Zusammen mit einer Gruppe möchte sie erreichen, dass die örtliche Polizei der Stadt Portland, die sich offiziell gegen den Irakkrieg ausgesprochen hat, konsequenterweise auch keine Deserteure an die Bundesbehörden, bzw. das Militär ausliefert.
Hatte ich sie wirkllich richtig verstanden? Können Berufs-Soldaten im Land ohne Wehrpflicht nach Ablauf ihres Vertrages zwangsverpflichtet werden? Ich schrieb Megan eine E-Mail und sie antwortete mir: Ja! – Ich solle mal nach dem Stichwort Stop-Loss googeln, dann würde ich mehr erfahren. Megan Brooker meinte noch, ich solle beim Googeln etwas vorscrollen, denn die ersten Einträge beträfen einen gleichnamigen Spielfilm. Nun kannte ich auch den nicht, dabei gibt es den sogar als Deutsche DVD und der Film ist nicht mal schlecht, hier der entsprechende Ausschnitt:
Tatsächlich gibt es dieses Kleingedruckte in den Verträgen, wonach Soldaten auch nach Ablauf ihrer Dienstzeit einfach gegen ihren Willen wieder zurückgeschickt werden. Ob nun Obama, der ja auch nicht ohne reichlich Soldaten auskommen wird, diese Regelung für ungültig erklären wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls hat er während des Wahlkampfs ausdrücklich den Film Stop-Loss empfohlen.
Mir kommt bei dem Thema sofort Adorno in den Sinn. „Was dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit sich nicht fügen will, gilt der Aufklärung als verdächtig.[1]” nimmt er da unseren alltäglichen Ekel vor Helden vorweg, vor solche Spinner, die sich für ihr Vaterland in Gefahr bringen, statt nur ihren privaten Nutzen im Auge zu haben. Und weiter schreibt Adorno zum Thema:
In der Welt des Tausches hat der Unrecht, der mehr gibt; der Liebende aber ist allemal der mehr Liebende. Während das Opfer, das er bringt, glorifiziert wird, wacht man eifersüchtig darüber, dass dem Liebenden das Opfer nicht erspart bleibe, [...] wird der Liebende ins Unrecht gesetzt und bestraft.[2]
Stopp-Loss gibt ein gutes Beispiel ab, für das, was Adorno (und vor ihm schon deSade) meint. Das Opfer, und das heißt der Held, ist in liberalen Gesellschaften verdächtig. Soldaten werden entsprechend in den USA angeworben und als Helden gefeiert – müssen dann aber dem Gebot der Aufklärung gehorchend, verheizt, bestraft werden. „Selber Schuld, wenn die auf die Propaganda reinfallen” höre ich hier manche sagen. Und wer das sagt, ist selbst reingefallen, er sitzt nämlich auf der anderen Seite der Aufklärung ebenso in der Falle, in der Falle des Gehorsams gegenüber dem Nutzenkalkül, das ihn zum Homo-Sacer, zum nackten Leben des Allzu Menschlichen entwürdigt. Ein Ausweg ist nicht in Sicht.
Mehr über die Gruppe, zu der Megan gehört, gibt es hier zu lesen.
Fußnoten:
12. Dezember 2008 um 08:54
There is no indication that Obama would repeal the stop-loss program. The government does not want to start a draft because this caused lots of protest during the Vietnam War. And not very many people are signing up to join the military right now (for obvious reasons). So in order to have enough troops, they need to find some way to keep people in - and forcing them is about the only way to do this. So if Obama continues the wars in Iraq and/or Afghanistan, he will need to keep stop-loss in order to maintain enough troops.