Schlafes Bruder
Lasst mich schlafen, auch an Maschinen und Schläuchen, solange ihr mich wollt
Wir leben in einer Kultur des Wachens, genauer: des Überwachens. Der Schlaf erscheint uns wie verlorene Zeit. Zeit, die unserer Kontrolle weitgehend entzogen ist. Und mehr noch: Schlafes Bruder ist der Tod und wir leben in einer Kultur, die den Tod verachtet und zu vernichten sucht. (In USA liegt die durchschnittliche Schlafdauer nur noch bei 6 Stunden) Doch damit ist diese Kultur selbst eine Kultur der Vernichtung des Lebens.
Das Erlebnis suchen wir im Projekt. „Was macht ihr heute noch?” war eine der Fragen, mit denen meine Tochter mich vor Jahren beinahe täglich genervt hat. Ihr wollt etwas erleben? So schlaft!
Unsere Kultur sieht den Schlaf nur als Regeneration, wohl auch Nietzsche? — wenn er schreibt:
Viel schlafen. – Was tun, um sich anzuregen, wenn man müde und seiner selbst satt ist? Der eine empfiehlt die Spielbank, der andre das Christentum, der dritte die Elektrizität. Das Beste aber, mein lieber Melancholiker, ist und bleibt: viel schlafen, eigentlich und uneigentlich! So wird man auch seinen Morgen wieder haben! Das Kunststück der Lebensweisheit ist, den Schlaf jeder Art zur rechten Zeit einzuschieben wissen.[1]
Der Schlaf also als Einschub, als Mittel für ein Leben danach. Was aber, wenn ein Leben danach unwahrscheinlich ist, wenn wir an Schläuchen und Maschinen hängend schlafen, Koma genannt?
Gestern erzählte mir Sabine von einer über 100 Jahre alten Frau, die nicht mehr viel mitbekäme, die nur dahindämmere. Sie habe sich verschluckt, geröchelt. Sie habe den Notarzt gerufen und der habe sie gerettet. Mein erster Gedanke war:
Warum habt ihr sie nicht sterben lassen?
Doch hatte ich mich in den letzten Tagen nicht mit dem Erlebniswert des Schlafes beschäftigt? Hatte ich nicht noch Kirstin versucht, zu vermitteln, dass eine Traumanalyse ala Freud und Co der falsche Weg ist? Dass der Traum keine Reise zum „Innersten”, sondern eher noch zum Äußersten ist?
Nicht Nietzsche, Ludwig Klages ist es, der hier die „Umwertung aller Werte” am Beispiel des Erlebnisses vollzogen hat. Und er geht über die Bedeutung des alltäglichen Schlafens hinaus, wenn er schreibt:
Wichtiger indessen als die Besinnung auf den Erlebnisgehalt des Schlafens ist die erst darauf überzeugend zu stützende Einsicht in die Bewußtlosigkeit des Erlebens überhaupt.[2]
Genau hiervon ist doch mein Schlachtruf Wo Ich war soll Es werden, den ich dem Freudschen Wo Es war soll Ich werden entgegenstemme, abgeleitet.
Wo Ich war soll Es werden
Freilich verherrlicht die christlich/atheistische Welt des „Ich bin der Ich bin” den „freien” Willen, das bewußte Sein, das in Wahrheit in Nichts zerfallende Ich.
In einem anderen Buch beantwortet Klages auch die Frage, wann ihr mich von Schläuchen und Maschinen abtrennen sollt:
Zusammengefasst und grell beleuchtet: totenkultliche Sinnesart fragt: was wurde aus denen, die waren, und wie läßt sich ihr Los verschönen; der Unserblichkeitsgläubige fragt: was wird aus mir, wann ich nicht mehr bin, und womit erkaufe ich ein fröhliches Fortbestehen?[3]
Was sind denn, ins Äußerste getrieben, Schläuche und Maschinen, anderes, als ein Ahnenkult? Als ein Einbalsamieren? Was hätten wohl die Ägypter getan, wenn sie schon über unsere Technik hätten verfügen können? Wie bewundern wir ihre Kunst des Einbalsamierens und der so gut erhaltenen Mumien? Dabei ist doch unsere Kunst hier weiter entwickelt. Ihr könnt mich noch anfassen, mein Körper ist noch warm, solange eine Maschine mein Herz unterstützt. Und vielleicht habe ich dabei schöne Träume…
Aber heute ziehen wir ja das anonyme Begräbnis der Grabpflege vor. Meine Sorge gilt, in Abwandlung von dem Zitat von Klages, meinen Nachkommen: Was wird aus euch, wenn ihr mich nicht wollt?
Fußnoten:- Nietzsche. Worauf phantastische Ideale raten lassen Nietzsche-Werke Bd. 1, 1210 [↩]
- Ludwig Klages: Vom Wesen des Rhythmus
S. 23 [↩]
- Ludwig Klages: Vom kosmogonischen Eros
S. 175 [↩]
6. Juli 2008 um 16:35
Antwort auf eine Mail, in der die Schreiberin meinte, oben stehender Text klinge traurig:
Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall bei mir: Ich habe mich mit den Meisten immer irgendwie darüber aufgeregt, dass man Leute nicht sterben lässt, die das wollen, in unseren Heimen. Aber das Problem mit Schläuchen und Maschinen habe ich seit ein paar Jahren nicht mehr und das Problem mit der Demenz, vor der sich so viele fürchten, schon gar nicht. Schließlich habe ich genug altersverwirrte Menschen kennen gelernt, die recht zufrieden wirkten. Ich finde also jetzt im Ergebnis, dass nicht MEIN Wille im Falle eines Komas bei mir abgefragt werden sollte, sondern der Wille meiner Nächsten, in meinem Falle wäre das z.B. Sabine oder meine Eltern. Solange diese nicht wollen, dass man mich abklemmt, soll es so passieren und wenn die meinen, ein Grab wäre der bessere Ort, dann wäre das auch in Ordnung. Hhm. Ist das traurig? Vielleicht der letzte Satz?