Zu spät, zu wenig und überhaupt falsch

Luigi Zingales  zu Paulson’s Plan der Bankenverstaatlichung

(aktualisiert 11. Oktober 2008 22:40)

Luigi Zingalis gehört zu den in der Welt führenden Ökonomen. Er war Mitautor der von Hunderten weiterer Ökonomen unterzeichneten Resolution gegen den Bailoutplan, die immerhin zu den – wenn auch marginalen  – Verbesserungen des zweiten Entwurfes des Bailout-Paketes mit beigetragen hat.

Heute am Samstag, d. 11. Oktober 2008 legt Zingalis eine Stellungnahme zum Plan B von Finanzminister Paulson vor, die geplante Teilverstaatlichung amerikanischer Banken.

Sein Urteil ist einfach und kurz: auch dieser Plan von Paulson wird nicht funktionieren. 

Ich empfehle dem Leser, die Stellungnahme zu lesen. Falls hier jemand mitliest, der noch schlechter als ich englische Texte versteht, bin ich bereit (und habe die Erlaubnis des Autors) seine Stellungnahme ins Deutsche zu übersetzen (Vielleicht bietet mir ja jemand seine Hilfe dabei an?)

Too little and too late

Ich bin kein Ökonom, sondern Sozialarbeiter und Philosoph. Bei den momentan angeregten und durchgeführten Interventionen der Politik fühle ich mich eher als Sozialarbeiter angesprochen, denn ich habe viel Erfahrung  – und  vorzuweisende Erfolge –  mit der Lösung von chaotischen gefährlichen Situationen. Zu wenig und zu spät – genau das sind typische Reaktionen von Sozialarbeit und Pädagogik in chaotischen Situationen.  Da wahrscheinlich die wenigsten Leser meine Erfahrungen in totalen Institutionen (Knast, Heime), mit bewaffneten Zuhältern oder gewaltbereiten Mobs nachvollziehen können, will ich ein Beispiel aus dem Leben des General Wu Sunzi geben, der vor zwei einhalb Tausend Jahren in China ein Buch mit dem Titel Die Kunst des Krieges geschrieben hat. Einer seiner Biographen beschrieb folgende Begebenheit aus Sunzis Leben:

Sein Buch Die Kunst des Krieges erregte die Aufmerksamkein Helus, des Königs von Uw. Helu sagte zu ihm: „Ich habe deine dreizehn Kapitel sorgfältig studiert. Darf ich deine Thorie über die Führung von Soldaten einer kleinen Prüfung unterziehen?” Sunzi erwiederte: „Das dürft ihr.” Der König fragte: „Darf sich die Prüfung auch auf Frauen beziehen?” Wieder stimmt Sunzi zu, und so wurden Vorbereitungen getrtoffen, hundertachtzig Damen aus dem Palast hu holen. Sunzi teilte sie in zwei Kompanien und stellte je eine der Lieblingskonkubinen des Königs an die Spitze der Abteilungen. Dann ließ er sie alle einen Speer in die Hand nehmen und sprach zu ihnen die Worte: „Ich nehme an, dass ihr den Unterschied zwischen vorne und hinten und rechts und links kennt.” Die Mädchen erwiederten: „Ja.” Sunzi fuhr fort: „Wenn ich sage ‘Augen geradeaus’, dann müst ihr nach vorn blicken. Wenn ich sage ‘links um’, dann müst ihr euch nach links drehen. Wenn ich sage ‘rechts um’, dann müsst ihr euch nach rechts drehen. Wenn ich sage kehrt, dann müsst ich euch rechtsherum umdrehen. Die Mädchen hatten auch dies verstanden. Als damit die Befehle erklärt waren, ließ er Hellebarden und Streitäxte ausgeben, um den Drill zu beginnen.

Dann gab er zu einem Trommelwirbel den Befehl: Rechts um, doch die Mächen brachen nur in Lachen aus.

Sunzi sagte geduldig: „Wenn die Kommandoworte nicht klar und deutlich sind, wenn die Befehle nicht richtig verstanden werden, dann trifft die Schuld den General.” Er machte mit dem Drill weiter und gab diesmal den Befehl »Links um«, worauf die Mädchen abermals Lachkrämpfe bekamen.

Da sagte er: »Wenn die Kommandos nicht klar und deutlich sind, wenn die Befehle nicht richtig verstanden werden, dann trifft die Schuld den General. Doch wenn seine Befehle klar sind und die Soldaten dennoch nicht gehorchen, dann ist es die Schuld der Offiziere.« Darauf gab er den Befehl, die Anführerinnen der beiden Kompanien zu enthaupten.

Der König von Wu beobachtete das Geschehen vom Dach eines Pavillons aus, und als er sah, daß seine Lieblingskonkubinen enthauptet werden sollten, erschrak er sehr und schickte eilig die folgende Botschaft hinunter: »Wir sind zufrieden mit der Fähigkeit Unseres Generals, die Truppen zu führen. Wenn Wir dieser beiden Konkubinen beraubt werden, wird Unser Essen und Trinken den Geschmack verlieren. Wir wünschen nicht, dass sie enthauptet werden.«

Sunzi erwiderte noch geduldiger: »Nachdem ich einmal die Ernennung Eurer Majestät zum General der Streitkräfte erhalten habe, gibt es gewisse Befehle Eurer Majestät, die ich, wenn ich als solcher handle, nicht akzeptieren kann.« Und seinen Worten getreu ließ er die beiden Anführerinnen sofort enthaupten und setzte die nächsten beiden als Anführerinnen an ihre Stelle. Daraufhin wurde wieder die Trommel zum Drill geschlagen. Die Mädchen machten alle Schritte, drehten sich nach rech oder nach links, marschierten geradeaus oder machten kehrt, knieten oder standen, und alles mit höchster Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit, und keine wagte, einen Laut von sich zu geben.

Dann schickte Sunzi einen Boten zum König und ließ ihm ausrichten: »Herr, Eure Soldaten sind jetzt richtig ausgebildet, sie halten Disziplin und sind bereit für die Inspektion durch Eure Majestät.

Sie können zu jedem Zweck eingesetzt werden, den ihr Herrscher im Sinn haben mag. Fordert sie auf, durch Feuer und Wasser zu gehen, und sie werden sich nicht weigern.«

Doch der König erwiderte: »Der General soll den Drill einstellen und ins Lager zurückkehren. Wir haben nicht den Wunsch, hinunterzugehen und die Truppen zu inspizieren.«

Darauf erwiderte Sunzi ruhig: »Der König schätzt schöne Worte, doch er vermag sie nicht in Taten umzusetzen.«

Da sah der König von Wu, daß Sunzi ein Mann war, der ein Heer zu führen wußte, und ernannte ihn in aller Form zum General. 

So martialisch sich diese Geschichte auch anhört, enthält sie jedenfalls mindestens drei archetypische Elemente, die ich immer wieder in Krisensituationen als Erfolgsfaktoren erlebt habe. Zwei dieser Elemente: schnell genug und extrem genug handeln, kritisiert Zingales an dem Paulson-Plan. Das dritte Element ist die Bereitschaft, selbst ein hohes persönliches Risiko einzugehen. Der General lässt gegen den Willen des Königs dessen Lieblingsfrauen enthaupten. Muss man noch hinzufügen, wie hoch da das Risiko des Generals war, selbst enthauptet zu werden?  Ich will doch wenigstens ein Beispiel aus meiner Arbeit anfügen:

Als auch  in Bückeburg und Umgebung Brandanschläge und Drohungen von Nazis gegen Flüchtlingsheime und Ausländer zunahmen, bat mich der Bürgermeister, ein Problem mit Skins zu lösen, die sich ständig vor einem Haus in einer Wohngegend aufhielten und durch die sich Anwohner bedroht fühlten. Er sicherte mir volle Rückendeckung zu. Ich ging also zu diesem Platz und tatsächlich lungerte dort vielleicht zehn Skins rum. Ich fragte sie, warum sie ausgerechnet dort und draußen stünden. Sie erklärten mir die Situation: Zwei Mädchen hatten dort eine Wohnung vom Jugendamt angemietet und lebten dort. Nachdem die nun regelmäßig (vom Jugendamt) unerwünschten Besuch erhielten und Argumente und Drohungen nichts nutzten, hatten die Jugendamtsmitarbeiter ihr großes gemeinsames Wohnzimmer abgeschlossen und damit bewirkt, dass sich die Skins nun eben regelmäßig vor dem Haus trafen, anstatt drinnen im Wohnzimmer. Ich ließ mir den Mietvertrag der Mädchen zeigen. Danach hatten sie auch das Wohnzimmer als Gemeinschaftsraum angemietet. Also hatte das Jugendamt gar kein Recht, ihnen das Zimmer vorzuenthalten, erklärte ich ihnen. Das fanden die Mädchen ja auch, aber was sollten sie jetzt machen, wollten sie von mir wissen.

Ich ging also zu der verschlossenen Türe und trat sie ohne zu zögern ein: „Da habt ihr euer Wohnzimmer wieder” sagte ich.  Der Erfolg (der sicher nicht allein durch dies Aktion herrührt, aber dadurch überhaupt erst möglich wurde) war nicht nur, dass die Skins nun nicht mehr Anwohner in Panik versetzten, sondern nun ja für diese mehr oder weniger unsichtbar wurden, sondern obendrein noch, dass seit dem kein einziger Anschlag mehr in Bückeburg und Umgebung verübt wurde. Allerdings riskierte ich nicht nur Schimpfe – tatsächlich drohte das Kreisjugendamt, mich anzuzeigen – sondern in diesem Fall, besonders wegen der folgenden engen Kontakte zu den Skins auch einen politischen Ansehensverlust. So stand  irgendwann z.B. in der Zeitung ein Artikel über mich mit der Überschrift „Grüne Blätter fallen braun zu Boden”, weil ich mit meinem Engagement für die Skins das Misstrauen solcher Bürgerschichten erregt hatte, denen außer Nazis raus  zu gröhlen für gewöhnlich nicht viel einfällt.  Wie dem auch sei: hätte ich, statt so gewaltig zu reagieren, etwa den Mädchen nur Recht gegeben und versprochen, mal mit dem Jugendamt zu reden, z.B., dann wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jeder Erfolg ausgeblieben.  

Aber zurück zur Finanz- und Wirtschaftskrise, die ja als Vertrauenskrise beschrieben wird, wodurch ein Vergleich mit Sozialarbeit meiner Meinung nach mehr als statthaft ist. Ich frage mich wirklich auch die ganze Zeit, was eigentlich aus der s.g. Schock-Doktrin geworden ist, mit der der internationale Währungsfont und andere neoliberale Mächte seit Jahren ganze Völker mit oft verheerenden Folgen überzogen haben. Sie ist ja vom Grundgedanken insofern nicht falsch, dass jedenfalls Überraschung in der systemischen Therapie, die ja ausgehend von der System-Theorie, wonach lebende Systeme eben nicht statisch linear funktionieren, ein, wenn nicht  das wichtige Instrument überhaupt darstellt. Ein Problem dabei ist, dass sie auf Beobachter nicht nur fast immer den Anschein von Grausamkeit vermittelt, sondern offenbar auch zu wirklichem Zynismus und Grausamkeit einlädt, aber das  führt zu weit hier. 

War mich auch an viele verzweifelte Misserfolge in der Sozialarbeit erinnert, ist der Ruf nach gemeinsamen Handeln. Meine Erfahrung in kritischen Situationen war regelmäßig: genau das ist falsch und genau diesen Fehler wiederholen Sozialarbeiter immer wieder in Krisensituationen, sich im Team absprechen, hinter verschlossenen Türen und dann gemeinsame Konzepte verkünden, an die sich aber die einzelnen Akteure regelmäßig nicht halten. Der Vergleich mit der gegenwärtigen Reaktion der Politik auf die Finanzkrise springt doch ins Auge? Das gemeinsame Auftreten, die gemeinsame Erklärung, das gemeinsame Konzept: das ist Zeichen von Schwäche und Schwäche schafft kein Vertrauen! Außerdem steckt hier wieder der Fehler linearen Denkens drin: das Problem wird als riesengroß angesehen, so wie ein riesiger Stein, den man nun eben mit vereinter Anstrengung beiseite schieben muss. Aber Misstrauen ist kein Stein, nochmal: man kann Vertrauen nicht schaffen, indem man Misstrauen beiseite schiebt, sondern eher durch Überraschung. Weltweite Absprache und überraschende Aktion schließen sich aber beinahe gegenseitig aus.

Noch einmal empfehle ich die Lektüre von Zingales Aufsatz. Für die, die ihn dennoch nicht lesen wollen, möchte ich nur noch ein mögliches Missverständnis ausräumen. Zingales empfiehlt nicht,  dass der Staat seine Bailout-Pläne mit mehr Kapital ausstattet, obgleich er einräumt, dass diese dann (und nur dann) funktionieren könnten. Stattdessen warnt er davor, dass der Staat jetzt sein ganzes Pulver verschießt und dann kein Geld mehr aufbringen kann, um in absehbarer Zeit notwendig werdende Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft zu finanzieren. Seine Alternativvorschläge klingen für mich plausibel und wären weit weniger kostenintensiv. Doch sie müssten schnell umgesetzt werden und wären für die beteiligten Politiker riskant. Wie hoch mag da wohl die Wahrscheinlichkeit sein, dass wir angenehm überrascht werden?

3 Kommentare

  1. Anonymous schreibt am:

    Ich hatte mal in einer Vorlesung, bei der es um Projektmanagement ging (bevor ein falsches Bild entsteht: kein BWL ;) ) den Begriff “Stakeholder” abgekriegt, der für Akteure mit unterschiedlichen Interessen in einem System stand. Das ganze war nicht gerade Tiefgehend (was soll man auch erwarten, wenn jemand versucht, die Studenten “für die Arbeitswelt fit zu machen”), aber ich hab mir damals gedacht, das die Sozialwissenschaften dazu doch eigentlich mehr wissen müssten, da dieses Modell vermutlich dort entstanden ist.
    Allerdings, wenn man sich die von dir geschilderte typische Handlungsweise des gemeinsamen Lösungsfindens scheint, scheint es zumindest gerne ignoriert zu werden.
    “Geimeinsame Lösungen”, dauernde Meetings, an Spam grenzende Berichtsdichte, Kompetenzenwirrwarr sind durchaus recht erfolgreiche Problemlösungsstrategien. Nur, dass das zu lösende Problem eben nicht das Problem ist, von dem alle Reden, sondern die individuellen Probleme der “Stakeholder” (Beteiligte wäre da vielleicht auch ein akzeptables Wort für): “Ich muss ohne Schaden aus der Sache rauskommen” “Ich möchte den Ruhm/den Lohn für die Lösung einstreichen (zur Not auch dadurch, dass ich das Problem löse)” “Ich möchte heute Früh nachhause” etc.
    Bezeichnend finde ich, wenn zu Beginn einer gemeinsamen Aktivität Floskeln “wir sind uns alle einig, dass das Problem gelöst werden muss” beschworen werden, denn realistisch ist man das einfach nie, und so schafft man die Basis für gemeinschaftliches Leugnen.

    Dein Handeln, die Tür einzutreten hat das Problem der Mädchen und der Stadt gelöst, aber deine Probleme verschlimmert. Die Stadt, bzw ihre Organe (Das Jugendamt) haben versucht, dich für die Problemlösung zu bestrafen. Mittlerweile löst du nicht mehr die Probleme der Stadt.

    Analog dazu: Seit Gründung der Bundesrepublik stellt das Volk alle 4 Jahre per Wahl klar, dass jeder, der auf die dumme Idee kommt, Probleme zu lösen, bestraft wird. Es schreit aus vollem Hals “Geh ein Persönliches Risko ein, und wir schaden Dir. Löse unsere Probleme, und wir danken es dir nicht. Sei in der Nähe eines Problems, und wir machen dich dafür verantwortlich.”
    Es ist einfach nicht der Job von Politkern Probleme zu lösen, da sie nie den Auftrag bekamen. Und dass sie sich an ihren Auftrag halten, kann man ihnen kaum vorwerfen.

    Interessant finde ich auch, dass Sun Zu (nicht wörtlich, sehr vage wiedergegeben, auch aus “die Kunst des Krieges”) gesagt hat, dass der Gewinn eines Krieges die Kosten rechtfertigen muss, es habe keinen Zweck, wenn der Krieg gewonnen ist, man aber nachher schlechter dran ist als vorher (analog zu Clausewitz’ imho gerne missverstandenen “Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln”).
    Unter diesem Gesichtspunkt (und in meiner großen Unwissenheit von der Gesellschaft und Kultur, in der er gelebt hat), Frage ich mich, wie sich diese Aussage auf sein Verhalten anwenden lässt: Dem König seine Lieben zu nehmen, um zu demonstrieren, wie sehr man Sein statt Schein schätzt, scheint mir nur auf eine ziemlich ironische Art zu belegen, wie geschickt er Schein als Sein ausgeben kann.
    Meine westlich-ignorante Sicht ist, dass da einer recht erfolgreich seine eigenen Probleme (er ist nachher General) löst, und dabei beim Vorstellungsgespräch über Leichen geht (was seine Kompetenz nicht infrage stellen soll, im Gegenteil, eher seine Loyalität).

  2. KHeck schreibt am:

    @anonymous: wenn du nicht keppla bist, dann hieße das ja, dass es noch einen klugen Leser mehr hier gibt, toller Kommentar!

  3. keppla schreibt am:

    tut mir leid, ich wars :(

Notizen zum Text (von mir und Gästen)