… und wieder hat keiner hingeschaut
Über die Auflösung einer Verschwörungstheorie
Heute am 11.09 oder eben 9/11 wäre ja der ideale Tag, sich mit Verschwörungstheorien zu befassen. Es gehört ja mittlerweile schon zum guten Ton, eine Verschwörung im Zusammenhang mit den Einstürzenden Neubauten 9/11 zumindest nicht gänzlich auszuschließen und es gehört wohl zur Allgemeinbildung mindestens der “Internetelite”, dass man zumindest überhaupt weiß, dass es solche Zweifel gibt, daran, dass wirklich Islamisten die berühmteste Explosion seit dem Abwurf der Atombombe verübt hätten.
Aber ich habe keine Zeit, ich muss bügeln und lasse mich dabei von CNN berieseln. Da kommt Sabine zur Mittagspause nach Hause und will, wie sie es nennt, etwas chillen. Und das bedeutet, sie will sich auf die Couch legen und sich statt von CNN von RTL berieseln lassen. Ihre Augen fallen dann zu und fünfzehn Minuten später etwa ist sie wieder munter, wir rauchen noch eine zusammen, Sabine geht dann wieder zur Arbeit und ich an die Arbeit.
Heute lief im RTL mal wieder wie immer eigentlich ein Beitrag über irgendeinen Vorfall, bei dem mal wieder keiner hingeschaut hätte, diesmal waren es die Bilder einer Überwachungskamera, die eine Hammer-Attacke in der U-Bahn zeigen bei der — wieder-einmal-wie-immer — keiner der Zuschauer sich irgendwie gerührt zeigt oder etwas unternimmt.
In solchen Momenten der Berichterstattung, die ich dann Propaganda nannte, fing ich bisher immer an, zu schimpfen. Ich vermutete hier nämlich gezielte Propaganda, also Verschwörung. Warum? Schon so oft bin ich in meinem Leben in Situationen gewesen, die irgendwie brenzlig waren und – immer gab es jemanden der eingegriffen hatte. Meistens war ich das zwar selbst, zum Beispiel, als ich einmal fast ganz allein einer Horde von Skins gegenüber stand, die ein Flüchtlingsheim überfallen wollten. In meiner Tasche hatte ich zwar eine mit scharfer Munition geladene Pistole, aber das wusste keiner. Ich stand also Andreas Lenz gegenüber, meinem späteren Freund und dem Anführer dieser rechten Horde und sagte ihm, dass hier, da ich nun da wäre, keiner überfallen würde. Er schaute mich an, drehte sich dann um in ging mit seiner Bande weg. Später verriet mir der polizeibekannte Schläger, dass er in diesem Moment seine Lebensgefahr in meinen Augen erkannt habe.
Aber ich habe auch schon Situationen erlebt, in denen andere eingegriffen haben, z.B. weil ich noch weiter weg war oder einmal etwa weil ich in einem Straßencafé saß und Leute eingriffen, bevor ich das Glas auf den Tisch stellen und aufstehen konnte. Oder einmal auch, weil anonyme Nachbarn in mir einen Bösen sahen. Sie hatten in der Nacht gehört, wie meine damalige Freundin Carol, eine Kenianerin, mich furchtbar anschrie. Am nächsten Tag klingelte es dann, während ich bei der Arbeit war, an der Türe und drei Frauen versuchten Carol zu überreden, doch in ein Frauenhaus zu gehen und versicherten ihr, dass sie dort auf jeden Fall vor mir sicher wäre, sie keine Angst haben müsse. Nun hatte aber Carol ja gar keine Angst vor mir (sondern schon eher vor diesen komischen Frauen, erzählte sie mir) und es gelang ihr schließlich (trotzdem) die gut gemeinte Hilfe zurückzuweisen.
Jedenfalls decken sich also meine Erfahrungen eben überhaupt nicht mit der täglichen Berichterstattung, nicht nur von RTL, sondern von eigentlich allen Medien. So gab es etwa 1997 in der ZEIT einen Artikel von Susanne Gaschke, die eine Vergewaltigung in der U-Bahn, bei der — wieder-einmal-eigentlich-wie-immer — keiner irgendwie eingegriffen hat, zum Anlass nahm, den Verfall der Sitten zu beklagen. Von diesem Fall, der ja auch schon über zehn Jahre zurückliegt, fand ich allerdings heute nur noch eine Replik von Thomas Kleine-Brockhoff. Ich weiß aber jetzt also, dass ich mich schon seit mindestens zehn Jahre immer mal wieder über diese Berichterstattung aufrege und hierin eine Verschwörung vermutet habe, bis mich heute Sabine endlich eines besseren belehrte.
Meine Theorie war, dass wir nach dem Motto „Mir hilft ja auch keiner, warum soll ich da anderen helfen” in genau diese Haltung gedrängt werden sollten, wir sollen kein Vertrauen in unsere Mitmenschen haben und damit soll so etwas wie Solidarität verhindert werden. Die bösen Mächtigen da oben mal wieder.
Heute also sagte Sabine, nachdem der Beitrag über die Hammer-Attacke zu Ende war: Klar, dass der sich getraut hat, den Hammer rauszuholen, da saßen ja auch nur Idioten drin. Und sie meinte, dass solche Täter vorher schon einzuschätzen versuchen, was da für Leute in der Nähe sind. Und endlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Klar dass es keinen Bericht gegeben hätte, wenn Sabine, ich — oder Du — in der U-Bahn gesessen hätten, denn es wäre ja wahrscheinlich gar nichts passiert, nichts jedenfalls, was eine Kamera hätte zeigen können: Ein Mann wäre in die U-Bahn gestiegen. Der Hammer bleibt im Rucksack, man sieht ihn nicht. Der Mann schaut sich die Gesichter der Menschen in der U-Bahn an. Irgendwann steigt er wieder aus, das war’s. Kein Film für die Nachrichten. Eine Kritik an den üblichen Nachrichtensendungen kann hier nicht mal aus dem Vorwurf „Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten” konstruiert werden. Eine Kritik an den Nachrichten wäre (und ist) hier also nur noch am Medium „Bild” selbst festzumachen. Da ich weiter bügeln muss, kürze ich diese Kritik mal ab mit dem abschließenden Satz: Ich hoffe, dass mein kurzer Text hier mehr gesagt hat, als die 1000 Bilder und die Abertausenden von Bildern, deren wesentlicher Mangel ist, dass sie den Hammer oder die Knarre in der Tasche nicht zeigen können, es sei denn als aufwendig inszenierte Kunst eines guten Regisseurs, der es schafft, die Bilder von Gesichtern zum Sprechen zu bringen. Womit als allerletzter Satz noch gesagt sei: In Kunst steckt immer noch mehr Wahrheit, als in jeder Nachrichtensendung.
21. September 2008 um 13:11
Ich habe irgendwie auf dem Video zu wenig gesehen habe, um zum Schluss “alles Idioten” zu kommen.
Wobei, zu diesem Schluss reicht ablassunabhängig eigentlich immer meine gesammelte Misantropie. Und diese sagt mir auch, dass vielleicht nicht die Abwesenheit von (nicht-idiotischen) Menschen dem Typen erst genug Mut gemacht hat, auszuticken, sondern dass vielleicht andersherum die ausschliessliche Anwesenheit von augenscheinlichn (idiotischen) Zombies ihn wütend genug gemacht hat, dass er das Problem lösen wollte, wodurch er (vermutlich) allerdings auch einer von ihnen wurde.
Ich habe immer mal als Witz gesagt, dass, wenn man die Menschheit mal so richtig hassen lernen will, man nur regelmäßig den ÖPNV nutzen muss. Und sehe mich nun bestätigt
22. September 2008 um 13:47
@ keppla
Haha. Ich bin ÖPNV-Profi und kann das teilweise bestätigen. Als ich in Köln gewohnt habe, hat es eigentlich Spaß gemacht mit dem ÖPNV. Da fuhren auch ein größerer Anteil nette Leute mit der U-Bahn. Aber jetzt in einem Vorort von Hamburg bekomme ich jedesmal Depressionen – da fahre ich auch weite Strecken lieber mit dem Rad, weil das für mich effizienter ist. Denn die Zeit, die ich mit ÖPNV einspare, brauche ich anschließend zehnfach, um mich von den Zombies zu erholen. Das war jetzt aber auch misantropisch…