Traumfänger, Rattenfänger und das kranke Ich der Meisten
Warum ein kitschiger Bestseller nicht nur die Aborigines wütend macht
Im Vergleich mit Nazis, die, wenn sie ein paar CD’s auf Schulhöfen verteilen, in die Tagesschau kommen, wird der Kultur-Imperialismus, wie ihn z.B. Marlo Morgan in ihrer falsch als Tatsachenroman vermarkteten Reise in das deprimierte Ich, bzw. das erschöpfte Selbst,[1] der Meisten unternimmt, öffentlich kaum wahrgenommen. Doch mit weltweit zig Millionen verkauften Exemplaren dürfte der Einfluss etwas größer sein.
Warum ich mich mit dem Roman Traumfänger von Marlo Morgan auseinandersetze
Gestern erhielt ich ein Päckchen mit einem Buch: Traumfänger von Marlo Morgan. Eine Bekannte hatte mir das unwillkommene Geschenk mit der Post geschickt, nachdem ich den Fehler gemacht hatte, ihr von ekstatischen Erfahrungen zu berichten, die ich vor Jahren und unter dem Einfluss von Drogen gemacht hatte. Damit hatte ich alle destruktiven Kräfte ihres erschöpften Selbst aktiviert: Drogen sind böse, weil sie uns eine falsche Wirklichkeit vorgaukeln, die tollste Erfahrung sei überhaupt die Psychoanalyse und das tollste Buch der Traumfänger von Marlo Morgan. Harmlosen esoterischen Kitsch hatte ich ja erwartet und es mir mit dem Vorsatz, es wenigstens
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schnell zu überfliegen, mit in den Park genommen. Doch schon nach wenigen Seiten war ich schockiert. Nicht dass mir, der kaum, aber immerhin ein paar, Kenntnisse über die australischen „Aborigines” besitzt, schon nach wenigen Seiten klar geworden wäre, dass bereits der erste Satz der Autorin: „Dieses Buch beruht auf Tatsachen und ist von wahren Tatsachen inspiriert” eine Lüge darstellt, die die Lebensweise der australischen (sowohl der traditionellen, als auch der städtischen) Bevölkerung verzerrt und beleidigt, hat mich schockiert, vielmehr die Wahrheit, dass dieses Buch wirklich auf einer Tatsache beruht: dass es auf der Tatsache des kranken Ich der Meisten nicht nur beruht, sondern es sich auch an dieses in verhängnisvoller Weise wendet und verstärkt, dass es Teil mächtiger kulturimperialistischer Propaganda ist, die immerhin mehr Massen erreicht, als die paar Schulhof-CDs der NPD und in ihrer Wirkung auf den empfänglichen verführbaren Leser durchaus vernichtender. Ein Buch, das Kinder nicht in die Hände bekommen dürften. Dessen kulturimperialsitischer und rassistischer Inhalt aber wohl in die ein oder andere Deutsch- oder Religions-Stunde an unseren Schulen einfließt ohne dass Protest aus der Elternschaft zu erwarten wäre oder gar — wie im Fall der Schulhof-CDs der NPD — eine Warnung in den Massenmedien.
Worauf meine Kritik gründet
Marlo Morgans Traumfänger, amerikanischer Titel Mutant Message Down Under ist mit einer geschätzten Auflage von weltweit 24 Millionen Exemplaren ein Stück Pop-Kultur. Verschiedene Quellen im Netz, etwa Wikipedia (mit weiterführenden Links), beschäftigen sich mit dem zunächst erfolgreichen Protest von Aberigines gegen eine geplante Verfilmung dieses Buches. Dieser Protest richtete sich hauptsächlich gegen die Lügen und teilweise rassistischen Verunglimpfungen, die die Autorin und der Verlag (Goldmann–> Random House–> Bertelsmann) verbreiteten und verbreiten. In diesem Zusammenhang ist eine Analyse interessant, die Jens-Uwe Korff an den Kommentaren bei Amazon vorgenommen hat:
Sie zeigt, wie unterschiedlich Australier und Nicht-Australier das Buch bewerten.

Während das noch nicht verwundert, ist dagegen seine Beobachtung spannend, die auch ich beim Durcharbeiten der Kommentare gemacht habe: Die Mehrheit der Leser, die das Buch gut bewerten, wissen, dass der Eindruck, den die Autorin (unterstützt vom Verlag), übrigens auch weiterhin, zu erwecken versucht, eine Lüge darstellt, allein — sie nehmen es ihr nicht übel. Sie fühlen sich von dem Text einfach so sehr, so tief in ihrer Seele berührt, das Buch tut ihnen einfach gut, sagen sie.
“This book is not based upon facts? - So what?”
Und genau dies ist, davon bin ich überzeugt, durchaus der Rede wert. So interessiert auch mich tatsächlich nicht, wie viel Millionen der Verlag und die Autorin mit diesem Buch verdienen und nichtmal der Betrug an sich. Wobei allerdings für die Botschaft und den Markterfolg des Buches wesentlich wichtig ist, dass sie als eine Wahrheit verkauft wird. Deshalb ist auch die aktuelle Auflage so aufgebaut, dass das Buch zunächst mit einem Vorwort der Autorin beginnt, in dem sie weiterhin beteuert, dass sie bei den Aborigines gelebt hat und das Buch nur deshalb als Roman verkauft würde, um die Aborigines zu schützen, und erst nach dem Vorwort erscheint ein Einschub, den ich hier voll zitiere, weil ich mich danach vor allem darauf beziehen werde. Sie schreibt:
Dieses Buch ist frei erfunden und von meinen Erfahrungen in Australien inspiriert. Die Ereignisse hätten sich auch in Afrika, in Südamerika oder überall, wo die wahre Bedeutung der Zivilisation noch lebendig ist, zutragen können. Es soll ganz den Lesern überlassen bleiben, ihre persönliche Botschaft aus diesem Buch zu ziehen.
Die Ereignisse hätten sich überall zutragen können
Wir überlesen den rhetorischen Kniff, dass sie, nachdem sie einen Satz vorher noch die freie Erfindung eingesteht, nun gleich wieder von Ereignissen spricht. Interessanter ist hier das, was eben das Herz der Leser so berührt: Überall in der Welt gibt es noch Wahre Menschen, (so nennt sie ihren utopischen Stamm der guten Wilden) und sie sind alle gleich. Es gibt keine Unterschiede. Weniger euphemistisch gesagt, heißt das: Kennst du einen Neger, kennst du sie alle.
Ein weiterführender älterer Text von mir: Zwischen Fremdgehen und Ekstase
Fußnoten:- vgl. Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst [↩]
25. Juni 2008 um 18:10
In Austalien haben Organisationen der Ureinwohner entsetzt reagiert auf dieses Machwerk, das von vorn bis hinten erstunken und erlogen ist. Die Kuh entschuldigt sich dann auch noch bei den Ältestenvertretern, die extra in die USA gereist waren. Nur am danach weiter den Geldhahn wieder aufzudrehen mit Fortsetzungslügen. Bin mal gespann, wie Bertelsmann sich dazu stellt. (und nutze dazu den Artikel-Feed oben, statt meine Mail zu hinterlassen…
2. Februar 2009 um 18:27
So empörend die Tatsachenlüge ist, so empörend ist es auch in diesem Artikel als Rassist beschimpft und mit den Nazis verglichen zu werden. Ich kenne die persönliche Einstellung der Morgan nicht zu diesem Thema, bezweifle aber auch, dass der Verfasser dieses Textes sie kennt. Der Tatsachenbericht ist eine Lüge, der Text ist Rufmord.
2. Februar 2009 um 19:37
Ach “Anonymous”, wie kann man den Ruf eines, einer, Namenslosen ermorden?
Kirstin, erst jetzt wäre es überhaupt theoretisch denkbarer “Rufmord”. Ist es aber immer noch nicht.
14. November 2009 um 14:37
Hallo ihr Klugscheißer,
ich habe gerade das Buch “Die Traumfänger” zu Ende gelesen und kann wirklich nichts Negatives feststellen. Ich bin sogar begeistert von dem Buch.
Das Buch zeigt doch nur, dass die einfachsten Menschen auf unserer Welt oft mehr Gemeinschaftssinn besitzen, als die oberen 10.000. Viele einfachen Menschen auf dieser Welt werden oft als primitiv hingestellt, weil sie vielleicht nur auf der Hauptschule waren und kein Abitur haben. Aber um diese Bildung geht es doch gar nicht.
Arm und primitiv ist ein Mensch nur, wenn er in sich keine Liebe hat. Dazu gehören auch gewisse Blondinnen, die Erbinnen von Milliarden sind.
Es geht um die Herzensbildung, die die Autorin in diesem Buch erklären möchte. Habt ihr das nicht verstanden? Schaut euch doch die Oberbose dieser Welt an, die dem Geld nachjagen. Sind das eure Vorbilder? Allen Politikern und Regierungen geht es nur um das Geld und um die eigene Macht. Die wollen gar keine besseren Lösungen für die Erde, für die Umwelt und für die Menschen finden. Sie denken doch auch nur bis zu den nächsten Wahlen und über ihre Gehälter nach. Hat jemand den wirklich schon mal die Reden der vielen “gebildeten” Politiker verstanden?
Ich habe mir vor kurzem im Fernsehen den Film “Die Reise der Pinguine” angesehen. Diese Tiere haben keinen Besitz und doch einen großen Gemeinschaftssinn. Stellt euch mal eine Verfilmung vor: “Die Reise der Menschen” Jeder Mensch hätte seine gesamten Besitztümer reihenweise an einer Schnur festgemacht und würde sie nachsichziehen. Kein anderer Mensch hätte um ihn rum Platz, weil jeder seinen eigenen Besitz verteidigen müßte aus Angst, dass man ihm was wegnimmt. Es würde niemals ein großer Gemeinschaftssinn entstehen. Die Menschen hängen mehr an ihrem Besitz als an Menschen.
Unsere Erde wird immer mehr zerstört und ausgebeutet. Es geht nicht mehr um die Liebe sondern nur noch um Macht und Geld.
Diese feine Dame, die von den friedlichen Aborigines so freundlich aufgenommen wurde, will doch nur zeigen, das ein einfaches Leben auch möglich ist.
Ich war jedenfalls begeistert von diesem Buch.
Mit freundlichen Grüßen
Sabine
23. Januar 2010 um 13:16
Sabine, das wäre alles schön und gut, wenn die Autorin dem Leser nicht vorsätzlich ein fingiertes Bild der Einwohner als wahres Bild verkaufen würde.