Die Entdeckung des Ich als Tabubruch
Was hier gleich folgt, ist eher ein Spiel mit Gefühlen, als mit Wahrheit. Nach dem Lesen allerdings fühlen Sie sich vielleicht nicht besser, womöglich aber wahrer.
Ich muss allerdings mit einer Wahrheit anfangen und zwar mit einer, die jemanden, der noch nicht tief in die Welt der Philosophie eingetaucht ist, wie die größte Lüge anmuten muss. Sie lautet:
Es ist unter Philosophen unumstritten, dass unsere Vorfahren das Ich, unser Ich, mein, Dein Ich, nicht kannten, sondern dass es erst entdeckt wurde.
Wann und von wem? — Da hört die Einigkeit allerdings schon wieder auf. Manche meinen, dass der erste, der zumindest in Europa, unser Ich entdeckt habe, Augustinus gewesen wäre. Mir soll es Recht sein, schrieb dieser doch in seinen Bekenntnissen den Satz, der das ganze Elend des Christentums schon in seiner Entstehungszeit und rund 500 Jahre, bevor es den Rhein auch nach Norden hin überquerte, in einem Satz zusammenfasste. Dieser lautet:
Gott, zu dem ich rufe, ist in mir und ich in ihm.[1]
Da zuckt man heute mit den Schultern. Was soll an diesem Satz schon besonderes sein?
Genau darum geht es in dem Spiel: zu versuchen, das Gefühl zu vermitteln, was an diesem Satz so ungeheuerlich ist. Jeder Philosoph würde mir hier übrigens wieder zustimmen, dass für Augustinus dieser Satz, dieses Bekenntnis, alles andere als harmlos war. Aber auch hier würden wir uns wieder sofort in de Antwort auf die Frage uneinig, was denn da eigentlich Ungeheuerliches vor sich gegangen ist.
Ich jedenfalls würde diesen Satz als Markierung für den Moment nehmen, in dem wir die Götter getötet haben. Da würde mir womöglich selbst Nietzsche nicht zustimmen, von dem das Bild vom Menschen als Gottesmörder stammt:
Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?[2]
Und so habe ich dieses Zitat auch nicht angeführt, um eine Wahrheit näher zu bringen, sondern um eine Vorstellung von dem Schrecken zu vermitteln, den Augustinus gehabt haben muss, als er begann sein Ich zu ent-decken. Es war ein Tabubruch. Und ein Gefühl für diesen Tabubruch möchte ich jetzt herauskitzeln:
Dazu setzen wir uns kurz in eine Zeitmaschine. Wir sind jetzt ein paar oder ein paar Hundert Jahre zurückgereist in der Zeit, so genau kommt es da nicht drauf an. Wir gehören einer Familie an. Das ist uns ganz selbstverständlich. Und wir gehören einem Dorf an, einem Land, einem Volk. Und das sind Wir. Wir leben in einer Zeit, in der die schrecklichste Strafe (auch wenn sie durchaus häufig vollstreckt wird) nicht die Todesstrafe ist, sondern die Verbannung, durch die wir diesem Wir beraubt würden. Vor dieser Verbannung haben wir Angst. Um es kurz zu machen: wir fühlten uns alle ganz selbstverständlich so, wie wir es heute Neonazis unterstellen. Man muss nur die alten Griechen lesen, wie sie ihr Volk über alles stellten, da wird uns heute mulmig, nicht wahr? Aber wir müssen es verstehen als Ausdruck ihrer größten Nähe, größer, als wir sie heute selbstverständlich mit unserem Ich identifizieren. Jenseits dieser Nähe wurde es unheimlich. Der Begriff für Elend etwa bezeichnete ursprünglich Ausland.
Aber ebenso bedrohlich, wie die Reise in die Ferne war, so war es auch die Reise in eine Nähe zu uns, isoliert, beraubt von dem Wir. Ganz unmöglich war da etwa die Vorstellung, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. Vielmehr war dieses „Ich” eine Welt, die uns weniger gehörte und der wir weniger angehörten, als dem Wir. Dieses „Ich” musste durch eine Maske, Persona, geschützt werden. Und kaum hätten wir gewagt, so einfach ungeschützt eine Reise in das Anzutreten, was wir heute als unser Innerstes (Ich) meinen zu besitzen; erst recht da, wo wir heute das Unbewusste meinen sicher verorten zu können, sah man eher eine Unter-Welt.
Wenn nun Heraklit aussprach: „Ich erforschte mich selbst”, dann müssen wir verstehen, dass dieser Satz etwas völlig anderes meinte, als die späteren Bekenntnisse des Augustinus. Sich selbst erforschen, das war für Heraklit nicht eine Untersuchung seines Gehirns oder seines „Herzens” oder Gewissens, es war eine Reise in die Unterwelt, die als genau so real vorgestellt wurde, wie die alltägliche Welt des Heimatlichen.
Und ebenso können wir den Spruch der über dem Orakel von Delphi den Weg wies: „Erkenne dich selbst”, nicht von unserem heute Nahesten, dem Einzigen und sein Eigentum[3] , unserem Ich, richtig erfassen, wenn wir uns klar gemacht haben, dass genau diese Vorstellung eines isolierten Ich, ganz undenkbar war, selbst für Atomisten wie Demokrit.
…
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Fußnoten:- Augustinus: Bekenntnisse, Erstes Buch.2 [↩]
- Friedrich Nietzsche: Die Fröhliche Wissenschaft,125; Der tolle Mensch Nietzsche-W Bd. 2, 127 [↩]
- Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, 1844 [↩]