Wenn Vater Staat mit Kindern Onkel Doktor spielt
Kritik am Elternratgeber Körper Liebe Doktorspiele
Im Juli d. Jahres berichtete der Spiegel, dass das Bundesfamilienministerium die beiden Elternratgeber
Körper Liebe Doktorspiele 1. bis 3. Lebenjahr
Körper Liebe Doktorspiele 4. bis 6. Lebenjahr
zurückgezogen hat. Dies feiert die rechts stehende Junge Freiheit nicht zu Unrecht als ihren Erfolg:
Gabriele Kuby zwang mit ihrem in der JUNGEN FREIHEIT vom 29. Juni veröffentlichten Beitrag „Auf dem Weg zum neuen Menschen“ Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die von deren Haus verantwortete Aufklärungsbroschüre „Körper, Liebe, Doktorspiele“, die zu sexuellen Kontakten zwischen Eltern und Kindern auffordert, aus dem Verkehr zu ziehen.
Nach dem ich beide Broschüren gelesen hatte, erinnerten diese mich tatsächlich an die veröffentlichte herrschende Meinung in den 70ern und ich begann eine autobiografische Serie zu dem Thema, die inzwischen abgeschlossen ist. Außerdem veröffentlichte ich meine Diplomarbeit von 1981, die zwar einerseits vom damaligen Zeitgeist geprägt ist, aber bereits im Titel auf Widersprüche in der Werbung für freien Umgang mit kindlicher Sexualität hinwies.
Nachdem ich in der Serie eigene Erlebnisse, die nach heute herrschender Rechtsmeinung mindestens in die Nähe von sexuellem Missbrauch gerückt würden, weitgehend ohne eigene Interpretation, Rechtfertigung oder Entschuldigung aufgeschrieben habe, will ich mich jetzt kritisch zu den Broschüren äußern. Dabei betone ich ausnahmsweise, dass ich dies aus fachlicher Qualifikation als staatlich anerkannter Diplom-Sozialpädagoge heraus tue. Und dies aus dem Grund, da jetzt, etwa wiederum im Spiegel, sowie in Stellungnahmen der ISP, die die Broschüren erarbeitet hat, behauptet wird, dass die „Fachwelt” gegen diese Broschüre nichts auszusetzen habe „und die Publikation von konservativ-fundamentalistischen Gruppierungen attackiert” würde. In einer der von der ISP veröffentlichten Reaktionen auf die Kritik heißt es weiter:
Es wird immer Menschen geben, die mit Angst auf die Lebendigkeit des Sexuellen reagieren und ihre Angst in feindseliges Agieren ummünzen, in Unterstellungen und Diffamierungen, wie jetzt geschehen. Sehr häufig paart sich dies mit einem völligen Mangel an fachlichem Wissen.
Nun nehme ich für mich also in Anspruch, selbst „Experte” zu sein, nicht zu „konservativ fundamentalistischen Gruppierungen” zu gehören und auch nicht „mit Angst auf die Lebendigkeit des Sexuellen” zu reagieren. Dennoch und gerade deshalb unterstütze ich die Kritik an den Elternratgebern und unterstütze sogar ausdrücklich zwei Vorwürfe von Gabriele Kuby: nämlich den Vorwurf geplanter Sexualisierung und den, dass diese Broschüren – selbstverständlich – in Gender Mainstreaming eingebettet sind und dass unter dem Label Gender Mainstreaming (nicht nur) die Vernichtung der traditionellen Familie explizit gezielt betrieben wird.
Unbeeindruckt von der – ja angeblich unqualifizierten und fundamentalistischen – Kritik behauptet die ISP: „Die Zielrichtung der in der Broschüre beschriebenen Sexualerziehung ist in keiner Weise fragwürdig.”
Das Gegenteil stimmt: An den Zielen, ja überhaupt der Notwendigkeit einer expliziten Sexualerziehung ist so gut wie alles mindestens fragwürdig. Eine solche fragwürdige Frage stellte mir zum Beispiel einmal ein Vater eines Mädchens, dessen Frau ihm vorgeworfen hatte, dass er nie mit seiner Tochter zusammen bade: Die hat gut reden. Was soll ich denn machen, wenn ich dann plötzlich einen Steifen kriege? — Natürlich hätte ich ihm damals so ähnlich antworten können, wie heute der Elternratgeber Körper, Liebe, Doktorspiele in dem es in einer der angegriffenen Passagen heißt:
Wer mit seiner Tochter bzw. seinem Sohn einmal in dieser Phase gemeinsam gebadet oder sich länger nackt mit ihr / ihm beschäftigt hat, wird dies bestätigen können. Da ist keine Körperregion vor intensivster Erkundung sicher und natürlich auch nicht die Genitalien, die manchmal Erregungszustände bei den Erwachsenen auslösen. Es kann aber auch sein, dass Ihnen bestimmte intime Berührungen bei aller Akzeptanz kindlicher Neugier unangenehm sind, weil Ihr Intimbereich unwissentlich vom Kind verletzt wird. So kann ein Konflikt entstehen zwischen Gewähren-lassen-Wollen, um dem Kind keine unnötigen Grenzen zu setzen, und der eigenen Ablehnung. In diesem Fall ist es richtig, die eigenen inneren Grenzen zu beachten und das Kind liebevoll zurückzuweisen: ‚Ich möchte das jetzt nicht mehr! Hör bitte auf damit.’ Auch wenn es seiner Neugier damit nicht vollständig folgen kann, lernt es doch etwas ebenfalls Wichtiges, nämlich dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, seine Intimität zu schützen und dass er Nein sagen darf!“
Genau so eine Antwort wäre auch damals das Standard-Blabla gewesen, das ihm die Erzieherin beim Elternabend oder ein Therapeut während einer Beratung vielleicht runtergeleiert hätte. Aber ich hatte vor mir einen angetrunkenen Nachbarn, der sein Geld in einer heute geschlossenen Fabrik sauer verdiente und dem manchmal nicht nur seinen Kindern, sondern auch seiner Frau gegenüber „die Hand ausrutschte”. Diesem Vater gegenüber, der anderseits durchaus liebevoller Ehemann und Vater sein konnte (und auch von seiner Frau und seinen Kinder geliebt wurde), erschien mir diese Standardantwort durchaus fragwürdig! Allein mir zu erzählen, zu gestehen!, dass er sich überhaupt vorstellen könne, dass sein Penis erigiert, wenn seine kleine Tochter ihn anfasst, kostete ihn Überwindung. Man muss sich das einmal vorstellen: Vielleicht hatte er noch wenige Stunden vorher am Arbeitsplatz seinen Kollegen gegenüber den neuesten BILD-Bericht über irgendeinen Kinderschänder damit kommentiert, dass man solchen Leuten den Schwanz oder besser doch gleich den ganzen Kopf abschneiden müsse. Geht es den Experten der ISP nicht in den Kopf, dass diesen Vater ein steifer Schwanz als Reaktion auf die Berührung durch seine Tochter von seinem eigenen Selbstbild her in die Nähe eines solchen Strolches gerückt hätte? Oder – was ich eher vermute – will es ihnen nicht in den Kopf gehen, weil es überhaupt nicht ihr Ziel ist, für solche Väter hilfreichen Rat anzubieten? Jedenfalls war meine Antwort eher so wie die des Paderborner Kardinal Degenhard, der sagte (und damit für einen Aufschrei in der „Fachwelt” sorgte):
Wenn junge Männer stärker mit der Pflege von Kleinkindern betraut sind und dabei nackte, entblößte Körper ständig sehen, sie berühren und saubermachen müssen, ist die Gefahr groß, dass sie Begierden nicht widerstehen können. Der viele Körperkontakt mit dem jungen Kind bei der Pflege würde ihnen sicher oft zum Verhängnis werden. Und deswegen stellen wir fest, dass auch diese Konsequenz, dass Väter Hausmänner werden, auch negative Aspekte haben kann.
Tatsächlich sagte ich also eher so was zu meinem Nachbarn wie: „Klar, das könnte mir auch passieren, dass ich dabei einen Steifen krieg, lass dir doch nichts erzählen, wenn du nicht willst, willst du nicht”.
Warum kann die ISP-Antwort an „verunsicherte” Eltern nicht so klar ausfallen? — Weil sie nicht in das Gender-Mainstreaming-Schema passt, wonach ein Ziel ja darin besteht, jede Differenz zwischen Vater und Mutter aufzuheben. Wenn ich also einem Vater rate, nacktes Kuscheln mit der Tochter lieber der Mutter zu überlassen, verstoße ich gegen die herrschende Gender-Ideologie. Diese ist, davon können wir wohl überzeugt sein, für die ISP wie für die Mehrheit der herrschenden Eliten, ganz sicher nicht fragwürdig.
Und hier entsteht eine doppelte Gefahr (wobei ich hier von Gefahr spreche, die Gender-Eliten würden womöglich von Chancen sprechen):
Die eine besteht darin, dass, so harmlos die Ideologie auch als „Ratgeber” sich maskiert, dahinter selbstverständlich die volle Staatsmacht steht! So war „gewaltfreie” Erziehung auch mal nur so eine nette Idee von Pädagogen, die aber heute zum Ohrfeigenparagraphen, zum Verbot der Züchtigkung von Kindern geführt hat. Schon die arrogante Abfertigung der Kritik als von „ängstlichen” oder „rechtskonservativen, katholisch-fundamentalistischen” Kreisen stammend, sollte uns aufhorchen lassen. Erst recht folgende Passage aus der Stellungnahme: Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zur psychosexuellen Entwicklung von (Klein-)Kindern [...] belegen, wie bedeutsam das Verhalten der sie begleitenden und erziehenden Erwachsenen ist. Hemmende Einflüsse…” Na was? „Hemmende Einflüsse sind nicht hinnehmbar, verschlechtern die Chancengleichheit benachteiligter Kinder, bla bla…” könnte man sich gut als Fortsetzung vorstellen. Verpflichtende Frühförderung im Kindergarten, Ganztagsschulen usw. Solche aktuell herrschenden Tendenzen darf man bei noch so zuckersüß verpackten Aussagen „das Kindeswohl betreffend” nicht außen vor lassen. Und das Statistische Bundesamt berichtete über einen (mich) erschreckenden Anstieg vom Sorgerechtsentzug im Vergleich zu 2005 um 23%. Die Gefahr besteht also darin, dass die herrschenden Eliten nicht gender-taugliche Väter einfach aus dem Verkehr ziehen. Und das meine ich ohne jede Übertreibung.
Die zweite Gefahr bezieht sich wiederum auf die „Gendertauglichkeit”: Was, wenn das empfohlene „Ich möchte jetzt nicht mehr” des Vater nichts als eine (Selbst)-Lüge wäre? Was, wenn der Vater davon, dass sein Kind seine Genitalien berührt, oder er die Scheide seines Kindes liebevoll streichelt, er eben nicht nur eine rein körperliche Reaktion, „einen Steifen” bekommt, sondern solche Kontakte, wie es ja in der Broschüre auch heißt, wirkliche also wirkmächtige „Erregungszustände bei den Erwachsenen auslösen”? Wenn es dann eben nicht „innere Grenzen” (was auch immer die s.g. „Experten” darunter verstehen mögen),sind, die diesen Vater dann eine liebevolle Abgrenzung ermöglichen, sondern Ängste, etwas Verbotenes zu tun, womöglich selbst ein Pädophiler, ein Sittenstrolch zu sein, Panik oder auch: Kontrollverlust! auslösen? Für die Generation meiner Eltern war es nahezu unvorstellbar, dass ein Mann und eine Frau allein und unbeobachtet in einer Wohnung sind und diese dann nicht übereinander herfallen. Die für unsere Generation schon beinah alltägliche Begebenheit, dass eine „Bekannte” in meiner Wohnung, gar noch in meinem Bett schlafen würde und nichts passiert, würde bei meinem Vater nur scheinbar „wissendes” Grinsen auslösen, er würde es schlichtweg nicht für möglich halten. Genau hier war der Knackpunkt bereits in den 70er Jahren. Und die „Experten” haben anscheinend nicht dazu gelernt, für sie ist ja an Sexualität nichts fragwürdiges. Die alte und aktuelle Lösung, dass Ziel der Aktivitäten nicht die (genitale) Lust des Erwachsenen sein dürfe, führt zu der paradoxen Situation, dass der Erwachsene also dem Kind sinnliche Lust vermitteln soll, aber selbst dabei sicher sein muss (und das auch kommunizieren muss), dass er selbst dabei keinerlei sinnliche Lust sucht. Und nicht nur das allein. Die Elternratgeber scheinen hier schlicht von der Situation einer isolierten („privaten”) Kleinfamilie mit nur einem Kind auszugehen. Wäre es sonst nicht immerhin fragwürdig, wie es sich denn wohl auswirkt, wenn etwa ein gerade in die Pubertät kommendes Geschwisterkind die genitalienstimulierende Pflege beobachtet? Soll das kleine Mädchen z.B. nur zum Vater oder auch zum 14-jährigen Bruder mit in die Wanne? Soll es dann auch an dessen Genitalien spielen? Und was sagen wir diesem Bruder, wenn er davon erregt wird? Auch, dass dies ja eine ganz wunderbare Gelegenheit ist, mal klarzumachen, wo seine Grenzen sind? Einem Kind/Jugendlichen, der womöglich noch nie an seinem nun besonders lustempfindlichen Glied gestreichelt wurde? Vor dieser Frage wird doch deutlich, dass die Warnung des konservativen Degenhard, junge Väter lieber aus dem Umgang mit nackten Kindern fern zu halten, weil sie sonst ihren „Begierden nicht widerstehen können” gerade nicht diskriminierend ist, da hier ja implizit mitgesagt ist, dass es wahrscheinlich, also völlig normal ist, dass ein junger Mann durch den Anblick und Umgang mit nackter Haut eines Kindes erregt wird. Ihm bliebe also die für viele Menschen unerträgliche Frage erspart: Bin ich etwa pädophil? Auch wenn in den Medien vorzugsweise vom Erwachsenen die Rede ist, der sich an Kindern vergreift: Tatsächlich war schon in den 70ern und ist heute noch vermehrt ein großer Anteil der fachpädagogischen psychatrischen und strafrechtlichen Maßnahmen gegen ältere Jugendliche gerichtet. Die angebliche Anti-Diskriminierung schlägt doch spätestens mit jetzt auch in Deutschland angebotenenen Anti-Pädophilie-„Folter”-Therapien in extreme Diskriminierung um. Ein nochmaliger genauerer Blick auf obiges Zitat zeigt übrigens, dass Erregung beim Älteren tatsächlich nicht als Problem gesehen wird, sondern lediglich (an anderer Stelle) wenn diese Erregung gezielt gesucht wird:
Da ist keine Körperregion vor intensivster Erkundung sicher und natürlich auch nicht die Genitalien, die manchmal Erregungszustände bei den Erwachsenen auslösen. Es kann aber auch sein, dass Ihnen bestimmte intime Berührungen bei aller Akzeptanz kindlicher Neugier unangenehm sind, weil Ihr Intimbereich unwissentlich vom Kind verletzt wird.
Das „aber” habe ich hier hervorgehoben, um zu zeigen, dass hier eben nicht die Erregung als Grund gesehen wird, das Spiel zu unterbrechen, sondern wenn statt der Erregung ein unangenehmes Gefühl auftritt. Wie aber ein Älterer, also Erwachsener oder Jungendlicher mit seiner Erregung dann umgehen soll, dazu schweigt sich der Ratgeber aus.
In der Broschüre heisst es unter anderem:
Die liebevolle Begleitung Ihrer Tochter bzw. Ihres Sohnes umfasst neben dem Eingehen auf die Wünsche und Fragen Ihres Kindes auch die aktive Förderung seiner Sinnlichkeit, seines Körperentdeckens und seiner Neugier. Diese Aussage mag in Ihren Augen womöglich ein bisschen zu weit gehen. Aber überlegen Sie einmal einen Augenblick: Gibt es einen anderen Bereich der kindlichen Entwicklung, wo Sie nicht von sich aus initiativ werden und Ihr Kind anzuregen versuchen, dass es etwas kennen lernt, sich entwickelt [...] Sie führen seine Nase an eine Blume, damit es daran riecht und den Duft kennen lernt. Sie machen ihm früh den Unterschied zwischen einer roten und einer grünen Ampel klar, damit es sich im Straßenverkehr sicher zurechtfindet. Einzig im Bereich der Sexualerziehung zögern so manche Mütter und Väter, von sich aus das Kind anzuregen, und äußern die Sorge, es könne „verdorben“ oder „zu früh aufgeklärt“ werden und damit „auf falsche Gedanken“ kommen oder „frühreif“ werden. Nach allem, was an Untersuchungen dazu vorliegt, kann diese Sorge als überflüssig zurückgewiesen werden.
Auch an diesem Zitat ist „aus fachlicher Sicht” so gut wie alles falsch. Hinten angefangen, ist die Sorge von „Frühreife” eben nicht unbegründet. Es kommt darauf an, was wir darunter verstehen. Ich konnte in mindestens zwei Kindergärten beobachten, wie schnell das Onanieren von je zunächst nur einem Kind sich auf die anderen Kinder übertrug. Wissenschaftlich ist längst vielfach belegt, dass „Sexualität” z.B. nicht mit Hunger vergleichbar ist, d.h. die Intensität der Lust nimmt bei fehlender sexueller „Nahrung” nicht zu. Wohl auch gerade deshalb empfiehlt der Ratgeber ja eine aktive Stimulierung! Die Lust soll geweckt, angeregt, verstärkt werden. Und dass mit aktiver Förderung der Sinnlichkeit nichts anderes gemeint ist, als „Sexualisierung”, wie Gabriele Kuby behauptet, bedarf keiner aus dem Zusammenhang herausgerissener Zitate, sondern ergibt sich im Gegenteil gerade bei sorgfältiger Lektüre des Textes.
Nun beinhaltet aber diese geplante Sexualisierung nicht nur eine Freisetzung erotischer Energien, sondern zugleich eine Manipulation dieser Kräfte. Im zweiten Teil der Broschüre wird unter der Überschrift „Wilde Jungen – zarte Mädchen?” implizit ausgehend von der Gender-Ideologie, nach der Unterschiede zwischen den Geschlechtern immer konstruierte Unterschiede sind, den Eltern nahegelegt, den Mädchen das Toben und den Jungen das Schmusen nicht zu verbieten. Dass es hier tatsächlich um die Schaffung eines neuen und zwar geschlechtslosen Menschen geht, entgeht trotz der vorsichtigen Formulierung in den Elternratgebern nicht. An anderer Stelle heißt es:
Dabei wäre es wünschenswert, dass beide Erwachsenen darauf achten, nicht fortwährend traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit zu wiederholen, indem z. B. der Vater immer für das heftige Toben und die Mutter immer für das Trösten zuständig ist, sondern darin durchaus abzuwechseln. Denn Kinder lernen über das Vorbild und kopieren die Verhaltensweisen der Eltern.
Schon deshalb ist ein Rat, wie er von Kardinal Degenhard geäußert wurde, für die Gender-geilen „Experten” absolut inakzeptabel. Aber auch dieses hier aufgestellte Traditionstabu ist doch mindestens der Frage würdig: Warum sollen traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit eigentlich nicht wiederholt werden? Zumindest waren und sind traditionell weibliche und männliche Verführungsmuster bis heute erfolgreicher für die Anbahnung heterosexueller Kontakte, das weiß jede und jeder aus eigener Erfahrung, dazu braucht es nicht mal eine Statistik. Daraus lässt sich dann aber schließen, dass die Weckung und gleichzeitig erstrebte Manipulation der sexuellen Äußerung zu einer geschlechtsunabhängigen Gender-Geilheit nichts anderes als Förderung von Homo-Erotik darstellt. Und zwar Homo-Erotik als Ergebnis der Aufhebung der Unterscheidung zwischen „typisch weiblich” oder „typisch männlich”. Homoerotik so verstanden ist also keine böswillige Unterstellung, sondern vielmehr eine Tautologie für die Gender-Erotik. Nimmt man einmal als gegeben, dass für viele Menschen der Erfolg beim anderen Geschlecht eines der wichtigsten Kriterien für ein erfolgreiches Leben überhaupt bedeutet, dann heißt das nichts anderes, als dass – solange der neue Mensch nicht verwirklicht ist – die so manipulierten Kinder auf Misserfolg programmiert werden. Einem Jungen das aggressive erobern wollen und können abzutrainieren heißt in der Pop-Sprache ihn zum „Frauenversteher”, zum „Weichei” zu machen. Die Chance, dass er sich dann vom heterosexuellen Kontext abwendet, ist, so oft „Experten” auch das Gegenteil behaupten mögen, nicht unwahrscheinlich, sicher jedenfalls nicht auszuschließen. Wollten aber Gender-Ideologen dieser Behauptung von mir wiedersprechen, müssten sie gleichzeitig ihre Gender-Ideologie aufgeben, nach der nicht nur Geschlechtlichkeit, sondern eben auch sexuelle Präferenz nicht in die Wiege gelegt, sondern konstruiert, also gestaltbar ist.
Auch der Vergleich der angestrebten „Förderung von Sinnlichkeit”, also dem Verstärken oder aus meiner Sicht eher Herbeirufen von erotischer Energie mit der Pflicht der Eltern, für die Sicherheit ihrer Kinder zu sorgen, indem sie ihnen den Unterschied zwischen einer roten und grünen Ampel erklären, sollte nicht einfach überlesen werden. Man muss solche Aussagen übertreiben, um sie besser einordnen zu können. Nehmen wir deshalb das in unserer Kultur übliche Zwingen eines Kindes, in seinem Bett in einem Zimmer allein zu schlafen. (Dass dies nicht überall selbstverständlich ist, wurde mir erst klar, als meine kenianische Freundin sich vor Jahren furchtbar darüber erregte, dass ich so grausam zu meinem Sohn wäre, ihn dazu zu überreden, allein in einem abgedunkelten Raum einschlafen zu sollen) Stellen wir uns also folgenden Dialog vor:
Papa: So, jetzt ist es aber wirklich Zeit, leg dich hin, mach die Augen zu, morgen früh ist wieder Kindergarten, ich lasse auch die Türe einen Spalt auf.
Kind: Nein ich will nicht. Ich habe Angst vor Gespenstern.
Papa: Ach komm. Ich schau unterm Bett nach. Siehst du, da sind keine Gespenster.
Kind: Aber bitte lass das Licht an.
Und jetzt fördern wir mal die „Sinnlichkeit”, die ja die Verfasserin mit dem Duft von Blumen und der Gefahr des Straßenverkehrs gleich setzt:
Papa: So, jetzt ist es aber wirklich Zeit. Wir haben heute überhaupt noch nicht an deinem Schwanz gespielt. Ich habe dir doch schon oft erklärt, wie wichtig das ist für deine Zukunft, dass wir das regelmäßig machen.
Kind: Nein ich will nicht. Ich habe Angst, dass du mir weh tust.
Papa: Ach komm. Ich bin auch ganz vorsichtig. Schau mal, ich hab ihn im Mund und du spürst doch meine Zähne auch gar nicht.
Kind: Aber sei wirklich ganz vorsichtig; und nicht so lange bitte.
Zugegeben, jeder Vergleich hinkt und jede Übertreibung bleibt Übertreibung. Aber worauf ich hinaus wollte ist: Erotik, Sexualität, Liebe: das ist keine Ampel und auch keine Blume, die man einem Kind einfach so vor die Nase hält, um Sinnlichkeit zu fördern.
Richtig bleibt auch, was ich schon in den 70ern provokant behauptet habe: Man kann nicht keinen Sex mit den Kindern machen. Dieser Satz wird verständlich, wenn man Erotik als Lebenskraft viel allgemeiner sieht und nicht nur auf genitale Sexualität beschränkt. Aber es gibt eben tradierte eingespielte Rituale im Umgang mit Kindern. Und diese sind nicht nur von Familie zu Familie verschieden. Wir müssen in Deutschland auch die Anwesenheit von Familien aus islamisch konservativen Umfeld berücksichtigen. Ich stehe als Sozialpädagoge, der gerade totale Institutionen reichlich kennen gelernt hat, immer noch (besser: immer mehr) zu dem inzwischen altmodischen Satz: Die schlechteste Familie ist besser, als die beste staatliche Institution. Elternratgeber wie die beiden, um die es hier geht, üben zwanglose Herrschaft aus. Es ist in politischer und therapeutischer Methodik ein Allgemeinplatz, dass man die Menschen dort abholen muss, wo sie sind, das meint: nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Aus Sicht der Zielgruppe staatlicher Propaganda, also aus unserer Sicht, passt da eher der Vergleich mit dem Abkochen von Fröschen. Schmeißt man sie in heißes Wasser, springen sie heraus und retten sich. Wird aber das Wasser langsam erwärmt, bleiben sie im Topf und lassen sich freiwillig abkochen.
Ratgeber wie die hier besprochenen sind Teil der zunehmenden Biopolitik des Staates, von der Foucault einmal gesagt hat, dass in ihr nicht mehr nur unser politisches sondern unser nacktes Leben auf dem Spiel steht. Eltern sind gut beraten, wenn sie sich eher an den Sitten und Traditionen ihrer Vorfahren, der Großeltern z.B., orientieren und nicht den Versprechen und Ratschlägen trauen, die, eingebettet in die Gender-Ideologie genau diese Traditionen verurteilen und vernichten wollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Gabriele Kuby etwa, die z.B. große Bedenken gegen Harry-Potter-Bücher hat, ihre Kinder auf eine Weise erzieht, die ich überhaupt nicht gut finde. Aber das ist nicht meine Sache. Und ganz sicher nicht Sache staatlicher Propaganda. Wehren wir uns dagegen, dass der Staat mit unseren Kindern Onkel Doktor spielt.
29. Dezember 2008 um 21:58
Ich habe ein paar Anmerkungen:
1. Wieso ist Sexualerziehung “fragwürdig”? Sie argumentieren nicht für diese These, sondern gehen nahtlos über in das Fallbeispiel eines Vaters, der Angst davor hat, beim Baden mit seinem Kind eine Erektion zu bekommen. Das zeigt doch schon, dass es gerade nötig ist, ein Kind von Anfang an mit etwas so selbstverständlichem wie Sexualität zu konfrontieren, es also: zu “erziehen”. Sie sagen, das könne dieser Vater gar nicht leisten, da er in seinem bürgerlichen Verständnis Angst vor seiner eigenen möglichen Erregung hat, und da sage ich: ja, eben! Dafür ist diese Broschüre da: dass sich eine solche Angst legt, dass man seine Erregung (und die mögliche des Kindes) eben nicht als “Verhängnis” (Kardinal Degenhardt) begreift.
2. “Gender Mainstreaming” - das haben JF und Sie als williger Fürsprecher dieser reaktionären Idioten nicht kapiert - bedeutet die Berücksichtigung der individuellen Geschlechtlichkeit eines jeden Menschen in allen Lebenslagen. Das ist das GEGENTEIL von “jede Differenz zwischen Vater und Mutter aufheben”. Ihre ganze Kritik beruht also auf einem völlig falschen Verständnis des zugrunde liegenden Konzepts.
3. Zu Ihrer “ersten Gefahr”: “nicht gender-taugliche Väter” aus dem Verkehr ziehen ist in der Tat eine gute Sache, wenn damit gemeint ist, Kinder aus dem Einfluss solcher Männer zu schaffen, die ihre jeweils individuelle Geschlechtlichkeit nicht akzeptieren, ihre Söhne oder Töchter also schlagen oder versuchen umzuerziehen, weil diese nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt von der glücklichen heterosexuellen Zweierbeziehung passen.
4. Zu Ihrer “zweiten Gefahr”: man könnte tatsächlich erregt werden. Ja, und? Dann muss man das problematisieren, hinterfragen, darüber reden: und nicht einfach verklemmt unter den Teppich kehren, so wie Sie es vorschlagen. Auch Ihr Hinweis auf die Stigmatisierung als Pädophiler entlarvt sich, wie sowieso Ihre ganzen Überlegungen, als merkwürdiger Versuch, bestehende Missstände (eben die Diskrimierung pädophiler Menschen) nicht zu hinterfragen, sondern als gegeben hinzunehmen und nicht einmal mehr in Gedanken dagegen anzugehen. Sie sind erzkonservativ geworden.
5. Die Sorge, ein Kind könne “frühreif” sein, IST unbegründet. Sexuelle Lust kann man in jedem Alter empfinden. Sie können abermals kein Gegenargument dafür bieten, sondern erzählen eine Anekdote und stellen Behauptungen auf (”Sexualität ungleich Hunger” - ach was? - und “Sexualisierung!”)
6. Ihre Ablehnung von Homoerotik wird damit begründet, dass Heterosexualität die normale und verbreitete Form menschlichen Sexuallebens sei. Das ist aber keine Begründung, sondern lediglich eine Feststellung, aus der eigentlich nichts folgt. SIE machen aus der Eröffnung anderer Möglichkeiten von Sexualität eine Erziehung zum “Misserfolg”. Jungen, die keine plumpen Machos werden, sind für Sie arme Schweine, wertlos, schwule Säue eben. Anstatt dass Sie sich nun für diese Jungen einsetzen, Ihnen Selbstvertrauen geben, Sie als das annehmen, was sie sind, lassen Sie sie links liegen und wollen sie auf Hetero-Macho polen, damit sie ein Erfolg werden! Abermals wollen Sie nicht die Gesellschaft verändern, sondern kämpfen gegen die Opfer dieser Gesellschaft.
7. “Aktive Förderung von Sinnlichkeit” bedeutet nicht Zwang. Sie setzen das einfach gleich. Dumm.
8. Sie sagen, Familie sei immer besser als Institution. Ein Argument können Sie wieder nicht nennen, sondern Sie berufen sich auf Ihre Horrorerfahrungen in “totalen Institutionen”. Fragen Sie doch mal all die Opfer innerfamiliärer (sexueller) Gewalt, was die davon halten, dass selbst die schlechteste Familie immer noch besser sein soll als ein anderes Lebensumfeld. Gerade Sie müssten doch wissen, dass es Menschen gibt, für die die Familie die pure Hölle ist. Und die sind gar nicht selten!
9. Wie kommen Sie aber auf all den Unsinn? Nun: sie argumentieren ernsthaft mit “Tradition”, mit “das war schon immer so!” Und das sollten selbst Sie noch wissen, dass das unhaltbar ist.
10. Sie schreiben in Ihren Erinnerungen, dass Sie nichts bereuen. Damit belügen Sie sich selbst, denn nach dem, was Sie hier schreiben, müssten Sie schlicht ihre gesamte Biographie, die ich übrigens mit großem Interesse gelesen habe, als einen unfassbaren Sündenpfuhl begreifen. Ihr Vorbild Frau Kuby hat das ja auch schon geschafft, das werden Sie auch noch hinkriegen.
30. Dezember 2008 um 11:00
Okay. Ich will ein wenig auf die anonyme Kritik eingehen.
Zunächst aber eine Kritik an den Schreiber: man muss hier auf meinen Seiten keine EMail-Adresse hinterlassen, um einen Kommentar zu schreiben. Sie haben es dennoch, allerdings haben Sie eine falsche Mailadresse zu einer tatsächlich existierenden Web-Seite gemacht. Dieses Verhalten grenzt nach meinem Geschmack an nicht Tolerierbarem. Nur weil eine Seite sich pe.com nennt, dies dann als Einladung aufzufassen, die falsche Mailadresse no…pe anzugeben, ist nicht lustig, sondern langweilig und nervt sicher auch den Betreiber von pe.com.
Nun aber zu den Bemerkungen:
Das stimmt nicht. Zwar kann man mir diesen Vorwurf sicher oft machen, dass ich etwas einfach in den Raum stelle, aber nicht in diesem Fall. Der ganze Text handelt immer wieder von der Fragwürdigkeit einer Sexualerziehung. Vielleicht ist es (Ihre IP verweist auf die Niederlande) auch nur ein Sprachproblem und Ihnen ist entgangen, dass ich bewusst Erziehung kursiv gesetzt habe und im Wort fragwürdig den Teil “würdig” umd zu zeigen, dass eine Auseinandersetzung mit und Infragestellung von Sexualerziehung durchaus wertvoll, “würdig” ist.
Jaja. “Von Anfang an”, das werden Sie vielleicht begreifen, wenn Sie mal andere Texte von mir lesen, ist eben nicht die Geburt. Das führt sonst eben zu diesem typischen linken Faschismus, der immer wieder auf die nächste Generation Kinder setzt und diese erziehen muss, möglichst frei von traditionellen Einflüssen. Ein Kind ist aber “von Anfang an” Kind seiner Mutter und Väter. Für Sie ist also der Vater für das Kind gefährlich, er müsste erst ins Umerziehungslager, bevor man ihn auf sein Kind loslässt. Und im kleinen soll dann so eine Broschüre so ein Umerziehungslager bieten?
Also ich denke nicht, dass ich beim Vater ein bürgerliches Verständnis ins Bild gesetzt habe, vielmehr habe ich ihn wohl eher als Arbeiter, als Proletarier dargestellt. Ich habe im Text auch ausführlich dargelegt, wie ich vermute, dass eine Broschüre, bzw. die mündliche Standardantwort “fortschrittlicher” Sozialarbeit auf ihn gewirkt hätte.
Sie schließen voreilig, dass ich etwas nicht kapiert habe, während in Wirklichkeit Sie meine Kritik nicht verstanden haben. Um bei Ihrem Satz zu bleiben: “die Berücksichtigung der individuellen Geschlechtlichkeit eines jeden Menschen…” entspricht exakt dem “jede Differenz zwischen Vater und Mutter aufheben”. Nur scheinbar ist es das Gegenteil. Versuchen wir es mit einem unbelasteteren Beispiel: Wenn ich immer anziehe, wozu ich gerade Lust habe unabhängig davon ob Sonntag oder Alltag ist, verschwindet irgendwann möglicherweise jede Differenz zwischen “Festtagskleidung” und “Alltagskleidung”. Das kann man gut finden (und ist ja auch weitgehend Realität geworden) oder bedauern.
Ja. Sie geben mir Recht. Sie sind in meinen Augen gefährlich und ich will nicht, dass Sie Macht über das Schicksal von Kindern haben!
Ich habe zu keinem Zeitpunkt vorgeschlagen, etwas verklemmt unter den Teppich zu kehren. Ich stehe hier — im Gegensatz zu Ihrer Anonymität — mit meinem vollen Namen dafür ein, was ich sage und ich habe dem Vater im Beispiel vorgeschlagen, dann eben NICHT mit seiner Tochter zu baden, wenn er sich dabei schlecht fühlt.
Wow — ich wusste gar nicht, dass es schon “erzkonservativ” ist, Pädophilie zu hinterfragen. Ich tue und tat es, wenn Sie meine Diplomarbeit gelesen haben, übrigens durchaus nur anders, als Ihnen offenbar lieb ist: sich selbst als pädophil zu bezeichnen, IST bereits Diskriminierung, genau so wie Homo- oder Heterosexualität eine diskriminierende Schublade darstellt.
Ich weiß jetzt nicht mehr, worin Sie sich hier verrennen. Mit meinem Text hat Ihre Kritik hier nichts mehr zu tun. Ich bestreite nicht, dass Kinder in jedem Alter erotische Leidenschaft empfinden können und beschreibe sogar mein eigenes Beispiel für eine solche frühe Erotik.
Häh? Ich lehne Homoerotik mit dem Hinweis auf “normale” Heterosexualität ab? Häh?
Haha. Sicher belüge ich mich nicht selbst. Und um ein aktuelles Beispiel zu geben: eine Bekannte hat mir von einem 15-jährigen Praktikanten an ihrer Arbeitsstelle erzählt, der unbedingt einen Schwanz lecken möchte und überzeugt ist, schwul zu sein. Nachdem sie ihm von mir erzählt und ein Foto gezeigt hat, möchte er nun meinen Schwanz lecken, das erste Mal in seinem Leben einen Schwanz in den Mund nehmen. Warum nicht? sage ich da. Und ich hoffe, dass er sich von dieser Fixierung löst, wenn er diese Erfahrung mal gemacht hat und dann offener für weitere erotische Abenteuer ist. Mit anderen Worten: ich bin nach wie vor bereit, analog meinem Vorbild, dem Anarchisten und Gestalttherapeuten Paul Goodman, die “Verbrechen” zu begehen, die ein freier Mann begehen muss, will er nicht seine Freiheit verraten. Vielleicht versuchen Sie nochmal meine Texte zu verstehen und FRAGEN, wenn sie etwas nicht verstanden haben, statt voreilig mit oberflächlicher (wenn auch ausführlicher) Kritik zu reagieren?
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Frau Kuby ist sicher nicht mein Vorbild.
29. Juni 2009 um 00:27
Ich habe ihre gesammelten Erzählungen heute im Rahmen von Nachforschungen zu der Genderentwicklung gelesen und habe eine Menge gelernt. Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit, obwohl sie bisweilen für einen konservativen, liebevollen Menschen schwierig sind.
Freie Liebe ist für mich nicht mehr als die Befreiung zur gierigen zügellosen zwanghaften Lust.
Es ist vergleichbar mit einem All-You-Can-Eat-Megasize-Menü. Alle Teilnehmer werden gezwungen, mit allen anderen am Tisch zu sitzen. Sie müssen den direkten Nachbarn einen krankhaften Fresser ertragen, ob sie wollen oder nicht. Wann immer einer der Teilnehmer anfängt gesittet bei Tisch aufzutreten, wird ihm seine Tischregel als Beklemmung verklärt, Portionen zwangsweise angeboten, sein Verhalten als krank stigmatisiert, weil er jeden Bissen einzeln genußvoll kauen möchte und genau wissen will, woher jedes Stück Fleisch und Gemüse stammt.
So ist es eben nicht mehr den einzelnen Teilnehmern überlassen selbst Entscheidungen zu treffen. Sie werden in dem Sog der Gruppendynamiken in Ränkereien mit Nachbarn während diese widerlicherweise jede Manieren und jedes Maß vermissen lassen und sogar oft im Gespräch sich ekelerregend verhalten. Bissen ungekaut herunterschlingen, Gerichte zusammenmatschen, die überzuckert und viel zu fettreich sind, die rohe Waren beinhalten und sich teils in ihrem erbrochenen suhlend das nächste Mahl ordern von einem niemals endenden Büffet.
Wer noch Tischmanieren hat, soll umerzogen werden und sich gefälligst anpassen und auf ein für ihn unwürdiges Niveau begeben. Seine Kinder, die als Beobachter und leere Gefäße Einflüsse aufsaugen, kann er kaum noch nach seinen Vorstellungen erziehen, weil ewig lockt die Süßigkeit.
Ich bin mir der latenten Verurteilung ihrer Person und vieler Menschen bewußt, die ich hiermit betreibe, und hoffe sie Entschuldigen diesen etwas gemeinen Vergleich, der aber meine persönlichen Gefühle gut beschreibt.
Ich hoffe sie haben meinen Standpunkt in diesem Vergleich ausmachen können. Was mir an dieser Richtung gefällt, ist die Mühe um eine individuelle Wahrnehmung, die man sich auf die Fahnen geschrieben hat. Individuell heißt aber auch, das jeder seiner Fasson gemäß vorgehen darf, ohne zu etwas gezwungen zu werden. Ich werde aber bereits gezwungen, wenn ich mir eine fanatisch sexualisierte Lebensweise anschauen muss, die mich anekelt. Nicht die Sexualität, nicht Homosexualität oder andere Spielarten, die ja jeder leben darf, aber ihre öffentliche Lobpreisung geht gegen alles akzeptable. Wie dem Kind, das sich in der Öffentlichkeit seinem verdienten Erkundungsspiel hingibt, zu raten sich zurückzuziehen und dies in einer privateren Atmosphäre zu vollziehen, so sollte doch zumindest im Sinne der gegenseitigen Rücksichtnahme eben die Sexualität nicht so sehr in die Öffentlichkeit getragen werden, sondern im privaten verbleiben. Es ist keine Forderung nach Tabuisierung, sondern eine Bitte, Intimität und Privatsphäre zu erhalten.
Diese geben viele Junge Menschen heute unbesehen und freiwillig freudig auf. Was sie für einen Preis dafür zahlen, wissen sie nicht und dadurch ist es aus ihrer Wahrnehmung ausgeschlossen. Es ist für diese nicht mehr begreifbar, was es einst hieß für eine Frau zu buhlen, ihr den Hof zu machen, das Herzklopfen, der Reiz die nichtkörperliche Liebeskunst geht verloren. Somit ist auch die tiefe Liebe, die die Sexualität mit einem Partner erwirken kann, die tiefe Verbundenheit, die dieser Akt der intimsten Zweisamkeit ermöglicht, dies ist ihnen verschlossen. Niemand hat ihnen beigebracht so zu leben und vor allem so zu fühlen.
Gesunde Sexualität kommt ohne Extreme aus. Extreme deuten meist auf einen Fehler im System hin. Nach dem Nähe / Distanz Beständigkeit / Wechsel ist es eine Irritation, ein Ausschlag weitab in der Skala, der auf eine Persönlichkeitsstörung hinweist, eine die unsere Gesellschaft infiziert und sich auf der erkaltenden zwischenmenschlichen Ebene eine Bahn zu einer Ersatzbefriedigung für tiefe Liebe und Zuneigung entwickelt.
Ich fühle ihnen übrigens nach, wieso sie weinten als die Sekretärin sie umarmte und ich habe auf meine Weise einen ähnlichen emotionalen Frühling erlebt, ohne körperlichen Kontakt, auf eine ähnlich intime Berührung eines seelenverwandten Menschen.
Mir steht nun heute erstmals die Möglichkeit offen, mich ungehemmt zwischen den Geschlechtern zu bewegen und soll ich ihnen etwas sagen? Die Lieblosigkeit mit welcher die körperliche Liebe aufgezwungen wird, ist mir persönlich zuwieder.
Es grenzt an eine einzige riesengroße Vergewaltigung unmündiger und mündiger dies dermaßen aufzuhalsen. Andereseits verlangt es den Menschen danach, immer wieder seine fatalsten Erlebnisse oder Defizite direkt oder in einer Übertragung immer stets aufs Neue zu begehen.
Sexuelle Befreiung ist sicher nicht neu und nicht der Neuzeit vorbehalten, hat es sie nicht schon oft gegeben? In jeder Hochkultur? Zumeist gegen Ende ihres kulturellen Wirkens.
Freundliche Grüße mit der Bitte um Antwort
derderanonympostet: >
30. Juni 2009 um 17:15
Zunächst: Identifizierbare Kommentare mit richtiger Mailadresse beantworte ich lieber und daher sorgfältiger, aber ich gebe mir — auf die Schnelle — dennoch Mühe, wie gewünscht, auf den Kommentar einzugehen:
Absolut einverstanden. Wobei ich hier gleich einwenden muss: “Frei” ist ein Begriff, der von liberaler Propaganda geradezu in sein Gegenteil der ursprünglichen Bedeutung pervertiert wurde, ich bin hier ganz *konservativ* und benutze den Begriff Freiheit in überlieferter Bedeutung, da heisst frei sein, zu den Lieben zu gehören, also angehörig, nicht zügellos zu sein, für solche echte freie Liebe wäre ich und Sie sicher auch.
Oh nein, ich fühle mich da gar nicht angesprochen, sondern Sie reden mir — auch mit dem Vergleich des Essens und der Tischsitten — geradezu aus dem Herzen. Zwar sehe ich Kinder nicht als “leere Gefäße”, aber auch nicht, wie heute und seit der Antipädagogik-Ideologie propagiert als “Inhaber” der Zukunft, als die eigentlich Weisen, hinter die wir Alten uns zu verstecken hätten, die nicht “erzogen” werden dürfen, weil sie selbst am besten wissen, was für sie gut ist usw.
Ja. Da sehen Sie was für ein Unsinn die Propagierung der Zwangslosigkeit ist.
Diese Aussage ist unhistorisch und deshalb falsch. Werte sind nicht absolut, noch vor wenigen Jahrzehnten ging bei uns etwa Homosexualität “gegen alles Akzeptable”. Und ehrlich: auch heute noch kann ich nicht immer mit gutem Gefühl zuschauen, wenn sich zwei Männer wild abknutschen.
Sexuelle Befreiung ist sicher nicht neu und nicht der Neuzeit vorbehalten, hat es sie nicht schon oft gegeben? In jeder Hochkultur? Zumeist gegen Ende ihres kulturellen Wirkens.
“Sexuelle Befreiung” ist allerdings etwas ziemlich neues, genau genommen. Allein der Begriff “Sex” ist sehr neu und, wie schon ganz oben gesagt, verstanden unsere Vorfahren auch unter “Freiheit” etwas Entgegengesetztes. Lesen Sie vielleicht einmal Foucault, er räumte schon mitten in der “sexuellen Revolution” mit dem Mythos der Befreiung UND der angeblichen “sexuellen Unterdrückung” auf und zeigt, dass ein ungeheures Geschwätz über den Sex gestartet ist, damals Ende der 60er; dieses Geschwätz hat noch nicht aufgehört, im Gegenteil. Aber von einer “Kunst der Erotik” sind wir weiter entfernt, denn je.
Um nochmal aufs Essen zurückzukommen: Wir sollten mehr gut kochen und gut essen. Aber hier geschieht etwas ähnliches, wie mit der Erotik: Kochkultur findet anscheinend zunehmend im Geschwätz der Medien statt, nicht am Heimischen Herd.
Klaus Heck