Körper Liebe Doktorspiele — Teil 8: “Frauen mit Hasskappe”

Der eiskalte Wind der Reaktion

Die Entfernung zweier Elternratgeber aus dem Angebot des Familienministerium habe ich in Körper Liebe Doktorspiele — Teil 1: Geht es wieder los?    zum Anlass genommenn, meine Diplomarbeit ins Netz zu stellen, die sich 1981 genau mit dem Thema: Umgang der Erwachsenen mit kindlicher Sexualität beschäftigt hat und am Beispiel meiner eigenen Biografie eine Serie zum Thema Sex von und mit Kindern in den 70ern begonnen.

Mit der provokanten Zusammenfassung „Man kann nicht keinen Sex mit Kindern haben” habe ich im  Zweiten Teil: Da unten kribbelts so schön  „Meine beschnittene Kindheit” selbst als eine Form sexuellen Missbrauchs beschrieben.  

Im dritten Teil: Ungeschickt und einsam  beschreibe ich unter anderem zwei Erfahrungen, die mich von dem Fluch meiner Mutter, die mir eingeschärft hatte, dass Frauen keinen Spaß am Sex hätten, eigentlich hätten befreien sollen. So wurde ich erstmals Zeuge weiblicher Lust,  sah, wie ausgerechnet ein kleines Mädchen sich selbst befriedigte und traf Sylvia, die mir von ihren extremen Leidenschaften ausführlich berichtete. Aber obwohl ich dann sogar für ein paar Wochen eine Freundin hatte, die sich die Pille besorgen und dann mit mir schlafen wollte, war der Bann noch nicht gebrochen. Ich war überzeugt, dass sie sich bestimmt nur als Preis für etwas anderes auf Sex mit mir einließ und beendete die Beziehung (übrigens die erste und letzte Beziehung, die ich  beendete)

Im vierten Teil beschreibe ich „mein erstes Mal” mit Francoise – ein Wochenende, das alles änderte – wie es dann weiterging, bis zu einem wiederum beeindruckenden Wochenende: Einem Ausflug mit dem Kinderladen, in dem ich Zivildienst machte. Es wurde eingeleitet mit der merkwürdig vertraulichen Bitte eines Vaters, seine Tochter vor dem Einschlafen zu streicheln…

In fünften Teil wurde die fünfjährige Anika meine Feundin und ich erzähle, wie es dazu kam, dass die Aussicht, selbst Vater zu werden, plötzlich greifbare Realität wurde.

Der sechste Teil beschreibt den Übergang von unserer anarchistischen Bewegung zur geistig moralischen Wende Helmut Kohls, die allerdings nicht nur äußerem Druck, sondern, vielleicht mehr noch unserer eigenen Kapitualtion geschuldet war, diese wiederum Folge schwacher, d.h. nicht klar antipatriarchalischer Theorie.

Der siebte Teil handelt hauptsächlich von meinen Erlebnissen in dem angeblich heilpädagogisch orientierten Kinderheim Hus Sünschien und endet damit, dass ich den ersten Neonazi, den ich je traf, mit meiner Punk-Freundin zusammenbringe, die ihn dann mit Sex und LSD wieder auf die  „richtige Bahn” brachte. 

 

Aids

Das Aufkommen von Aids kam Anfang der Achtziger Jahre der Reaktion wie gerufen, so dass gleichzeitig mit dem Bekanntwerden Verschwörungstheorien die Runde machten, dass es sich hierbei um nichts anderes handlen könne, als um einen von der CIA gezielt gegen freie Liebe und Homoerotik in Umlauf gebrachten chemischen Kampfstoff.

Den ersten an Aids erkrankten jungen Mann lerne ich Ende 1988 kennen, kurz bevor ich Petra zuliebe meine Stelle im Kinderheim Hus Sünschien in Uetersen kündige, um in einer anderen Stadt, hoffentlich mit ihr zusammen, neu anzufangen. Er war ein Bekannter von Maike, einem Punk, die einige Zeit bei mir und Sara wohnte. Zwar hatte ich bis da hin nur einmal sexuellen Kontakt mit Maike, aber ich weiß noch, dass mein erster Gedanke, als sie mir, nachdem der Bekannte wieder gegangen war, von dessen Erkrankung erzählte, war: Hoffentlich habe ich mich dabei nicht an Maike angesteckt. Also zielten meine Fragen an sie  auch darauf ab, möglichst unauffällig zu erkunden, wie nahe sie diesem Mann stand. Aber sie durchschaute mich sofort und meinte ne, ne, keine Sorge, der ist schwul.  Etwas erleichtert begann ich danach, heimlich, das Bad gründlich zu reinigen, obwohl damals schon klar war, dass selbst bei einem Zungenkuss das Ansteckungsrisiko gegen Null tendierte und erst recht keine Sorge bei gemeinsamer Benutzung von Bad und WC bestand. 

In der Folge war AIDS natürlich tatsächlich die Gegenmacht zur Pille, die mit ihrer Einführung wohl erheblich zu einer Lockerung der Sitten beigetragen hatte. Dies ging am Anfang so weit, dass eine neue extreme Körperfeindlichkeit sich breit machte; es gab Menschen, die nun sogar grundsätzlich jeden Händedruck vermieden. Aber vor allem auch das Treueversprechen bekam nun neues Gewicht. AIDS lieferte die Rechtfertigung für Eifersucht, der sich zu stellen, nun nicht mehr notwendig war.

Sara war inzwischen 9 Jahre alt. Ich hatte als ihr allein erziehender Vater zwar einen „Anbaggerbonus” bei Frauen, die das ja meist toll fanden. Aber auch mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen, als allein erziehende Mütter. Während des Kampfes um das Sorgerecht beispielsweise hatte sich meine eigene Mutter sofort und radikal auf Claudias Seite geschlagen, nicht nur, wie sie unumwunden zugab, weil sie mir keine Chancen zurechnete und es sich deshalb nicht mit Claudia verderben wollte, sondern auch, weil sie, wie die Meisten damals überzeugt war, dass ein Kind zur Mutter gehört. Beinahe lustig war die Bürokratie. So bekam ich für Sara zunächst keinen der knappen Plätze in einer Kindertagesstätte. Denn es gab eine Aufnahmehierarchie: dabei erhielt am meisten Punkte, wer aus einem Migrantenhintergrund kam, aus dem gleichen Ziel, der Integration, erhielten Arbeitslose viele Punkte und schließlich wurden noch Kinder von alleinerziehenden Müttern bevorzugt. So teilte mir die Stadt Wedel in voller Gedankenlosigkeit mit, dass in meinem Fall ja keines der Kriterien anwendbar sei, schließlich wäre ich ja keine allein erziehende Mutter.

Vater, Mutter, Kind

Nun hatte ich eine neue Stelle in Bückeburg gefunden, als Leiter einer Einrichtung für erwachsene geistig behinderte Menschen. Anfang Dezember fuhr ich mit Sara und Bianca, die inzwischen (auch aufgrund meiner Intervention) wieder, wonach sie sich die ganze Zeit sehnte, bei ihren Eltern in Kiel leben durfte, an einem Samstag nach Bückeburg, um eine Wohnung für mich, Sara und vielleicht ja Petra, zu finden. Ich hatte damals ein großes altes Wohnmobil. Sara und Bianca spielten die meiste Zeit hinten. Plötzlich kam Sara nach vorn zu mir und meinte, Bianca wäre weg. Das konnte nicht sein, wir hatten ja keine Pause gemacht. Sara sollte also überall nachschauen, in den Schränken, in der Dusche, in den Staukästen unter dem Bett. Aber sie war nirgendwo. Tatsächlich war Bianca einfach während der Fahrt auf der Landstraße aus dem Heckfenster geklettert und hatte sich auf den Motorradanhänger gesetzt. Natürlich fuhr mir der Schreck in die Glieder, aber ich konnte ihr nie wirklich böse sein.  Bald saßen wir alle drei vorn und Bianca fragte mich, ob ich sie nicht heiraten wolle, irgendwann, dann könne sie Saras Mutter sein. Sara fand die Idee toll. Es war Morgens. Wir hatten an einem See auf halber Strecke übernachtet. Das Wohnmobil schaffte gerade mal 80 km/h und wir hatten Bianca am Abend vorher in Kiel bei ihren Eltern abgeholt. Wir waren im See schwimmen, nackt, wie damals alle, immer und überall. Dann hatten wir einen Kakao gekocht und lagen ohne uns wieder anzuziehen irgendwann  fröstelnd unter der Decke des breiten Bettes. Bianca war dreizehn Jahre alt. Sie hatte ihre Regel. Das Blut lief an ihren Beinen herunter. Bianca lag in der Mitte und irgendwann kuschelten wir uns aneinander. Ich legte meinen Arm um sie und berührte  zufällig ihren schon recht großen Busen. Aber ich zog die Hand nicht weg, sondern streichelte, nur einmal, über eine ihrer Brüste. Da merkte ich, dass das Blut in meinen Schwanz schoss, nahm die Hand wieder weg und drehte mich auf die andere Seite. Es kam mir nun vor, als ob Biancas Frage, ob ich sie nicht heiraten wolle, eine direkte Reaktion auf diesen kurzen Moment körperlicher Intimität war, der von ihr offenbar nicht unbemerkt geblieben war.  Ich lachte: Ja, schade, dass das nicht geht. In Japan ginge das vielleicht, da kann man mit 14 heiraten, sagte ich.  Warum geht das denn nicht in Deutschland? wollte Sara wissen. Das weiß ich auch nicht, antwortete ich. Wir suchten ein Restaurant zum Frühstücken und beschlossen Vater, Mutter, Kind zu spielen. Bianca und ich Arm in Arm betraten wir die Gaststätte und Bianca sprach Sara nun, immer wenn die Kellnerin in der Nähe war, mit Kind an. Was möchtest du trinken, Kind?  – Benimm dich Kind!  Der Höhepunkt unseres Spiels war, dass ich Bianca meine Geldbörse zusteckte und die „Mutter” nach der Rechnung verlangte und sie beglich. Als wir draußen waren, prusteten wir los und waren überzeugt, dass die Kellnerin tatsächlich geglaubt habe, dass Bianca Saras Mutter und meine Frau wäre und sie vielleicht nur etwas jünger aussah. Vielleicht stimmte das sogar.

Der erste Schultag in der neuen Schule, auf den Sara sich eigentlich gefreut hatte, geriet zum Fiasko. Ich gehe nie wieder in diese Schule! Mit diesem Entschluss kam Sara wütend nach Hause. Sie war in der ersten kleinen Pause aufgestanden und auf den Schulhof gelaufen. Sie wunderte sich, dass sie da ganz allein war und ging wieder in den Klassenraum zurück. Dort wartete ihre Lehrerin und schimpfte sie furchtbar aus: Was ihr einfiele, einfach unerlaubt den Klassenraum zu verlassen. Sara hatte versucht, ihrer neuen Klassenlehrerin zu erklären, dass an ihrer alten Schule die Kinder auch die kleinen Pausen auf dem Schulhof verbrachten. Aber die hatte ihr nicht geglaubt und sie als ungezogen beschimpft. Obwohl ich Sara versprach, mit der Lehrerin zu reden, blieb sie stur, sie ginge nie wieder dort hin. Da stand ich nun vor dem Problem, das ich einst gemeinsam mit Claudia hatte. Wir würden Sara nicht zwingen, die Schule zu besuchen, war unsere gemeinsame Überzeugung. Ich erinnerte mich daran, dass Sara sich als Kleinkind lange geweigert hatte, zur Toilette zu gehen, obwohl sie es schon konnte und lieber in die Windeln pinkelte. Damals hatte Claudia ihr kurz vorher Kaugummi verboten, weil sie es immer runterschluckte. Ich kam da auf die Idee eines Geschäftes: Die Windeln sind sehr teuer Sara. Was hältst du davon, wenn du auf dem Klo Pipi machst und jedes Mal ein Kaugummi bekommst?  —  Von dem Tag an brauchten wir nie wieder eine Windel. Also versuchte ich wieder einen Deal. Ich erklärte ihr, dass, wenn sie nicht zur Schule wolle, sie auch nicht müsse, versprochen. Allein – dann könne es sein, dass wir dann irgendwann aus Deutschland fliehen müssten, jedenfalls würde ich einen Riesen Ärger bekommen. Was sie also davon hielte, wenn ich ihr Taschengeld erhöhen würde und sie dafür zur Schule ging? Zu meinem Glück war Sara wieder sofort einverstanden.  

Einsam mit schlechtem Gewissen ohne Ende

Für mich begann eine Zeit großer Einsamkeit und schlechtem Gewissen ohne Ende. Ich kannte niemanden in Bückeburg und als ihr Chef begegneten mir die Mitarbeiter zunächst mit einer Distanz, auf die ich gar nicht gefasst war. Bekanntermaßen entstehen ja die meisten Bindungen am Arbeitsplatz. Wie sollte ich nur Freunde in dieser fremden Stadt finden, war meine Sorge, wenn die Kollegen, die Mitarbeiter irgendwie tabu waren? Meine Mutter, der ich einmal mein Leid am Telefon klagte, hatte wieder einmal kein bisschen Verständnis: Du bist doch nicht alleine, du hast doch dein Kind! war ihre vorwurfsvolle Reaktion. Dabei war durch meine Pflicht Sara gegenüber meine Einsamkeit ja nur noch größer und hinzu kam das schlechte Gewissen, nicht genügend Zeit für sie zu haben. Der Geschäftsführer, den ich ungeschickterweise, weil ich korrekt sein wollte, fragte, ob Sara im Heim Mittag essen dürfe, lehnte das rigoros ab:  Sie haben bei der Einstellung versichert, dass ihr Kind Sie in der Arbeit nicht behindern würde, nun fangen Sie nicht so an!  Ich leitete also ein Behindertenheim, in dem Behinderungen nicht gern gesehen wurden… Immerhin hatte ich ja als Heimleiter die Macht, meinen Mitarbeitern zu gestatten, ihre Kinder mit zur Arbeit zu bringen, wenn sie wollten. Ich rannte also jeweils in der Mittagspause schnell zur Wohnung, die glücklicherweise ganz in der Nähe des Heimes war und machte Sara irgendein Fertiggericht warm. Später nahm ich mir dann manchmal auch Arbeit mit nach Hause und konnte so Nachmittags schon recht früh wieder bei Sara sein. Doch ständig hatte ich jetzt ein schlechtes Gewissen. Zuerst Sara gegenüber. Ich erlaubte ihr grundsätztich, so viele Freunde mit nach Hause zu bringen, wie sie wollte. Wenn ich dann Feierabend hatte, sah die Wohnung immer wie ein Schlachtfeld aus. Aber für mich war das dann der Beleg, dass Sara ihren Spaß gehabt hatte, was mein schlechtes Gewissen wenigstens etwas und für kurze Zeit beruhigte. In ein paar Jahren wird Sara mir allerdings vorwerfen, sie habe als Kind meinen Haushalt machen müssen.  Tatsächlich ging sie damals nicht mal, wie ich von ihr als einzige Aufgabe verlangt hatte, mit dem Hund, Feldmann, Gassi. Der war aus Uetersen ein ganz anderes Leben gewohnt, durfte dort noch unbeaufsichtigt durch die Gegend ums Heim herum seine Streifzüge machen. Nun versuchte er mir ein paar Mal auszubüchsen, also hatte ich auch ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen. Und als ich mich in eine Mitarbeiterin ein wenig verliebte, Ilka Düppen und ihr das zeigte, war die Reaktion der Belegschaft so, dass mir das auch wiederum gleich ein schlechtes Gewissen machte. Petra meldete sich erst gar nicht. Aber es kamen andere Frauen aus Uetersen mich besuchen. Als dann Petra doch überraschend kam und davon erfuhr, machte sie mir auch gleich wieder ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht mal ein paar Wochen hätte auf sie warten können.

Während die anderen Mitarbeiter zurückhaltend waren, gelang es mir dann wenigstens, mit Praktikanten und Zivis engeren Kontakt zu bekommen. Mit einer Frau, ich nenne hier mal ausnahmsweise nicht ihren richtigen Namen, sondern „Maria”, hatte ich dann bald eine erste kurze Beziehung. Sie erzählte mir, dass sie als Kind von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht und geschlagen worden sei und nun Hemmungen habe, sich auf einen Mann und auf Sex voll einlassen zu können. Ich las in der Zeitung von einer Veranstaltung, in der misshandelte Frauen aufgerufen wurden, ihr Schweigen zu brechen und dachte, es wäre vielleicht eine ganz gute Idee, dort mal mit meiner neuen Freundin hinzugehen. Ich war der erste, mit dem Maria überhaupt je über ihre Erinnerungen, unter denen sie noch so litt, geredet hatte. Ich schlug ihr also vor, ihre Geschichte dort zu erzählen, das würde sie vielleicht irgendwie von der Last befreien.

Frauen mit Hasskappe

Doch schon als wir ankamen, meinte sie, sie wolle am liebsten gleich wieder umkehren. Tatsächlich herrschte während der ganzen Veranstaltung eine regelrecht hassgeladene Stimmung. Ein Sozialpädagogin (ach, eine Kollegin, freute ich mich erst) hielt einen Vortrag, der mit dem Vorurteil vom bösen Onkel aufräumen sollte. Tatsächlich kämen die meisten sexuellen Übergriffe in Familien vor und meist wären es die Väter. Sie erzählte von einer Dunkelziffer, die so hoch war, dass danach eigentlich beinahe jeder Vater als potenzieller Vergewaltiger angesehen werden musste. Ich machte dann kaum den Mund auf und erhielt tatsächlich sofort die Frage gestellt, was ich überhaupt  dort verloren habe, ob ich womöglich auch Kinder sexuell missbraucht hätte. Ich merkte dann plötzlich, dass Maria neben mir regelrecht zitterte, woraufhin wir die Veranstaltung verließen. Die hatten ja alle völlig die Hasskappe auf, meinte sie dann, draußen. Jedenfalls war das tatsächlich kein Klima, wie ich gehofft hatte, in dem sie sich ihre eigenen Erlebnisse etwas von der Brust hätte erzählen können. So waren wir in der bizarren Situation, dass der einzige Mensch, dem Maria von ihren wirklich schlimmen Erfahrungen erzählen konnte, ein Mann war, der gerade noch mit dem Verdacht belegt worden war, sich dessen selbst schuldig gemacht zu haben. Ich erzählte dann Maria auch von den Erlebnissen, über die ich hier in der Serie teilweise geschrieben habe. Sie nahm mich in den Arm und tröstete mich. Aber immer wieder meldete sich Petra und kündigte einen Kurzbesuch an. Immer wieder beendete ich sofort jede Beziehung und immer wieder warf mir Petra dann vor, überhaupt eine angefangen zu haben, bis ihre Besuche schließlich endgültig ausblieben.

Tochter und „Genossin”

Am 17. Januar 1991 hingen aus vielen deutschen Fenstern weiße Tücher heraus, als Protest gegen den amerikanische Angriff auf Irak im zweiten Golfkrieg. Nur nicht in Bückeburg, dort gingen die Leute einkaufen, als ob nichts weiter los wäre und die Militärhubschrauber der Bückeburger Staffel kreisten weiter ebenso unbeeindruckt über unseren Köpfen. Das ertrug ich nicht. Ich sprach Claudia Mäusel, eine Praktikantin, und einen Zivi an und wir gründeten die Bückeburger Friedensinitiative. Innerhalb von zwei Tagen waren wir schon Hundert Leute und bald blockierten wir mit Hunderten die Hauptstraßenkreuzung von Bückeburg täglich für eine Minute, während dazu die Glocken der Kirche läuteten. Wie stolz war ich auf Sara, die dann einmal aus Solidarität mit mir die Schule schwänzte und mit ein paar Freundinnen an unserer ersten Demo teilnahm. Sara war ein hübsches Mädchen. Stolz präsentierte sie mir jetzt manchmal ihre Brüste und forderte mich auf, ihr Komplimente zu machen. Ich hatte immer mehr das Gefühl, mit Sara jetzt so richtig, besser als mit manchem Erwachsenen, reden zu können. Aber Katja, die ich gerade kennen gelernt hatte und die versprochen hatte, mit mir eine polyandrische Beziehung zu bilden, war die erste Frau, die die Beziehung zwischen Sara und mir nicht so toll fand, sondern von Symbiose sprach. Aber sie nannte auch meine Freunde bei den GRÜNEN, denen ich inzwischen, zum dritten Mal,  wieder beigetreten war, sowie Claudia Mäusel, Mark Wehrmann und die meisten anderen Bekannten abfällig Freakspießer, wollte nichts mit denen zu tun haben. Wir hatten eine Fernbeziehung, da sie nach Kaiserslautern umgezogen war. Bald erfuhr ich, dass sie mich überall wegen meiner verrückten Ideen in Sachen Dreierbeziehung schlecht machte und ich meinte am Telefon, dass ja dann unsere Beziehung wohl keine Zukunft habe. Doch sie beharrte darauf, dass ich mein Versprechen, dass sie nach dem Ende des Einsatzes in Kaiserslautern mindestens bei mir einziehen könne, auch einhielte, was ich ihr zusicherte. Ich bekam dann Besuch von Kirstin aus Uetersen. Und es sollte einer der schlimmsten Tage meines Lebens werden. Sara war in den Ferien bei ihrer Mutter. Sie wollte in letzter Zeit meist nicht hin. Diesmal war es besonders schlimm. Sara sträubte sich mit Händen und Füßen, als ich sie zum Zug bringen wollte. Sie wolle nicht zu ihrer Mutter, wolle lieber bei mir und ihren Freundinnen bleiben. Doch ich machte ihr die geplante Urlaubsreise in den Süden schmackhaft, sprach aber auch von einer Pflicht, die sie gegenüber ihrer Mutter habe. Nun war der Tag, an dem sie eigentlich zurückkommen sollte. Wie schon so oft wartete ich auf einen Anruf von Claudia, dass sie mal wieder den Zug verspasst hatte und Sara nun also um so und so viel Uhr ankäme. Das Telefon klingelte. Es war Claudia. Aber sie sagte nur kurz angebunden, dass Sara nicht zurückkäme, dass ich sie nie wieder sehen würde, dass Sara nicht mit mir sprechen wolle, dass ich sie sexuell missbraucht hätte. Die Welt stürzte ein. Ich schrie irgendwas ins Telefon und knallte den Hörer hin. Mein erster Gedanke war, Martin anzurufen, dass der sie sofort bei Claudia abholen müsse und ich dann ins Ruhrgebiet fahren würde. Aber dann kam mir der Gedanke, dass Sara niemals zugelassen hätte, dass Claudia sie gegen ihren Willen festhielte, dazu war sie viel zu stark, selbstbewusst und durchsetzungsfähig. Ich schrie: Gott! Du musst mir jetzt helfen!  Im selben Moment durchströmte mich eine Wärme und ich wurde von grenzenloser Liebe ergriffen. Noch jetzt, während ich das aufschreibe, bekomme ich eine Gänsehaut und meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich griff zum Telefon, sagte Claudia, dass ich Sara und auch sie als ihre Mutter lieben würde und sie müsse sich keine Sorgen machen, wenn Sara bei ihr leben wolle, wäre das für mich in Ordnung. Im Wohnzimmer saß Kirstin, der ich das dann erzählte. Ihre Reaktion war befremdlich: ich habe sie auch ziemlich verletzt, meinte sie. Ich akzeptierte dann auch, dass Claudia ihr langersehntes alleiniges Sorgerecht erhielt, Sara ging in Gelsenkirchen direkt aufs Gymnasium, was mir auch gefiel und ich machte mir keine Sorgen mehr, dass Sara sich aufgrund von Claudias, sagen wir mal, recht sorgloser Haltung, schlecht entwickeln könnte. In meinen Augen war Sara schon längst unerschütterlich auf dem richtigen Weg. Aber über den angeblichen Missbrauch wollte weder Claudia noch Sara in der Folge mit mir sprechen. Vielleicht drei Monate später kam sie dann zum ersten Mal wieder zu Besuch. Katja und ich hatten uns wieder einen VW-Bus gekauft und wir fuhren zum Paddeln an die Mecklenburger Seenplatte. Ein schöner Urlaub, außer dass Sara häufig zickig war, wenn es nicht genau nach ihrer Nase ging. Ich zerbrach mir damals den Kopf, ob Sara diesen Vorwurf wirklich erhoben hatte und kam zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall sein konnte, sondern dass sie damals nur gern bei Claudia bleiben wollte, zudem dort noch länger Ferien waren und dass Claudia es dann mit dieser Masche erfolgreich versucht hatte. Ich sprach mit Leuten, die Sara und mich aus dem Zusammenleben gut kannten, ging sogar zum Jugendamt und fragte eine Kollegin, die sich dort um Missbrauchsfälle kümmerte, ob es nicht besser sei, diesen Vorwurf irgendwie förmlich anzugehen, statt ihn einfach im Raum stehen zu lassen; doch auch die winkte ab: Sexueller Missbrauch sei mittlerweile die Masche überhaupt, mit der Mütter ihr Sorgerecht einzufordern versuchten und meistens sei da nichts dran. Ich solle das einfach auf sich bewenden lassen. Mit Sara entwickelte sich wieder ein ungezwungenes Verhältnis. Wir fuhren zu zweit in die Türkei und witzelten darüber, dass die Leute in einem türkischen Robinson-Hotel uns manchmal schief ansahen, da sie Sara wohl für meine sehr junge Freundin hielten. Aber ich leide seit dem Vorwurf wieder darunter, fast wie früher als Jugendlicher, nicht unbefangen Menschen, schon gar nicht Kinder, einfach umarmen zu können. Es ist nicht wirklich schlimm, aber erwähnenswert.

In einem heißen Sommer, ich hatte ja eine kleine politische Karriere begonnen, war abends ein „hohes Tier” (seinen Namen will ich nicht verraten, er ist es noch) aus Bückeburg zu Besuch, sowie Sara, ihre Freundin Silvana und deren Vater. Silvana hatte mich völlig fasziniert. Ich hatte einmal beide Auto fahren lassen. Sara, wie gewohnt, fuhr ganz besonnen und langsam über den leeren Parkplatz des Einkaufszentrums, dann war Silvana dran. Sie machte erst eine Runde, die schon etwas schneller ausfiel, als Saras, aber dann fuhr sie so schnell, dass in den Kurven die Reifen quietschten und ich richtig Angst bekam. Als ich einmal mit ihrem Vater in dessen Auto irgendwo hin gefahren war, wurde mir klar, von wem sie das hatte. Wir fuhren einen Feldweg entlang und mussten eine Hauptstraße überqueren, gut, es war wenig Betrieb. Aber statt nun zu schauen, ob ein Auto kam, beschleunigte er den Wagen vor der Kreuzung und überquerte die Hauptstraße. Mir fuhr der Schreck in alle Glieder und er lachte. Nun also an diesem Abend machte ich nach ein paar Bier den Vorschlag, doch ins städtische Freibad einzubrechen und ein paar Runden zu drehen. Alle fanden das eine klasse Idee und „das hohe Tier” und ich fanden die Vorstellung, dabei erwischt zu werden, besonders lustig. Immerhin stand auch ich damals fast jeden Tag in der Zeitung und viele Bückeburger kannten mich.

Also machten wir uns auf den Weg, Katja, die nichts getrunken hatte, fuhr uns, glaube ich. Dort angekommen, rannte Bianca gleich zum Sprungturm. Es war schwarze Nacht. Ich kletterte auf den Dreier und fand es schon recht mutig, da nachts runter zu springen. Aber Bianca rannte gleich hoch bis zum Zehner und sprang einfach runter. Wow! Meine größte Höhe, die ich je freiwillig gesprungen bin, war vom Fünfer und das war schon lange her. Aber ich traute mich. Irgendwann stand ich dann neben Silvana auf dem Zehnmeterbrett. Spring doch einfach! meinte sie. Aber ich traute mich nicht. Nur wenn du mir einen Kuss gibst, sagte ich dann, als sie längst noch mal gesprungen und wieder oben war. Da umarmte sie mich und gab mir einen dicken Kuss auf den Mund. Okay, jetzt kann ich sterben sagte ich und sprang. 

 

Ein minderjähriges Mädchen befriedigt mich

Es war die Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1983. Am Abend vorher war mein Sohn Aaron durch Kaiserschnitt geboren worden. Katja litt an einer postnatalen Depression, ich kannte aber damals diese Diagnose gar nicht. Ich weiß nur, dass sie da lag und sich nicht für ihren Sohn interessierte.  Sie wollte, dass die Schwestern Aaron lieber in ein anderes Zimmer bringen sollten. Dabei war er so süß. Ich beschäftigte mich stundenlang mit ihm, badete ihn, war stolzer glücklicher Vater. Aber Katja wollte ihn (auch in den nächsten Tagen) kaum mal länger als nötig im Arm haben. Am liebsten hätte ich ihn dann am nächsten Tag mitgenommen, aber Regina, eine Kollegin und gute Freundin, überredete mich, genau das nicht zu tun. Aber ich hatte jedesmal das Gefühl, als ob ich meinen Sohn im Stich ließ, wenn ich das Krankenhaus verließ. Und irgendwie ist dann wirklich etwas in mir abgestorben, als ich ihn den Schwestern überließ. Jedenfalls war auch Sara da und wollte Sylvester, u.a. mit Nadine, bei uns feiern. Es war eine große Party geplant, aber jetzt, wo die Geburt dazwischen kam, hatten wir einigen Leuten abgesagt und es kamen nur Regina, Nachbarn mit deren Freunden, sowie der Sohn des Bauamtsleiters, mit dem wir ebenfalls etwas befreundet waren und dessen Frau auch unsere Architektin war. Sara war in den Jungen etwas verknallt und der auch in sie. 

Aber jetzt war ja erst mal die Nacht vor Silvester. Katja und ich hatten ein großes Haus mit 300 qm Wohnfläche gekauft. Dort hatte ich eine Bar eingerichtet und Sara hatte Spaß daran, alle möglichen Cocktails für uns drei zu mixen. Irgendwann ging ich ins Bett. Mir ging es nicht besonders gut, ich musste immer an die Situation im Krankenhaus denken und ich war auch ein wenig angetrunken. Dann weckte mich plötzlich Nadine. Sara wäre total besoffen und würde oben schnarchen, was das Zeug hält. Ob sie nicht bei mir schlafen dürfe. Klar sagte ich. Kaum lag sie neben mir, fing sie an, meinen Schwanz zu streicheln. Er wurde sofort steif und innerhalb einer halben Minute bekam ich einen Orgasmus. Ich hatte mich nicht gewehrt. Und ich fühlte mich nicht wirklich gut. Nadine fragte mich dann etwas sehr merkwürdiges: Na, findest du nicht auch, dass ich viel besser wichsen kann als Sara?  Ich entgegnete entrüstet, dass Sara mir ja noch nie einen gewichst hätte, wie sie denn auf diese Frage käm. Und Nadine verbesserte sich, sie hätte eigentlich nur fragen wollen, ob sie das nicht gut könne, andere Jungens hätten ihr das jedenfalls bestätigt. Ich habe Nadine dann gefragt, ob ich sie auch streicheln solle, aber sie wollte nicht und wir schliefen ein. Am nächsten Tag gingen wir Hand in Hand zum Krankenhaus, Katja und Aaron besuchen. Die Silvesterfeier war schrecklich.  Selbst die eigentlich recht konservative und in der Beurteilung anderer Menschen eher nachsichtige Regina war von den erzkatholischen Freunden der Nachbarn entsetzt. Nicht nur, dass die mir ständig Vorwürfe machten, dass Sara mit dem Jungen außer Sichtkontakt waren und ich denen verbieten müsse, dass die sich von der kleinen Gruppe entfernten, sie bestanden auch noch darauf, dass ich meine schreckliche Musik (wir hatten eine bunt gemischte CD-Auswahl) ausmachen sollte und holten irgendwelche Heimatlieder aus ihrem Auto. Dann verlangten sie, dass ich die teuer gekauften Rinderfilets auf unserem neuen Lawastein-Grill für sie durchgaren sollte. Aber da weigerte ich mich und sie bekamen nur noch Schwein. Erst als sie dann ziemlich betrunken waren und nicht mehr merkten, welche Musik lief, wurde es wenigstens einigermaßen erträglich. Ich hatte Sara dann später von der Geschichte mit Nadine erzählt, auch von der merkwürdigen Frage. Sara zeigte sich gelassen. Nadine wäre ständig in Konkurrenz mit ihr, wolle immer in allem die Bessere sein. Aber dann kam ein Anruf von Nadine aus Gelsenkirchen: Sie machte mir bittere Vorwürfe, dass ich Sara von uns erzählt hätte. Diese hätte ihr angedroht, sie umzubringen, falls sie sich je wieder an mich ranmachen würde. Ich konnte das gar nicht glauben, ich hatte nie Geheimnisse vor Sara, sagte ich zu Nadine, die mich für verrückt erklärte, mich aber sehen wollte und fragte, ob ich mich nicht zusammen mit ihr in Düsseldorf treffen wolle. Wir vereinbarten einen Termin. Dort gingen wir Eis essen, schlenderten Hand in Hand durch die Stadt und Nadine fragte mich dann, ob ich ihr ein Kleid kaufen würde, das sie sich schon so lange wünsche, von H&M. Das tat ich zwar gern, aber es war ein merkwürdiges Gefühl. Zum erstem Mal im Leben schien es, als ob „eine Frau” sich womöglich nur für mein Geld interessierte? Jedenfalls schärfte Nadine mir ein, diesmal aber wirklich Sara nichts zu erzählen, auch nicht davon, dass Sara sie bedroht habe. Ich willigte ein. Aber ich konnte es nicht durchhalten. Ich war solche Heimlichkeiten, schon gar nicht meiner Tochter gegenüber, nicht gewohnt, konnte das nicht ertragen. Also machte ich irgendwann Sara gegenüber Andeutungen. Aber Sara tat so, als ob sie diese Andeutungen nicht verstünde. Als ich dann Nadine als Erwachsene, Jahre später, in Köln wieder getroffen habe, schaute die mich nur finster an. Ich fürchte, dass Sara meine Andeutungen sehr wohl verstanden und Nadine zur Rede gestellt hatte, die das wiederum als Vertrauensbruch ihr gegenüber gedeutet hatte. 

Zwischen Sara und mir schien dann über Jahre das Verhältnis ungetrübt. In Köln besuchte sie Sabine und mich mit ihren Freund beinahe täglich. Irgendwann Weihnachten haben wir mal zusammen Ekstasy genommen und in dieser bekanntermaßen offenen glücklichen Stimmung habe ich Sara noch mal gefragt, was denn der wirkliche Grund war, warum sie damals bei ihrer Mutter bleiben wolle. Doch selbst in dieser Stimmung wich sie aus und meinte, vielleicht hätte ich sie ja komisch angeschaut, sie wisse es nicht mehr.

Dann, vor nicht all zu langer Zeit wusste sie es scheinbar wieder genau. Und verlangte von mir, ich solle meine Jugendsünden bereuen. Wer die Serie, die hiermit zu Ende geht, aufmerksam gelesen hat, wird nur eine Stelle entdecken, an der ich etwas bereue. Ja. Es ist auch die einzige.

Im Anschluss oder zum Abschluss dieser Serie – wie man will – werde ich versuchen, mich theoretisch mit dem Elternratgeber Körper Liebe Doktorspiele zu beschäftigen. Nach meinem letzten Statement: Ich bereue (fast) nichts – wird es vielleicht verwundern, dass ich ihn als falsch und gefährlich beurteile. Man wird sehen.

Ein Kommentar

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Notizen zum Text (von mir und Gästen)