Körper Liebe Doktorspiele — Teil 6: “Wir sind polymorph pervers”
Die geistig moralische Wende legt sich wie ein dunkler Schatten über das Land
Die Entfernung zweier Elternratgeber aus dem Angebot des Familienministerium habe ich in Körper Liebe Doktorspiele — Teil 1: Geht es wieder los? zum Anlass genommenn, meine Diplomarbeit ins Netz zu stellen, die sich 1981 genau mit dem Thema: Umgang der Erwachsenen mit kindlicher Sexualität beschäftigt hat und am Beispiel meiner eigenen Biografie eine Serie zum Thema Sex von und mit Kindern in den 70ern begonnen.
Mit der provokanten Zusammenfassung „Man kann nicht keinen Sex mit Kindern haben” habe ich im Zweiten Teil: Da unten kribbelts so schön „Meine beschnittene Kindheit” selbst als eine Form sexuellen Missbrauchs beschrieben.
Im dritten Teil: Ungeschickt und einsam beschreibe ich unter anderem zwei Erfahrungen, die mich von dem Fluch meiner Mutter, die mir eingeschärft hatte, dass Frauen keinen Spaß am Sex hätten, eigentlich hätten befreien sollen. So wurde ich erstmals Zeuge weiblicher Lust, sah, wie ausgerechnet ein kleines Mädchen sich selbst befriedigte und traf Sylvia, die mir von ihren extremen Leidenschaften ausführlich berichtete. Aber obwohl ich dann sogar für ein paar Wochen eine Freundin hatte, die sich die Pille besorgen und dann mit mir schlafen wollte, war der Bann noch nicht gebrochen. Ich war überzeugt, dass sie sich bestimmt nur als Preis für etwas anderes auf Sex mit mir einließ und beendete die Beziehung (übrigens die erste und letzte Beziehung, die ich beendete)
Im vierten Teil beschreibe ich „mein erstes Mal” mit Francoise – ein Wochenende, das alles änderte – wie es dann weiterging, bis zu einem wiederum beeindruckenden Wochenende: Einem Ausflug mit dem Kinderladen, in dem ich Zivildienst machte. Es wurde eingeleitet mit der merkwürdig vertraulichen Bitte eines Vaters, seine Tochter vor dem Einschlafen zu streicheln…
In fünften Teil wurde die fünfjährige Anika meine Feundin und ich erzähle, wie es dazu kam, dass die Aussicht, selbst Vater zu werden, plötzlich greifbare Realität wurde.
Dieser Teil beschreibt den Übergang von unserer anarchistischen Bewegung zur geistig moralischen Wende Helmut Kohls, die allerdings nicht nur äußerem Druck, sondern, vielleicht mehr noch unserer eigenen Kapitualtion geschuldet war, diese wiederum Folge schwacher, d.h. nicht klar antipatriarchalischer Theorie.
Die Revolution ist vorbei – wir haben gewonnen
Dieser Satz in einer Dokumentation über den Freistaat Christiania beschreibt recht gut, wie ich mich Mitte der 80er Jahre gefühlt habe. Die GRÜNEN, zumindest in Essen allein als anarchistische „Schein-Partei” gegründet, wurden nun immer mehr zu einer liberalen Staatspartei, über die Anti-AKW-Bewegung wurde in den Medien freundlich berichtet, die Leute hatten Sex ohne Grenzen – allein, von unserer Idee einer Wiederbelebung der Großfamilie, einer Verbindung von „freier” Liebe mit Verlässlichkeit, Vertrauen und politischer Kraft, blieb nichts übrig. Der Staat hatte all das vereinnahmt und in Hedonismus, in die „Spaßgesellschaft”, wie es dann später nicht ganz zu Unrecht hieß, überführt.
Aber noch ist es nicht so weit. Wir schreiben das Jahr 1979 und ich fahre mit Claudia, die einverstanden ist, noch ein Kind zu bekommen, sowie ihrem Sohn Roman Anfang des Jahres mit meinem VW-Bus an die Nordsee. Es ist stürmisch kalt. Irgendwann nachts, das Meer rauscht und kalte Spritzer der grauen Wogen treffen auf unsere erhitzten Körper, zeugen wir vermutlich das Kind, nach dem ich mich schon so lange sehnte.
Im Bus versucht auch Roman, der Sohn, mit seiner Mutter zu schlafen. Aber sein Schwanz wird nicht steif genug. Claudia lacht und streichelt ihn stattdessen. Wir drei verstehen uns gut, unterwegs. In Bochum allerdings ist Roman ein sehr schwieriges Kind. Ich fand es unerträglich, wie Weihnachten viele Kommilitonen von Claudia zu Besuch da waren, die meisten Lehramtsanwärter wie sie, künftige Pädagogen und wie die dann in Romans Anwesenheit ihre pädagogischen Rezepte darboten. Claudia müsse strenger sein, nachgiebiger, konsequenter sein, Roman sei jedenfalls verhaltensgestört, nein verhaltensauffällig, nein, neurotisch oder vielleicht doch psychotisch. Ich wurde irgendwann richtig sauer, auch, weil Claudia sich jeden Rat nicht nur anhörte, sondern auch je wohlwollend kommentierte und die unterschiedlichsten Maßnahmen ins Auge fasste. Ich schlug mit der Faust auf den Tisch und meinte, die Leute sollten jetzt endlich aufhören, über Roman herzufallen, wie über ein Versuchskaninchen.
Dann fanden wir eine Wohnung in Essen und bald war dort wieder eine kleine anarchistische Basis. Ständig waren Leute da, wir machten Pläne, spielten, nahmen ein Pflegekind auf, das von seinem Vater geschlagen wurde und abgehauen war, resozialisierten nebenbei ehemalige Straftäter; zeitweilig waren alle Kinder vom Jugendzentrum nebenan, einschließlich der türkischen Kinder, lieber bei uns, weil dort eine Sozialarbeiterin auf „MultiKulti” machte und die Kinder türkische Tänze lernen sollten, woraus die aber keine Lust hatten.
Doch Roman war wirklich schwierig. Er verschreckte die sanfteren Pädagogikstudenten mit ständigem Gezerre an ihnen bei jedem Besuch, er schlug auf Erwachsene ein, wie es ihm passte, die ließen es sich gefallen, schließlich war ja antiautoritäre Erziehung noch nicht vollständig begraben. Irgendwann saß ich mit Karin auf dem Boden, die mir was erzählen wollte, aber Roman wollte die ganze Aufmerksamkeit für sich. Karin versuchte, ihn zu überhören, da nahm er einen Hammer, der ebenfalls auf dem Boden lag und holte mit voller Wucht aus, auf ihren Kopf zielend. Da schlug ich ihn so fest, dass er ein paar Meter weg rutschte.
Seit dem kuschte Roman, wenn ich in der Nähe war und Claudia benutzte mich als Drohmittel: „Wehe – oder ich erzähle das Klaus”. Ansonsten hatte ich bald mit Claudia nicht mehr viel zu tun. Ich hatte mich in Jeanette verliebt, die ich in einem Seminar kennen gelernt hatte. Claudia war ständig im Regenbogen, der linken Kneipe in der Nähe der Essener Uni. Wenn sie ging, gab es jedes Mal Geheule, Roman klammerte sich an sie, wollte sie nicht gehen lassen, raste ihr im Schlafanzug bis auf die Straße hinterher. Ich wollte mich von Claudia trennen, nicht wegen Jeanette, sondern weil ich den Eindruck gewann, ihr ging es eigentlich nur um Party machen, aber ihre Schwester, Christa, redete mir ins Gewissen. Einmal dann, ich hatte gerade Besuch von einem Vater aus dem Bochumer Kinderladen, dem einzigen Arbeiter übrigens in dieser ansonsten elitären Vereinigung zur Errichtung der proletarischen Diktatur und wir hatten beide einige Flaschen Bier getrunken, da kamen Claudia und Karin morgens mit zwei Typen an mit denen zusammen sie dann in der Küche anfingen, Sex zu machen. Mein Kumpel und ich wussten nicht, ob wir das lustig fanden oder eifersüchtig waren und warfen halb besoffen zum Spaß Knallfrösche in die Küche. Das gab einen Riesen-Ärger mit den beiden Frauen. Wir traten zwar den Rückzug an, aber dann kam Karin mir nach und flaumte mich an:
Findest du das richtig, die Mutter deines zukünftigen Kindes so zu behandeln?
Ich war sofort nüchtern und stellte Claudia, ihren One-Night-Stand im Arm, zur Rede. Sie schrie mich an. Ja, sie sei schwanger, aber sie wolle das Kind abtreiben. Damit läutete sie meinen Kampf für dieses Kind ein, in dem Roman mein stärkster Verbündeter wurde, der ständig zu seiner Mutter sagte: Du sollst mein Geschwisterkind nicht umbringen. Wir gingen zum Beratungstermin zu Pro Familia gemeinsam und mir gelang es sogar, die Beraterin auf meine Seite zu ziehen. Irgendwann willigte Claudia ein: Gut, ich kriege das Kind, aber ich habe keinen Bock drauf, mich drum zu kümmern, du musst versprechen, das dann zu nehmen. Heute bin ich überzeugt, dass es völlig falsch war, Claudia so unter Druck zu setzen. Es ist immer das Recht der Mutter über das Leben ihres Kindes zu bestimmen. Aber damals hatte ich mir schon überlegt, Claudia notfalls so lange einzusperren, bis die Frist zum Schwangerschaftsabbruch abgelaufen wäre. Dazu kam es ja glücklicherweise nicht. Aber vielleicht hätte Claudia auch ohne meinen Druck Sara geboren. So aber war sie von Anfang an in der Rolle der Rabenmutter. Das bereue ich.
Ich verstand mich dann mit Claudia wieder besser, ja wir verliebten uns sogar wieder in einander, hatten während ihrer Schwangerschaft so viel Sex, wie weder vorher, noch danach. Claudia stellte weitere Bedingungen: Ich sollte das Kind holen, in einer Hausgeburt ohne Hebamme. Mit ihrem Arzt zusammen einigten wir uns dann auf Hausgeburt mit Hebamme. Trotzdem verschlang ich alles, was ich in der Uni-Bibliothek über Geburtshilfe finden konnte und war dann zumindest theoretisch auf dem Stand der Technik. In einem dieser Bücher, einem amerikanischen, fanden wir ein Rezept. Claudia, die viel besser Englisch konnte als ich, übersetzte, dass es sich um ein Rezept für Mutterkuchen handele, den man nach der Geburt so zubereiten solle, wie Leber, kurz braten, mit Zwiebeln. Wir verlangten von der Hebamme, die schon auf die 60 zuging und mit allen Wassern gewaschen war, dass wir den Mutterkuchen also dann nach der Geburt haben wollten.
Jetzt unternahmen Claudia und ich fast alles gemeinsam. In der Uni vertraten wir anarchistische Positionen, besuchten die selben Seminare. Wir schliefen jetzt meist in einem Bett, Roman durfte dann, wenn er wollte, bei uns schlafen, und auch zusehen oder mitmachen, wenn wir „Liebe machten”. Auch damit prahlten wir in der Uni und die Leute hörten ehrfürchtig zu. Voraussetzung, so unser Ansatz damals, dass Erwachsenensexualität auf Kinder nicht gewalttätig wirkt, ist, dass sie aufhört „Erwachsenensexualität” zu sein, d.h. dem einseitigen Primat der Genitalität, dem Anspruch auf Befriedigung, zu gehorchen, sondern, wie (nach Freud) kindliche Sexualität, selbst polymorph pervers sein müsse. Alles andere, so das Schlagwort, sei repressive Entsublimierung: herrschende Zwanglosigkeit im Dienste der Herrschenden.
Ich verlangte dann, dass wir heiraten müssten, da eine Ehe die einzige Möglichkeit damals war, dass ich überhaupt für das Kind, von dem Claudia immer noch verlangte, dass ich mich da alleine drum kümmern müsse, sorgen konnte. Wir wollten also eine Art Scheinehe, rein proforma. Wir luden aber zwei Trauzeugen ein, meiner war Hannelore, die Frau, mit der ich meine erste Wohnung geteilt hatte und verbrachten beide die Nacht mit unseren Trauzeugen, um von vornherein jede Idee, dass hier eine „echte” Hochzeit gefeiert würde, zu konterkarieren. Aber schon wenige Tage nach dieser Hochzeit sprach Jeanette, mit der ich durchaus noch befreundet war (und die selbst mit einem Partner zusammenwohnte, der von unserer Beziehung wusste), wenn sie Claudia meinte, nur noch von „deiner Frau”. Und auch Karin, unsere Mitbewohnerin, sah in uns plötzlich ein richtiges Ehepaar. Meine Eltern bekamen dann durch irgendein Behördenschreiben mit, dass wir heimlich geheiratet hatten und ich auch noch den Namen von Claudia – Göttmann – angenommen hatte (ein weitere Bedingung von Claudia). Sie verstanden überhaupt nicht mehr, was da passierte. Während die einen uns für verrückt, die anderen (meine Eltern) für böse erklärten und mich enterbten, waren sich aber alle einig darin: Wir waren jetzt eine Kleinfamilie. Ich bettelte meine Eltern an, mir doch jetzt wenigstens etwas zu dem Betrag des auf 150 DM gekürzten BAFÖG (Gesamtanspruch war damals ca 600 DM) dazuzugeben, wo sie doch wüssten, dass wir bald auch noch ein Kind mehr versorgen müssten, ihr Enkelkind. Aber sie waren und blieben hart, das sei nicht ihr Enkelkind, ich hätte ja bei ihnen nicht ausziehen müssen usw. und selbst, als ich mit Unterhaltsklage drohte, verweigerten sie mir jeden Pfennig. Bis dahin hatten wir in unserer WG ja alles in einen Topf geworfen und daraus gelebt. Und mein Beitrag war der kleinste. Aber jetzt seilte sich Karin ab, zahlte nichtmal mehr Miete, so dass ich echte Existenzsorgen bekam, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich begann, Lebensmittel zu klauen und wir schränkten uns so weit wie möglich ein. Da hatte ich unerwartetes Glück. In einer meine Ausbildung zum Gesprächstherapeuten begleitenden Supervisionsgruppe an der Uni sollte ich eine Übung mit einem älteren Teilnehmer machen. Ich fand, diese Übung war völlig daneben. Aber danach kam eine jüngere Frau auf mich zu, stellte sich als Freundin des älteren Mannes, diesen als ihren Doktorvater und Lehrstuhlinhaber für Psychologie vor und bot mir an, in ihrem Projekt mitzuarbeiten. So bekam ich gleich zwei HiWi-Stellen auf einmal, ein eigenes Büro in der Uni – und plötzlich schwammen wir in Geld. Die Arbeit bestand zum Teil darin, an der Dissertation mitzuschreiben und der Professor stellte mir weitere Uni-Karriere und eigene Doktorarbeit in Aussicht.
Ich verliebte mich in eines der Mädchen aus der Menge der vielen Kinder und Jugendlichen, die immer bei uns waren. (Ich wollte gerade schon „verliebt” in Anführungszeichen schreiben, um das abzuschwächen, das wäre aber Verrat. Natürlich verliebte ich mich alle paar Wochen, aber dieser Hinweis ist eine wesentlich andere Abschwächung, als Gänsefüßchen). Sie hieß Heike und suchte oft mehr meine Nähe, als mit den anderen Kindern zu spielen. Nein, es war überhaupt nichts Verbotenes zwischen uns. Aber ich erinnere mich noch, dass wir zusammen zu einem Juwelier gingen und uns Freundschaftsringe kauften. Ich fand das damals toll, mit diesem Kind (sie war vielleicht 12) zum Juwelier zu gehen und zu sagen: Wir hätten gern Freundschaftsringe für uns beide. So verlor auch der Ehering, den zu tragen ich mich ebenfalls angewöhnt hatte, etwas an seiner Schwere. Roman wollte andauernd nicht in die Schule. Wir überlegten, nach Holland umzuziehen, weil wir natürlich gegen Schulpflicht waren und es dort die Möglichkeit des Elternunterrichts gab, also der Befreiung von Schulpflicht. Außerdem machte er mit den anderen Jungen ziemlich viel Unsinn. Wir wohnten in der Essener Innenstadt und er wurde einige Male von der Polizei nach Hause gebracht, weil die Kinder und Jugendlichen sich ausgerechnet an dem wenigen Grün vergriffen hatten, dass es um das neu gebaute Rathaus herum gab. Wir waren darüber entsetzt und beschlossen, aufs Land zu ziehen. Bei der Wohnungssuche setzten wir bereits die Ehekarte als Trumpf ein, mittlerweile ertappte ich mich dabei, dass ich auch schon bei Bekannten von meiner Frau sprach. Wir waren irgendwie in die Kleinfamilie abgerutscht.
Meine Diplomarbeit stand an und eine Dozentin, bei der ich gerade ein Seminar belegt hatte und die ich fragte, ob sie nicht mein Diplom betreuen wollte, meinte, sie beschäftige sich im nächsten Semester mit der Neuesten Entwicklung von Erwachsen-Kind-Konzepten unter besonderer Berücksichtigung des Sexualbereichs. Nur wenn ich zu diesem Thema eine Arbeit schriebe, wäre sie bereit. Also stand der Titel fest. Ich recherchierte alles, was ich finden konnte. Unter anderem luden wir auch einen Bewährungshelfer ein, der eine Pädophilen-Zeitschrift herausbrachte. Ich interviewte ihn stundenlang und wir fragten ihn, ob er bei uns übernachten wolle. Er fragte Claudia dann unverblümt, ob er Sex mit Roman haben dürfe. Claudia meinte, da müsse er Roman selbst fragen. Aber der wollte nicht und damit war die Sache erledigt.
Pädophilenverbände machen mobil
Aber mich beschäftigte seit dem stark diese neue Pädophilenbewegung, die aus Holland zu uns rüberschwappte. So ging das nicht! entschied ich mich. Die forderten doch allen Ernstes unter dem Deckmantel der Menscherechte eine völlige „Befreiung” der Kindersexualität. Was sie damit meinten, war klar: sie wollten nicht weniger, als den Eltern jedes Veto als „unzulässige Einmischung” in die sexuelle Selbstbestimmung der Kinder zu nehmen. Sie bauten also genau auf unsere anarchistischen Ansätze auf (deren Schwachpunkt war, dass sie, anders als bei Goodman, keine Abgrenzung vom Einzigen und sein Eigentum zuließen) — allein, wie ganz offensichtlich war, um sich nach Belieben ihre Lustobjekte zu pflücken: Globalisierung der sexuellen Ausbeutung. Und gerade jetzt standen überall die Zeichen auf Liberalisierung innerhalb des Staates. Richter sprachen in Medien von Straftaten ohne Opfer, sozialdemokratische Verbände und Medien, die Grünen sowieso, drängten auf totale Abschaffung des Sexualstrafechts. Es war mir klar: diese Liberalisierungswelle kam von den Herrschenden selbst. Aber ich war, das merkt man meiner Diplomarbeit auch an, noch unsicher, wie man nun darauf antworten konnte.
Als der Bewährungshelfer jedenfalls am nächsten Morgen sich an Roman erneut heranzumachen versuchte, obwohl der ihm ja schon ein klares Nein! ausgesprochen hatte, warf ich ihn hinaus, war aber zugleich niedergeschmettert über die Gewalt, die ich gegenüber einem Pädophilen damit verübte und über die Tendenz, die sich abzeichnete.
Dann kam Saras Geburt, die so schön war, dass ich darüber gern mehr schreiben würde, aber das würde das Thema völlig sprengen. Jedenfalls warf ich die Placenta dann doch in den Müll, der Ekel war größer, als unsere Lust, diesen Tabubruch zu begehen. Claudia war schnell wieder auf den Beinen, eine halbe Stunde nach der Geburt stand sie auf und duschte. Ich hatte ein Kind, ich konnte es noch kaum fassen. Sara war da. Die glücklichen Großeltern kamen mit Geschenken und wollten jetzt plötzlich ihr Enkelkind, das sie vohrer verleugnet hatten, so oft wie möglich sehen. Ständig kam Besuch. Es war schön.
Wir achteten darauf, wie jetzt wieder im aktuellen Elternratgeber Körper Liebe Doktorspiele verlangt, die kleine Scheide von Sara nicht aus den Liebkosungen und Benennungen auszusparen. Ich gewöhnte mir an, ihr nach jedem Windelwechsel ein symbolisches Küsschen auf ihre Spalte zu geben. Und wir nahmen Sara stolz in die Uni mit und erzählten dort alles. Wir sind polymorph pervers. – Ihr müsst es auch werden. Und die Studenten und Dozenten liebten uns und unser Eintreten für einen freien Umgang mit kindlicher Sexualität. Man muss die genitale Fixierung überwinden! verlangten wir und man staunte.
Folter bei der Karitas – unmögliche Zustände in einem Kinderheim
Dann zogen wir nach Wulfen, Waldluft. Ich bekam eine Stelle für das Anerkennungsjahr in einem katholischen Kinderheim in Essen. Auschlaggebend für meine Einstellung war meine Körper-Größe und dass ich schon mal in einem Knast gearbeitet hatte. Ich wurde sofort in der geschlossenen Aufnahmegruppe eingesetzt. Die Zustände dort waren schlimmer, als alles, was ich mir vorstellen konnte. Es gab dort nur Jungen, der jüngste 10, die ältesten kurz vor der Volljährigkeit. Sie wurden in einem Raum ohne irgendwelche Beschäftigungsmöglichkeiten gehalten, die Schlafräume waren tagsüber abgesperrt um Vergewaltigungen wenigstens etwas im Griff zu haben, wie man mir erklärte. Jede halbe Stunde durfte einer der Jungen aus diesem Käfig, den nie ein Erzieher betrat, in das angrenzende Dienstzimmer und eine Zigarette rauchen, egal wie alt. Zum Essen mussten sie sich in einer Reihe aufstellen und schweigend in den Speisesaal gehen. Dort gab es nur Plastikbesteck. Sie mussten sich dann vor die Tische stellen und mit einer Nonne beten. Faltete einer der Junge nicht seine Hände, gab es von einem der Erzieher einen schweren Schlag mit der Faust in den Rücken. Auch während des Essens durften sie nicht reden. Wollten sie Nachschlag, mussten sie schweigend einen Arm heben und ein Erzieher brachte ihnen dann etwas. Immerhin durften sie sich satt essen. Am zweiten Tag hatte ich ein Kartenspiel von zu Hause mitgebracht und einem der Kinder gegeben. Innerhalb weniger Minuten war es zerrissen. Drehte ein Junge durch, kam er in eine Zelle mit Gummiwänden und einem Loch im Betonboden für die Notdurft. Keiner der Jungen bekam je frische Luft oder freien Himmel zu sehen. Die Panzerglas-Fenster konnte man nicht öffnen. Sie waren extremer gesichert, als die vergitterten Fenster (mit Normalglas) im Knast. Und selbst im Knast, beschwerte ich mich, hatten die Gefangenen, die erwachsenen Gefangenen, doch Anspruch auf ihre Freistunde, einen Rundgang im Hof. Selbst das wurde den Kindern als Sicherheitsrisiko verwehrt. Ich versuchte sofort, in der Uni gegen das Heim mobil zu machen. Aber keiner der 68er, die es inzwischen zu Dozenten gebracht hatten, wollte mich unterstützen. Jaja, schlimme Zustände, sagten sie nur, um sich dann wieder ihrem Marsch durch die Institutionen zu widmen. Das Heim war so organisiert, dass Kinder und Jugendliche, die sich eine gewisse Zeit in der geschlossenen Gruppe gut benommen hatten, erst in die halb offene und dann schließlich ins Erdgeschoss wechseln durften. Dort wohnten neben Kindern und Jugendlichen sogar Erwachsene, die ihrer Ausbildung nachgingen. Diese hatten relativ viel „Freiheiten”, genauer: niemand kümmerte sich großartig um sie. Es reichte ja, dass ständig die Drohung der geschlossenen Gruppe über ihnen schwebte. Ich ging dann manchmal nach unten, in die offenen Bereiche und lernte die Kinder und Jugendlichen dort kennen. Sie erzählten mir von einem Erzieher, den sie gegen Geld verprügeln würden, weil der da geil drauf wäre. Nun wurden viele der Kinder ja von der Polizei eingeliefert, die sie beim Strichen am Bahnhof erwischt hatten, manche mit dicken Bündeln Geld. Sie kannten also schon die Lüste der Erwachsenen und lachten darüber.
Nach ein paar Tagen durfte ich allein Dienst machen. Alles was die anderen Erzieher wissen wollten, war, dass mir nicht, wie anderen Sozialarbeitern vor mir, die Situation entglitt, ich mich durchsetzen konnte.
Und das konnte ich. Von Anika hatte ich ja im Kinderladen gelernt, dass es so was wie eine Masse kaum gibt, in jeder Gruppe gibt es Leute, die mehr oder weniger Anteil an vernetzter Macht haben. Und bald bekam ich häufiger Besuch von Kindern und Jugendlichen aus dem offenen Bereich. Einer der Erwachsenen kam bald ständig, wenn er frei hatte. Und so kam es, dass ich immer mehr der ungeschriebenen Regeln lockern konnte ohne dass dann gleich eine Meute über mich her fiel, wie bei meinem Vorgänger, der von den Kindern krankenhausreif geschlagen wurde. Die Kinder durften beim Essen reden, es durften immer zwei oder drei Kinder auf einmal zum Rauchen. Wir spielten Mensch ärgere Dich nicht usw. Dann sprach ich mit dem stellvertretenden Heimleiter: Ich wollte mit der geschlossenen Gruppe zum Zelten nach Wulfen an einem See. Dieser, ein junger Diplompädagoge, gab mir nach etwas Überzeugungsarbeit die Genehmigung. Aber die anderen Erzieher waren entsetzt. Das würde niemals funktionieren waren sie überzeugt. Und setzten gegen meine Argumente und gegen meinen Willen durch, dass vier der Jugendlichen nicht mit durften. Es kamen auch Kinder und Jugendliche aus der freien Gruppe mit, unter anderem ein hübscher Ex-Stricher, den ich gern mochte. Der wollte gern mein Zuhause kennenlernen, wo dann Claudia ein paar Mal mit ihm schlief. Das Zeltlager verlief ohne Probleme, wir alle waren richtig glücklich. Als wir dann zurückfuhren wartete aber die Katastrophe bereits auf uns. Die vier Jugendlichen hatten sich abgesprochen, dass es ungerecht wäre, dass sie nicht mitdurften (was stimmte) und in unserer Abweseneheit einen Erzieher überwältigt und waren alle geflohen. Man hatte sie zum Teil wieder eingefangen und einer dieser Jugendlichen erzählte mir, dass sie nur demonstrieren wollten, dass sie auch aus der geschlossenen Grußße abhauen könnten, wenn sie nur wollten. Für die Mitarbeiter war klar: Der verletzte Kollege, das war allein meine Schuld. Der stellvertretende Heimleiter teilte mir die fristlose Kündigung mit. Ich ging zum Jugendamt und zur Karitas und kämpfte für die Schließung des Heimes. Aus der Arbeit in dem Jugendzentrum, eine Stelle, die mir dann immerhin der linke 68er-Dozent Daniel Rieser besorgte, gibt es zwar viel, aber wenig zum Thema zu berichten. Nur eines vielleicht:
Als ich mit meinem Praktikumsanleiter und der Kindergruppe zusammen eine Ferienfahrt organisierte, war eigentlich alles ganz locker bei uns. Aber als wir einmal im Dorf ein Bier tranken, die Kinder schliefen längst, kamen plötzlich uns unbekannte Jugendliche ohne Begleitung und verlangten recht lautstark ebenfalls nach Alkohol. Der Wirt verwehrte es ihnen und wir sprachen die Jugendlichen an. Sie kamen aus einer Gruppe eines anderen Jugendzentrums und waren ihren Betreuern ausgebüchst, wie sie sagten. Wir spendierten ihnen ein Bier und machten uns dann schnell – mit ihnen zusammen, das war der Deal mit dem Bier – auf den Rückweg, da wir schon befürchteten, dass diese Neuen auch unsere Gruppe infiziert haben könnte. Als wir dann mit den ausgebüchsten Jugendlichen zusammen ankamen, war tatsächlich Chaos im ganzen Haus. Die Kinder aus unserer Gruppe verschwanden aber sofort in ihren Zimmern, als sie uns nur sahen. Die Erzieher aus dem anderen Jugendzentrum rannten hinter „ihren” Kindern her, versuchten sie einzufangen, schimpften, schrien, nichts half. Ich sah schnell, wer unter ihnen die Macht hatte (Danke Anika), schnappte mir den Jungen und befahl ihm, sofort in sein Zimmer zu gehen. Ich hielt ihn dabei so fest, dass das weh tun musste. Innerhalb von einer halben Minute war alles still. Und eine viertel Stunde später saßen wir mit den Kollegen und Kolleginnen im Garten und hatten Feierabend. Für dieses junge Team waren wir die Helden, so was wie Zauberer. Am nächsten Tag kam eines der Mädchen, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt, aus dieser Gruppe zu mir und wir flirteten. Bald saß sie auf meinem Schoß und wir knutschten. Vor aller Augen. Das kannst du doch nicht machen, meinte mein Praktikumsanleiter. Warum nicht? fragte ich zurück und genoss das Schmusen und die Aufmerksamkeit der Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, die das dann unkommentiert hinnahmen.
Wieder in Wulfen. Zwar waren wir von Wald umgeben, aber nicht nur. Wir wohnten auch mitten in einem gefürchteten sozialen Brennpunkt, was wir vorher gar nicht so wussten. Es war die Talaue. Jedem der Wulfen-Barkenberg aus der Zeit kennt, ein Begriff. Es gab jede Menge verbilligter Zigaretten oder Fleisch, das von irgendeinem Laster gefallen war. Und viel Besuch. Claudia genoss es, mit einigen Jugendlichen zu bumsen. Wenn ich badete, setzte sie mir Sara in die Wanne und meinte: Da – kannst du mal mit Papas Schwanz rusmpielen und lachte. Ich lachte auch. Aber auch als Sara älter, drei, vier Jahre alt wurde, zeigte sie überhaupt kein Interesse an Sexualität. Wir, also mal Claudia, mal ich, versuchten ja, ihre Klitoris zu streicheln. Aber es machte ihr keinen Spaß, sie zeigte überhaupt keine Reaktion. Auch legte sich Sara, wie ich es aus den Kindergärten kannte, nie auf den Boden und streichelte sich. Also hörten wir auf. Wenn wir in der Wanne saßen, dann zerrte Sara dermaßen an meinen Penis, dass es weh tat und ich lieber allein badete.
Sylvia, die SM-veranlagte, nun langjährige Freundin von mir und ihr Ehemann, Rudi, der Ex-Schwerverbrecher und Baggerfahrer besuchten uns nun häufig. Rudi brüstete sich damit, dass Sylvia keine SM-Gelüste mehr habe. Sylvia vertraute mir aber an, dass dies nicht wahr wäre, woraufhin ich sie zu meiner Sex-Sklavin machte. Vor Rudis Augen. Der schüttelte den Kopf und meinten, wir hätten doch alle einen Knall, beteiligte sich dann aber doch an dem Spiel, in dem alle Frauen in den nahegelegenen Wald vor uns flüchten mussten und die Regel war: der Mann, der sie einfängt, darf sie an Ort und Stelle nehmen. Ich war mal wieder viel zu sehr Sozialarbeiter und rannte aus Mitleid einer dicken Nachbarin hinterher, damit auch hinter ihr überhaupt jemand her rannte. Dann bekam ich keinen hoch.
Obwohl wir politisch kaum noch aktiv waren, (außer Pflichtbesuchen irgendwelcher Kalkar-Demos oder dem Überkleben von Ortseingangsschildern mit „Gorleben ist überall”) war ich ja dem Verfassungsschutz als RAF-Sympathisant bekannt und es gab den Radikalenerlass. Und da es damals schon eh kaum Stellen für Sozialarbeiter gab, waren meine Chancen äußerst schlecht, da staatliche oder städtische Stellen ausschieden und kirchliche sowieso. Aber dann erhielt ich eine Zusage von einem AWO-Kinderheim in Uetersen. Wir beschlossen, umzuziehen.
Was dort zum Thema geschah, berichte ich im nächsten, 7. Teil.