Körper Liebe Doktorspiele — Teil 5: “Besuch bei den Unberührbaren”
Der kurze Frühling der Anarchie
Die Entfernung zweier Elternratgeber aus dem Angebot des Familienministerium habe ich in Körper Liebe Doktorspiele — Teil 1: Geht es wieder los? zum Anlass genommenn, meine Diplomarbeit ins Netz zu stellen, die sich 1981 genau mit dem Thema: Umgang der Erwachsenen mit kindlicher Sexualität beschäftigt hat.
Mit der provokanten Zusammenfassung „Man kann nicht keinen Sex mit Kindern haben” habe ich im Zweiten Teil: Da unten kribbelts so schön „Meine beschnittene Kindheit” selbst als eine Form sexuellen Missbrauchs beschrieben.
Im dritten Teil: Ungeschickt und einsam beschreibe ich unter anderem zwei Erfahrungen, die mich von dem Fluch meiner Mutter, die mir eingeschärft hatte, dass Frauen keinen Spaß am Sex hätten, eigentlich hätten befreien sollen. So wurde ich erstmals Zeuge weiblicher Lust, sah, wie ausgerechnet ein kleines Mädchen sich selbst befriedigte und traf Sylvia, die mir von ihren extremen Leidenschaften ausführlich berichtete. Aber obwohl ich dann sogar für ein paar Wochen eine Freundin hatte, die sich die Pille besorgen und dann mit mir schlafen wollte, war der Bann noch nicht gebrochen. Ich war überzeugt, dass sie sich bestimmt nur als Preis für etwas anderes auf Sex mit mir einließ und beendete die Beziehung (übrigens die erste und letzte Beziehung, die ich beendete)
Im vierten Teil beschreibe ich „mein erstes Mal” mit Francoise – ein Wochenende, das alles änderte – wie es dann weiterging, bis zu einem wiederum beeindruckenden Wochenende: Einem Ausflug mit dem Kinderladen, in dem ich Zivildienst machte. Es wurde eingeleitet mit der merkwürdig vertraulichen Bitte eines Vaters, seine Tochter vor dem Einschlafen zu streicheln…
In diesem Teil erzähle ich, wie es dazu kam, dass die Aussicht, selbst Vater zu werden, plötzlich greifbare Realität wurde.
Da stand ich also am Bett von Anika[1] und streichelte ihre Klitoris. Sie hielt die ganze Zeit meine Hand fest, führte sie, wenn ich „falsche” Bewegungen machte. Ich weiß nicht und wusste schon damals nicht, wie lange das dauerte, irgendwann nahm sie meine Hand weg, es war gut.
Gute Nacht – sagte ich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie ließ mich auch gehen, bettelte aber, dass ich bei ihr im Bett schlafen solle. Ich versprach es und ging zu den Kolleginnen, die mich schon vermisst hatten. Später legte ich mich dann tatsächlich neben die schon schlafende Anika. Wichtig ist, hier einzuschieben, dass ich mich ganz sicher irgendwann selbstbefriedigt hatte, wahrscheinlich im Bad, bevor ich ins Bett ging. Damals hatte ich noch keine Ahnung vom Unterschied zwischen heidnischer und christlicher Askese. Ich war zu der Zeit immer noch Fan von „Der Kraft des Guten” von Carl Rogers. Ich versuchte, bei der Selbstbefriedigung genau wie in tiefer Entspannung, möglichst viele Fantasien zuzulassen, und damit mein Gewahrsein, wie ich dachte, zu erweitern, also der Stimme des Herzens zu vertrauen. Ein ganz falscher Weg, aber hier kann ich nicht weiter darauf eingehen.
Am nächsten Morgen lag Anika also neben mir und ich war müde, da ich kaum hatte einschlafen können. Auch war mein Schlaf sehr leicht gewesen, da ich mich ganz an den Rand des Bettes gelegt hatte und Angst hatte, rauszufallen. Ich war auch immer wieder wach und hatte das schlafende Kind angeschaut. Ich hatte mich also in Anika verliebt, jedenfalls hatte ich lieber neben ihr gelegen, als die Nacht mit einer der Praktikantinnen zu verbringen. Und so viele Gedanken beschäftigten mich. Der schönste war, dass mir ein Kind hier zum ersten Mal nicht als Objekt irgendwelcher Erziehungsaufgaben, sondern als vollwertig, liebevoll und liebenswert begegnete.
Eine fünf-jährige Freundin
Anika wurde wach und meinte, sie habe Durst und wolle runter in die Küche, um sich etwas aus dem Kühlschrank zu nehmen. So wie sie es sagte war klar, dass sie mir damit einen Regelverstoß ankündigte. Denn die DKP-Petra hatte den Kindern eingeschärft, dass sie nicht allein in die Küche gehen dürften. Ich nickte und während sie weg war, wurde mir klar, wie lächerlich es gewesen wäre und wie unmöglich, jetzt wieder in die Erzieherrolle zu wechseln und Anika die selbstverständlichste Sache der Welt zu verbieten: ihren Durst zu stillen. Sie kam dann wieder und meinte, sie wäre erwischt und ausgeschimpft worden. Warum hast Du nicht gesagt, dass ich es dir erlaubt habe? meinte ich. Dann hätte Petra ja mit Dir auch noch geschimpft war die Antwort, die mich mit warmer Liebe durchströmte. Bei der Ankunft zurück in Bochum gab es keine Gelegenheit, mit dem Vater von Anika zu sprechen. Am Tag danach erzählte ich Jörg, was geschehen war und machte ihm auch den Vorwurf, dass er mir nicht vorher gesagt hatte, auf was ich mich da eigentlich eingelassen hatte. Anika hatte ihm bereits alles erzählt, meinte er und dass er nicht gewusst habe, ob seine Tochter von mir so gestreichelt werden wolle, dass er das auch nicht unbedingt im Kinderladen breittreten wollte. Dort änderte sich nun alles. In dieser Veränderung begriff ich erstmals, dass auch diese Kindergruppe nicht einfach nur ein Haufen, eine unzusammenhängende Masse war. Dadurch, dass Anika mich in ihr Herz geschlossen und gleichzeitig selbst unter den Kindern beliebt war, mochten die Kinder mich auf einmal schlagartig alle! Ich sollte ihnen vorlesen, mit mir wollten sie spielen und auf mich hörten sie, wenn ich einen Vorschlag für eine Aktivität machte. Nicht nur das, es wirkte sich auch auf die Eltern aus und führte am Ende sogar zu einer Spaltung: die Mehrheit der Nicht-DKP-Eltern fanden mich ganz toll und entschieden sich, von der DKP-Petra vor die Alternative gestellt, entweder ich würde rausgeschmissen oder sie würde kündigen, gegen meinen Rausschmiss. Allerdings war diese Fragestellung angekündigt und es waren an diesem Elternabend (die Eltern waren ja Betreiber des Kinderladenvereines) wirklich alle Eltern da. Die DKP-Petra gab nicht auf und stellte am nächsten Elternabend, an dem mein Rauswurf nicht auf der Tagesordnung stand, die Frage noch mal. Diesmal waren die DKP-Eltern, die natürlich alle eingeweiht waren, in der Mehrheit und es war Partei-Disziplin verlangt, wie sich ein Vater anschließend bei mir kleinlaut entschuldigte.
Aber soweit war es noch lange nicht. Erst begann etwa ein halbes Jahr, in dem mein Einfluss auf die Kinderladenarbeit ständig zunahm. Ich durfte Bücher kaufen, in denen nicht nur die Jungen Helden waren, es gab neue Aktivitäten, die Eltern, die vorher nur zum Kochen abgestellt waren, wurden in die Kinderbetreuung einbezogen usw. Eine der Mütter, die mich plötzlich mochte, war Gesine Höhner, die Kassenführerin. Sie fragte mich wenige Tage nach dem Ausflug, ob ich an einem Abend bei ihr den Babysitter machen könne und fügte doch tatsächlich hinzu: Anika ist da auch bei uns. Ich konnte es kaum glauben: sie benutzte doch tatsächlich dieses Kind neben dem kleinen Geld, dass sie mir versprach, als Lockmittel. Ich willigte ein. Nachdem ihr Ehemann mir seinen tollen selbstgebauten Kleiderschrank gezeigt hatte, verlangte Gesine, dass ich aber unbedingt darauf achten müsse, dass die Kinder auch um eine bestimmte Uhrzeit, ich weiß nicht mehr, sagen wir, sieben Uhr, ins Bett gingen. Ich versprach es ohne zu wissen, dass ich damit das Ende meiner Freundschaft mit Anika besiegelt hatte. Denn als ich dann ihre beiden Kinder und Anika, wie versprochen, drängte, ins Bett zu gehen, akzeptierte Anika zwar meine Autorität, aber ich war von dem Moment an für sie auch wieder mehr oder weniger nur ein „doofer” Erwachsener, wie die anderen auch.
Der hat sich überhaupt nicht seinen Schwanz gewaschen
Ganz deutlich spürte ich das ein paar Tage später. Diesmal hatte mich Jörg eingeladen, nicht zum Babysitten, sondern nur so, in seiner Familie zu übernachten. Ich verbrachte die Nacht im Gästebett. Am nächsten Morgen kam er mit seiner Tochter zu mir ins Bett. Aber es war er allein, der mit mir kuschelte und zwar mit seinen Beinen, die er minutenlang an meinen wärmte. Auch diese Nähe eines Mannes fand ich wieder sehr schön. Als ich dann aufstand, begleitete mich Anika ins Bad. Ich trug meine Unterhose und wusch mir das Gesicht am Waschtisch. Beim Frühstück verpetzte mich Anika dann: der hat sich überhaupt nicht den Schwanz gewaschen. Die Eltern, die Kinder, lachten und Jörg meinte schmunzelnd, dass auch die Großen immer noch was dazulernen müssten. Und tatsächlich hatte ich etwas gelernt. Zwar hätte ich vielleicht geduscht, wenn Anika nicht dabei gewesen wäre, aber sie hatte mich noch nie nackt gesehen und es war mir peinlich, mich vor ihr im Bad auszuziehen. Doch es stimmte auch, dass ich meinen Penis damals bei der Reinigung immer noch vernachlässigte. Ein Rest des Lochs, des „Da unten” meiner Kindheit, in dem ich keinen Penis hatte, wirkte immer noch.
Anika war dann die Erste, die ein paar Wochen später begann, sich im Kinderladen selbst zu befriedigen. Anders als in der evangelischen KiTa gab es dort ein Kuschelzimmer, das die Eltern schon lange eingerichtet hatten, in dem aber vorher eher getobt wurde. Nun sorgten wir (die DKP-Petra noch an meiner Seite) dafür, dass in diesem Raum nicht gelärmt wurde, ansonsten hielten wir uns raus. Bald gesellte sich auch Julia, die Tochter von Petra Bühr [Name auf Wunsch eines Angehörigen geändert] und weitere Kinder, hauptsächlich aber Mädchen, zu Anika und streichelte sich regelmäßig. Keiner der Eltern, auch nicht aus der DKP-Fraktion, sah hier Probleme, im Gegenteil. Wie gesagt, wurde ja ein akzeptierender und sogar ermutigender Umgang mit kindlicher Sexualität längst sogar im Staatsfernsehen propagiert. Die Dokumentation über das Buch Zeig mal mit dem Titel Guck weg, vermittelt einen kleinen Eindruck. Die abgebildeten Fotos in dieser Dokumentation sind dabei noch die harmlosen. Petra Bühr bat mich dann um „Assistenz”. Sie wollte mit Stefan, einem Mitbewohner in der Kommune, bumsen und ich sollte mit Julia mich dazulegen, so dass die dann währenddessen sich nicht ausgeschlossen fühle. Wir machten das, aber es ging “schief”. Julia interessierte sich überhaupt nicht für mich, sondern, wie Petra, nur für Stefan. Auch ich interessierte mich nicht für Julia, sondern, wie Stefan, nur für Petra, die ich seit dem ersten und letzten Sex mit ihr nicht mehr nackt gesehen hatte. Aber keiner war richtig eifersüchtig; wir hörten dann einfach auf und lachten über die blöde Aktion.
Punks zeigen den Hippies, wo es lang geht
Dann bekam ich einen Studienplatz in Essen und war kurzzeitig wieder bei meinen Eltern eingezogen. Nachdem ich aus dem Kinderladen rausgeflogen war, wurde ich in ein Ferienzentrum der AWO auf Norderney versetzt. Als ich von dort zurückkam, lagen meine Birkenstocksandalen noch genau an der selben Stelle unter dem Wohnzimmertisch, wo ich sie Monate vorher ausgezogen hatte. In meinem ursprünglichen Zimmer pennte ein Junkie und die anderen Leute waren ständig bekifft. Bei einer der letzten Begegnungen mit Ute kam diese gerade aus Berlin wieder vom Tunix. Entsetzt erzählte sie, dass dort Punks jetzt die Szene beherrschten und dass die einfach blind auf jeden mit Steinen und Mollis geworfen hätten, egal ob Genosse oder Polizei. Frustriert zog ich aus der Kommune, aus der heraus wir doch die Welt mal verbessern wollten, aus. Beim Umzug hatte auch keiner der Genossen Zeit. Martin, mein „bürgerlich spießiger” Cousin half mir sofort.
Bei meinen Eltern war es unerträglich. Ich durfte keinen Besuch empfangen. Zwei Frauen, einmal Gesine, die Mutter aus dem Kinderladen und ein anderes Mal eine Kommilitonin, hatten Steinchen gegen mein Fenster geworfen und ich hatte sie heimlich in das Zimmer gelassen, in dem ich schlief und das meine Eltern gegen meinen Protest beharrlich Kinderzimmer nannten. Dabei waren die ja umgezogen, in eine (eigene) Neubauwohnung, in der ich mich selbst eher als Untermieter fühlte. Als Kind, in der alten Wohnung, hatte ich nie ein eigenes Kinderzimmer, zuletzt auf mein Drängen hin eine Klappcouch im Wohnzimmer inmitten von “Gelsenkirchener Barock”.
Trotzdem ging es mir gut. An der Uni war ich schnell bekannt als Linksradikaler. Ich hatte ein eigenes Anarchistisches Manifest geschrieben, drucken lassen und verteilt, mit Zitaten u.a. von Paul Goodman und Max Stirner und mich, theoretisch relativ gut geschult, in Seminaren mit den Altlinken herumgeschlagen, konnte wie sie, mit irgendwie passenden Marx-Zitaten um mich werfen. Ich war eine Art „Alphamännchen”. Sah ich ein neues Frauen-Gesicht, das mir gefiel, dann stellte ich mir nicht mehr vor, wie es vielleicht sein würde, mit dieser Frau zu schlafen, sondern wie es sein wird. Ich bekam nie einen Korb. Regelrecht peinlich war damals die Anpassung der Neuen an uns Unangepasste. Kamen brave Bürgermädchen an ihrem ersten Tag an die Uni, hatten sie sich dann am nächsten Tag schon mit Atomkraft-Nein-Danke-Plaketten, Palli-Tuch und anderem Outfit als linksradikal verkleidet.
Irgendwann gab es ein Wochenendseminar zum Thema Geschlechtsrollenidentifizierung im Kapitalismus in einem alten Schloss, in dem u.a. ein Film gedreht werden sollte. Am letzten Abend war Abschlussfete mit der Aufgabenstellung, das soziale Geschlecht möglichst phantasievoll zu tauschen. Der ganze Abend verlief eher wie eine spießige Karnevalsveranstaltung im Altenheim. Da sprach mich eine unbekannte Frau, im Männeranzug verkleidet an, ob ich wohl mit ihr tanze wolle. Ich wollte eigentlich nicht, aber ließ mich auf das Spiel ein, sagte dann aber bald, dass ich müde wäre und ins Bett wolle. Sie drängte darauf – ganz in der Männerrolle – dass ich doch in ihrem Bett schlafen solle. Ich willigte schließlich ein, nicht ohne darauf zu bestehen, dass ich wirklich müde wäre und keine Lust auf Sex hätte, was auch die Wahrheit war. Sie versprach, mich in Ruhe zu lassen. Kaum im Bett hatte sie aber meinen Schwanz in ihrem Mund und schließlich bumsten wir doch. Ich war anfangs richtig unwillig und genervt, ich wollte ja wirklich nicht! So hatte sie mich beinahe „vergewaltigt”, dachte ich am nächsten Morgen, als ich aufwachte. Das fand ich ja schon wieder gut und suchte nach dieser mutigen Frau. Die war aber schon abgereist. Eine Freundin von ihr, mit dem Spitznamen Mausi , verriet mir dann wenigstens ihren Namen und dass sie aus der linken Szene in Bochum käme.
Besuch bei den Unberührbaren
Komisch dachte ich, dass ich sie gar nicht kannte. Ich fuhr nach Hause und begann mehr und mehr mich danach zu sehnen, diese Frau: Claudia, wieder zu treffen. Also rief ich Petra Bühr an und erzählte ihr von der Geschichte. Und da stellte sich heraus, dass Claudia ihre langjährige beste Freundin war. Tatsächlich hörte ich da zum ersten Mal aus dem Mund einer Genossin das Wort Freundin, gar beste Freundin. Petra verriet mir auch die Anschrift von Claudia und wir verabredeten uns, in den nächsten Tagen da mal zusammen hinzufahren. Aber ich wartete nicht, sondern besuchte Claudia noch am selben Tag. Die freute sich riesig, als sie mich sah, wir umarmten uns leidenschaftlich und sie stellte mir dann Roman, ihren damals etwa siebenjährigen Sohn, vor. Bald stellte sich heraus, dass sie die Wohnung außerdem noch mit ihrem Freund Wolfgang Fritsch teilte. Ich war entsetzt (zeigte das aber natürlich nicht). Denn für uns war sowas damals völlig unmöglich: Wenn man schon nicht in einer Kommune lebte, dann ging so gerade noch eine Einzelwohnung oder ein Zimmer in einer WG. „Wer dreimal mit der selben pennt gehört schon zum Establishment” war zwar ein frauenfeindlicher Satz der 68er – also nicht unser!, aber eine auf verlogene Monogamie mit betrügerischem Fremdgehen aufgebaute Lebensweise war das Allerletzte. Und als Claudia mir auch noch erzählte, dass ein Liebhaber von ihr sich wenige Tage vorher im Kleiderschrank versteckt habe, als Wolfgang unerwartet nach Hause gekommen sei, glaubte ich mich nun vollends im falschen Film.
Dann spielte Roman mit irgendwelchen Dartpfeilen und Claudia schimpfte: Du weisst, dass die dem Wolfgang gehören, leg die wieder weg. Wenigstens schien dem Jungen diese Verherrlichung des Privateigentums Scheiß egal, dachte ich, denn er störte sich nicht an dem, was seine Mutter sagte. Claudia fragte mich, ob ich bei ihr schlafen wolle. Immerhin hatte sie ein eigenes Zimmer und kein gemeinsames Schlafzimmer mit Wolfgang. Als der dann irgendwann kam, erzählte ich ihm – ob es nun Claudia recht war oder nicht – von der Nacht im Seminar und fragte ihn, ob er etwas dagegen habe, wenn ich über Nacht bliebe. Hatte er nicht, natürlich nicht, log er. Am Abend kam dann Roman in Claudias Zimmer, als wir uns gerade hingelegt hatten. Mit Schlafanzug legte er sich einfach neben seine Mutter. Da fuhr die hoch und schimpfte. Er solle sich verpissen. Das Bett wäre doch viel zu eng für drei. Er habe ein eigenes Zimmer. Und als Roman nicht sofort aufstand, schlug sie, zwar nicht fest, mehr selbst wie ein tobendes Kind, auf Roman ein. Mein Entsetzen war nun grenzenlos. Ich verlangte von Claudia, dass sie sich sofort bei ihrem Kind entschuldigen müsse und dass der auf jeden Fall ein Vorrecht habe, bei seiner Mutter zu schlafen. Wenn es ihr zu eng wäre, dann würde ich halt in seinem Bett schlafen, so dass Roman neben ihr liegen könne, wie es ja offensichtlich auch seine Gewohnheit war. Wenn ich mich richtig erinnere, lief es damals tatsächlich darauf hinaus, dass ich im Kinderzimmer und Roman bei seiner Mutter übernachtete.
Es war Spätherbst 1978.
Trotz aller Bedenken hatte ich mich in Claudia verliebt. Und ich konnte dort auch einziehen, zum Vergleich mit der spießigen Enge bei meinen Eltern war das die „Freiheit”. Und immerhin war Claudia ja beste Freundin von Petra, der Frau, mit der ich einst am liebsten in den Untergrund gegangen wäre. Immerhin kannte Claudia viele Linke und verkehrte regelmäßig im RUBPub, dem Treff der Linksradikalen in Bochum. Claudia erzählte mir zudem, dass ihr diese „Zweierscheiße” mit Wolfgang auch schon lange auf dem Sack ging und sie mit ihrer Freundin Karin und Wolfgang zusammen eine WG in Essen gründen wolle. Ich schlug vor, Ekkehard, den Liebhaber aus dem Kleiderschrank doch mit ins Boot zu nehmen. Als Ekkehard mich zum ersten Mal sah und mit dem Vorschlag konfrontiert wurde, aß er ein ganzes Stück Haschisch auf einmal und wir mussten ihn fast zum Notarzt bringen. Das war also sein „Nein” zu der Idee. Wolfgang zeigte sich interessiert. Aber wenn es dann um Termine zur Wohnungssuche ging hatte er keine Zeit und bald meinte er dann auch, dass er lieber in Bochum bleiben und eine Kneipe betreiben wolle, was er auch irgendwann tat.
Wenn du Bock hast, kannst du mir noch ein Kind machen
Also suchten noch Claudia, Karin, Roman und ich nach einer Wohnung in Essen. Was ich bisher aber noch nicht erwähnt habe, gab allerdings den größten Ausschlag, dass ich mich auf Claudia so eng eingelassen hatte: Als wir am Abend nach der ersten Nacht in ihrer Bochumer Wohnung in eine Kneipe gingen, um ein Bier zu trinken, erzählte ich ihr, dass mein Leben ja eigentlich ganz in Ordnung wäre, bis auf ein Problem:
Ich könne mir nicht vorstellen, dass in den Lebensformen, die ich nun kannte, also Kommune und lockeres Treffen „ohne Erwartungen”, ich jemals mit einer Frau ein Kind bekommen könne und das würde ich ja schon gern. Claudias Antwort haute mich vom Stuhl und machte mich schlagartig glücklich: „Wenn du Bock hast, kannst du mir noch ein Kind machen”, sagte sie.
Im nächsten Teil „Wir sind polymorph pervers” schreibe ich über die Geburt von Sara, unser gemeinsames Auftreten an der Uni und was in Sachen „Körper Liebe Doktorspiele” dann in den nächsten Jahren noch geschah.
Fußnoten:- ich bin mir nicht mehr sicher, vielleicht hieß sie auch Anja, ich bleibe einfach mal bei Anika [↩]