Körper Liebe Doktorspiele — Teil 2: Da unten kribbelts schön

Meine beschnittene Kindheit

In Körper Liebe Doktorspiele — Teil 1: Geht es wieder los?   habe ich die Entfernung zweier Elternratgeber aus dem Angebot des Familienministeriums zum Anlass genommenn, meine Diplomarbeit ins Netz zu stellen, die sich 1981 genau mit dem Thema: Umgang der Erwachsenen mit kindlicher Sexualität beschäftigt hat. Zu dieser Zeit waren Elternratgeber wie Körper Liebe Doktorspiele allgegenwärtig. Nicht nur als Broschüren, auch etwa am Sonntagmorgen konnten Eltern sich mit ihren Kindern gemeinsam im ZDF anschauen, wie Mama und Papa Geschlechtsverkehr haben, das Kind sie dabei überrascht und die Eltern daraus dann ein Hoppe-Hoppe-Reiter-Spiel initiieren mit anschließender Aufklärungsstunde. Mit der geistig-moralischen Wende Helmut Kohls wurde alles ziemlich schnell anders. Eine neu entstandene neoliberale Frauenbewegung erklärte all das, was noch vor kurzem angeraten wurde, zu sexuellem Missbrauch und plötzlich schien meine ganze Generation von Amnesie befallen: keiner und keine konnte sich mehr an Hoppe-Hoppe-Reiter im Familien-,  WG-  und Kinderladen-Alltag erinnern. Am Ende stand dann der Vorwurf meiner Tochter, ich habe sie als Kind sexuell missbraucht

In diesem Teil nun will ich die Erotik meiner eigenen Kindheit beschreiben. Als Schlussmarkierung für diese Zeit habe ich den Moment gewählt, in dem ich zum ersten Mal beruflich zum Umgang mit kindlicher Sexualität befragt wurde. Da war ich 16 und machte ein Praktikum in einem evangelischen Kindergarten. Die Leiterin bat mich um Rat, wie sie mit der öffentlichen Onanie eines Mädchens umgehen solle. Schließlich käme ich ja frisch von der Schule und würde mich da sicher besser auskennen.

Da unten kribbelts so schön

Ich habe genau zwei Erinnerungen aus meiner frühen Kindheit. In der einen war ich auf dem Arm meiner Mutter und sie wollte mit mir zusammen die Wohnung verlassen. Doch ein mir völlig fremder Mann hinderte sie daran, redete sanft auf sie ein, es sei doch Nacht und sie solle sich beruhigen. Meine Mutter nannte den Mann besoffenes Schwein und nannte ihn zusätzlich mehrfach meinen Vater und mich seinen Sohn.

In der zweiten Erinnerung, es muss ein Samstag oder Sonntag gewesen sein, lag ich in der Besucherritze (die Mitte) des Bettes meiner Eltern auf dem Bauch und mich überkam plötzlich ein wunderschönes Gefühl, das ich vorher noch nie erlebt hatte. Ich rieb meinen Leib fest gegen die Matratze und genoss dieses Gefühl. Dann erzählte ich meinem Vater davon, den ich jetzt Papa nannte und der noch neben mir im Bett lag, während meine Mutter in der Küche hantierte. Da unten kribbelts ja so schön, was ist das?

Mein Vater begann dann zu singen, mit ganz heller Stimme und krähte dann, wie ein Hahn: Kickeriki, Kickeriki machte er mehrmals. Dann erklärte er mir, dass er die Sängerin aus dem Radio nachmache, dass die aber nicht singen, sondern nur krähen könne. Kickeriki. Es war eine Oper oder Operette, die im Radio lief, das meine Mutter in der Küche eingeschaltet hatte. Damals, es muss Ende der 50er Jahre gewesen sein, hatte man, hatten wir, nicht viel Auswahl. Einen Fernseher gab es noch nicht bei uns und im Radio gab es eben öffentlich/rechtlich verordnetes Kulturprogramm.

Beschnitten nach katholischer Art  

Das Klo in unserer ersten Wohnung in der Prinzenstaße 10 war eine Treppe tiefer. Ich weiss noch, dass meine Mutter mich dorthin begleitete, wenn ich Pippi musste. Ich saß dann auf dem Klo und es plätscherte und kribbelte auch manchmal wieder da unten. Doch wenn ich Pech hatte, dann plätscherte es nicht, dann wurde mein Bein feucht. Ach, Klaus!  schimpfte meine Mutter dann, nahm mich hoch und setzte mich noch mal aufs Klo. Ich wusste nicht, warum manchmal mein Bein feucht wurde, wenn ich auf dem Klo saß und was man hätte tun können, das zu verhindern. Denn ich hatte keinen Pimmel, keinen Penis, keinen Schwanz. Ich hatte nur Da unten.  

Da unten war der vordere Bereich meines Körpers unterhalb meines Bauchnabels und oberhalb meiner Oberschenkel. Hinten wusste ich, hatte ich einen Popo. (Ein Po-Loch hatte ich wiederum nicht) Aber vorne war nur Da unten. So war ich also eigentlich beschnitten. Doch anders (und wesentlich auch mehr), als Juden und Muslime, war bei mir nicht ein Einschnitt in die Vorhaut gemacht worden, vielmehr war mein ganzer Schwanz abgeschnitten,  weggezaubert. So etwas wie  Genitalien hatte ich nicht. Meine Erinnerung bestätigt, was der Ratgeber Körper Liebe Doktorspiele anspricht:

In Bereichen, die mit Sexualität zu tun haben, ist immer wieder festzustellen, dass Eltern verunsichert sind und daher befangen reagieren. Es ist z. B. zu beobachten, dass bei der Pflege die Arme, die Nase, die Zehen, das Mündchen usw. benannt und oft auch spielerisch liebkost werden, dass dies aber auffälligerweise nicht bei den Genitalien, besonders nicht bei denen der Tochter, geschieht: die werden eher ausgespart bei der Benennung und Liebkosung.
Dieser in der Regel unbewusste Akt hat jedoch Konsequenzen:Das Kind merkt sich nicht nur, dass sein Arm sein Arm ist, sondern auch, dass es einen namenlosen Bereich gibt, zumindest einen, der weniger intensiv und freudig wahrgenommen und gestreichelt wird als andere Körperregionen.

Nur hatte ich meine Genitalien nicht als „namenlosen Bereich”, sondern gar nicht wahrgenommen. Ein weiterer Unterschied: Nicht nur mein Schwanz, vielmehr mein ganzer Körper wurde aus Liebkosungen ausgespart. Umarmungen, Küsse, Schmusen — derartiges kannte ich nicht, weder von meinen Eltern, noch von sonst irgendwo her. Zum Geburtstag bekam der kleine Klaus feierlich die Hand gereicht und durfte dann die drei, fünf, zehn Kerzen auspusten.

Ich habe diesen körperlosen, körperverachtenden Umgang später selbst als Form des sexuellen Missbrauchs bezeichnet. Und irgendwas stimmt daran: die psychische Kastration, das ständige Ablenken von allem Sexuellen, das ist auch Sexualität.

 Deswegen kann es garnicht um die Frage gehen, ob Erwachsene mit Kindern Sexualität machen sollten oder nicht, sondern um die Erweiterung unseres Gewahrseins. Denn solange die sexuellen Aspekte in unseren Beziehungen außerhalb des Gewahrseins liegen, haben wir hier kaum Wahlmöglichkeiten.[1]

So hatte ich das 1981 formuliert. Analog zum Watzlawickschen Grundsatz der Kommunikationstheorie (Man kann nicht nicht kommunizieren) muss dann der Satz, bezogen auf den Umgang von Erwachsenen mit kindlicher Sexualität, sofern sie überhaupt Umgang mit Kindern haben, lauten:

Man kann nicht keinen Sex mit Kindern haben.

Das klingt – heutzutage – wie ein Freifahrtsschein für Pädophile, folgt aber nur der ganz simplen Logik, dass auch das Verachten, Wegwerfen, Vernichten eine Form des Umgangs darstellt. So einfach, wie das Wegwerfen von Lebensmitteln eben auch Umgang mit Lebensmitteln ist und wir uns auch kaum an dem Satz stören würden, dass das massenhafte Wegwerfen von Lebensmittel einen Missbrauch von Nahrung darstellt. Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Nun kann ich mich als Kind an viele Freitage erinnern, in denen ich mit meiner Mutter zusammen die Schlafcouch in der Küche ausklappte. Damals gab es noch an jedem Freitag Lohntüten, die den Wochenlohn in bar enthielten. Und wie viele Arbeiter damals, hat auch mein Vater dann diese Gelegenheit manchmal genutzt, einfach nicht nach Hause zu kommen, sondern erst mal zur Bude oder in einer Kneipe einen Teil des Lohnes in Alkohol zu ertränken. Um neun Uhr wurde es dann immer spannend. Ich lag mit meiner Mutter auf der Couch, alle Lichter waren aus, das Schnapprollo heruntergezogen. Sobald dann irgendein Geräusch von der Straße eindrang, sagte sie Psst, ich glaube da kommt er. Um Neun machte nämlich die Bude zu. Entweder kam er dann nach Hause oder er war in der Kneipe, dann kam er erst nachts. Wenn mein Vater nicht kam, freute ich mich, denn dann, wusste ich, folgten lange intime Gespräche mit meiner Mutter.

Ich wurde aufgeklärt: Frauen haben keinen Spaß am Sex

Sie erzählte mir etwa, dass sie als junge Verkäuferin voller Panik der Konsum-Leiterin gestanden habe, schwanger zu sein – weil sie ein Mann nach Hause gebracht und geküsst habe. Dass sie von ihren Eltern (anders als ich von ihr, wie sie häufig stolz betonte) nicht aufgeklärt worden sei und deshalb gedacht hätte, vom Küssen sei sie schwanger geworden. Immer wieder erzählte sie mir auch, dass keine Frau Spaß an Sex habe, dass nur manche Frauen ihre Männer belügen würden, dass ihre Arbeitskolleginnen sich einen Spaß daraus gemacht hätten, nachzumachen, wie sie ihren Männern einen Orgasmus vortäuschen würden. Und dass sie nur ein einziges Mal mit meinem Vater geschlafen hätte, wegen mir, obwohl ich eigentlich ein Mädchen hätte werden sollen.

Meine Mutter hatte mich also aufgeklärt, irgendwie. Aber irgendwie hatte ich da immer noch keinen Schwanz. Einmal zeigte sie mir ein Aufklappbild auf der letzten Seite des Brockhaus Gesundheitsbuches. Es war eines von den drei Büchern, die wir hatten, die anderen beiden waren Brockhaus A-L und Brockhaus M-Z.  Das Bild zeigte eine naturgetreu gemalte nackte Frau. Wenn man sie mehrfach aufklappte, konnte man nacheinander Muskeln, Knochen und schließlich ein Embryo sehen. Zugeklappt sah man den Busen. Aber die Frau hatte keine Muschi, keinen Schamhügel, keine Schamlippen – da unten – nichts.

Meine größte Jugendsünde: ich hatte hingeschaut

Ich hatte nie einen nackten Menschen gesehen, mich eingeschlossen. Irgendwann, am Anfang meiner Pubertät, hatte sich einer meiner Cousins einen Spaß daraus gemacht, ein kleines Mädchen in der Nachbarschaft, die wohl geistig behindert war, aufzufordern, sich die Hose runterzuziehen. Das dauerte nur eine Sekunde vielleicht, ich schaute hin und sah dort ein faszinierendes – Nichts. Ich war Messdiener und wusste: Ich hatte hingeschaut. Also hatte ich gesündigt. Und der Pastor hatte uns gesagt, dass der Verstoß gegen das sechste Gebot eine der schlimmsten Sünden wäre, so schlimm, wie jemanden zu ermorden. Also quälte ich mich mit schlechtem Gewissen bis endlich der nächste Beichttermin war. Ich erzählte dann im Beichtstuhl mit zitternder Stimme, dass ich gegen das 6. Gebot verstoßen habe. Der Vikar wollte wissen, wie. Nachdem ich es ihm schilderte, meinte er, das sei nicht so schlimm, ich hätte ja nicht extra hingeschaut. Ich musste also nur ein paar Gegrüßet seist du Maria voll der Gnaden beten und alles war wieder gut.

Aber einen Schwanz hatte ich immer noch nicht. Ich erinnere mich, wie ich ganz unbefangen meiner Mutter erzählte, dass ich manchmal nicht gut Pippi machen könne, weil – das da unten – nicht ins Klo passte. „Es” war manchmal steif.

Im Musikunterricht gab es keine Tische, wir saßen also nebeneinander auf Stühlen. Da fingen wir an, unsere Hose wackeln zu machen. Auch meine Mitschüler hatten keinen Schwanz, konnten auch nur mit der Hose wackeln; wir fanden das lustig, fanden nichts erotisches dabei. 

Dann drängte Es sich irgendwann doch auf und ich begann, daran herumzuspielen. Meine Eltern wunderten sich, dass ich plötzlich ohne Murren ins Bett ging. Ich nahm mir dann das Gesundheitsbuch und schaute mir das Aufklappbild an, während mein Herz heftig klopfte vor Aufregung. Danach rieb ich meinen Penis an der Handinnenfläche und hatte dabei schöne Gefühle.

Bei meiner Oma gab es einen Quelle-Katalog.

Quellekatalog als erotische Vorlage meiner Kindheit

Quellekatalog als erotische Vorlage meiner Kindheit

Der war fast genau so gut, wie das Gesundheitsbuch, wenn nicht besser. Wenn ich mich unbeobachtet fühlte, dann schlug ich schnell die Seiten mit der Kinderunterwäsche auf. Ich konnte meinen Blick von Mädchen in Slips überhaupt nicht abwenden. Wie mochten sie nur darunter aussehen?  Bei der Suche gerade im Internet nach einem ähnlichen Bild musste ich feststellen, dass es solche Fotos anscheinend gar nicht mehr gibt. Womöglich würden sie heute schon in den Verdacht von Kinderpornografie geraten. Bei vielen, wie dem hier links abgebildeten Bild, haben die Kinder die Beine angewinkelt, so dass die Spalte, die sich durch das Höschen abmalte und die mich als Kind so fasziniert hatte, verdeckt ist oder aber die Höschen sind so weit geschnitten, dass sich dann wiederum keine Spalte abzeichnet. Im Quellekatalog gab es auch Seiten mit Damen- und Herren-Unterwäsche, sogar Seiten mit Reizwäsche. Aber damals erregte mich der Busen einer Frau noch nicht. Ich musste dann eher an meine dicke Tante Otti denken, die fürchterlich nach Parfum stank und tief ausgeschnittene Kleider trug. Und die Beulen, die sich unter den Herrenunterhosen im Quelle-Katalog abmalten, machten mir sogar ein richtig unangenehmes Gefühl. 

Irgendwann gab mein Vater meiner Mutter den Auftrag, mich zu fragen, ob ich mich eigentlich auch unter der Vorhaut waschen würde. Ich saß in der Wanne, wusste nicht, was eine Vorhaut ist und meine Mutter meinte, ich solle das da mal zurückschieben. Es ging nicht. Meine Mutter zuckte die Achseln. Dann ging’s eben nicht.

Ich hatte nun regelmäßig erotische Phantasien zu denen ich dann meinen Schwanz an meiner Handfläche rieb. Die häufigste:  Während ich im Bett liege, ruft von draußen Birgit, Uschi oder Hildegard (eine meiner drei Cousinen, in die ich abwechselnd verliebt war) und ich muss durchs Fenster hinausklettern, den Wagen meines Vaters klauen und mit ihr zusammen abhauen. Als ich mir mit etwa 15 Jahren das erste Buch von Siegmund Freud kaufte und las, war ich überzeugt, dass es sich dabei um eine masochistische Phantasie handelte. Irgendwann wurden solche Streichelphantasien heftiger. So stellte ich mir vor, unter dem Klo wäre ein Raum, in dem ich nackt stünde und – wieder eine meiner drei Cousinen – würde sich aufs Klo setzen, mich anpinkeln und ich müsste sie – da unten – säubern.

In der Schule gab es nur Jungen. Einer von ihnen war Detlef Gloger. Meistens war der Ton zwischen uns eher ruppig, wir nannten uns nichtmal beim Vornamen und das meiste, was wir taten, war uns aus irgendwelchen Gründen zu kloppen. Detlef war freundlicher. Ich mochte ihn, auch sein Aussehen. Wir gingen oft zusammen den Schulweg nach Hause. Einmal bat er mich aus heiterem Himmel, doch seine Tasche zu tragen. Ich tat es, etwas verwirrt. Also lief er neben mir her und ich trug zwei Taschen. Ich wartete auf irgend etwas, dass er sich z.B. die Schuhe zubinden müsse. Aber nichts geschah. Er ging einfach wortlos neben mir her und ich trug seine Tasche. Als mir das klar wurde, dass es gar keinen Grund für diese Bitte gab, durchflutete mich plötzlich die heftigste Erregung, die ich bis dahin kannte. Ich hatte mich in ihn verliebt, einen Jungen! In den Wochen danach achtete ich peinlich darauf, dass sich in meine Streichelphantasien nicht Gedanken an Detlef einmischten. Ich zwang mich regelrecht, an Birgit, Uschi oder Hildegard zu denken. Aber ich erzählte Detlef als ersten Menschen überhaupt davon, dass ich wichsen würde. Irgendwo hatte ich dieses Wort aufgeschnappt. Und ich machte meine typische Handbewegung, so als ob ich einen Pinsel über meine Handinnenfläche streichen würde. Detlef runzelte die Stirn: Was ist das denn?  Und machte mir die „richtige” Handbewegung vor. Dadurch, dass ich das zuhause dann so übte, beseitigte ich wenigstens nach und nach meine Vorhautverengung, auch wenn mir das Handflächenreiben anfangs viel mehr Spaß machte. Detlef fragte mich, ob ich in seinen Schwimmverein mitkommen wolle, RuWa Dellwig. Ich wollte, fragte meine Mutter und durfte.

Gleich am ersten Abend fiel ich einem Trainer auf und wurde in die erste Wettkampfmannschaft aufgenommen; Detlef war nur in der zweiten (wurde aber dann ebenfalls bald in die erste aufgenommen). Hier waren ja  auch Mädchen! Zum ersten Mal hatte ich mit Mädchen zu tun, dazu noch in Badeanzügen, mit denen ich nicht verwandt war. Die hübscheste von allen war Uschi Henze. Alle Jungen fanden sie toll. Ich auch. Sie war von den Mädchen auch die beste Schwimmerin. Ihr Bruder Thomas war der beste Schwimmer, mit Abstand, im ganzen Verein. Zwar war ich nicht der zweitbeste Schwimmer, aber – nach Thomas – der beste Reiterkämpfer. So war mein größtes Glück in der Zeit, dass Uschi nach dem Training, wenn wir vollgepumpt waren mit Endorphinen (ich hatte tatsächlich regelmäßig Halluzinationen, sah Engelchen in der Luft usw.) und zur Entspannung Reiterkämpfe machten, meine Schultern wählte. Sie konnte ja unter allen Jungen wählen und ihren Bruder wollte sie nicht. Also verlor ich zwar am Ende immer gegen ihren Bruder, hatte aber vorher alle anderen Rivalen besiegt und das Schönste: Ich hatte ein Mädchen auf meinen Schultern, hielt ihre nackten Beine fest, während Uschi sich wiederum an meinem Körper festhielt und war deshalb jedes Mal äußerst erregt.

Nachdem ich ein Jahr im Schwimmverein war – inzwischen in einem Projekt „Jugend trainiert für Olympia” sogar einmal in der Woche zusätzlich im Polizeisportverein in der Innenstadt Training hatte, bekamen wir auch in der Schule Schimmunterricht, zum ersten Mal. Vorher war meine Sportnote stets ausreichend. Aber als ich zum ersten Mal vor der ganzen Klasse mein Schwimmtempo vorführen konnte und schon 50 Meter zurückgelegt hatte, während die anderen mal gerade vom Sprung ins Wasser wieder aufgetaucht waren, war ich plötzlich der Held. Im Sportunterricht wurde ich nun als erster in die Mannschaften für irgendwelche Ballspiele gewählt und komischerweise hatte ich auch keine Angst mehr vor dem Geräteturnen: Alle erwarteten nun einfach von mir, dass ich in jeder sportlichen Disziplin der Beste sein müsse. Unser Sportlehrer, Herr Hesse (von dem mir bis heute nicht klar ist, ob er Nazi oder Anarchist war), schimpfte einmal über eine andere Klasse, dass er mit denen keine Klassenfahrt machen würde, da das alles Memmen wären, die nichtmal nackt duschen würden nach dem Sport. Sofort meldeten sich Detlef und ich freiwillig und da wir die einzigen waren, durften wir dann immer schon eine viertel Stunde vor dem Ende des Unterrichts unter die Dusche. Wir zogen uns dann jedesmal nackt aus und hatten beide halb erigierte Schwänze. Wir stellten eine Dusche auf heiß, die andere auf kalt und sprangen dann zwischen den beiden Duschen hin und her, dabei berührten sich jedesmal – nur scheinbar zufällig – unsere Schwänze. Einmal, auf der Rückfahrt nach einem Wettkampf, hinten im Auto des Trainers, traute ich mich, meinen Arm um Detlefs Schulter zu legen und — er schmiegt sich mit seinen Kopf tatsächlich an mich. Nach dem Rausch des Taschetragens und der Erregung, Uschi auf meinen Schultern zu tragen, war dies noch einmal eine Steigerung eines erotischen Empfindens, an Intensität weit stärker, als der angenehme Kitzel beim Onanieren.

Ich höre an dieser Stelle manchen Leser „Och wie süüß” sagen. Aber da war nichts süß dran. Es war schrecklich und schön. Schrecklich schön. Schwul zu sein, das wäre damals so etwas gewesen, wie  ein Verbrecher und ein Geisteskranker in einem.  Aber ich fand ja auch die Mädchen toll. Da Uschi Henze fast nur ihr Training im Kopf hatte (was sie übrigens mit schwerer Erkrankung büßte), hielten wir uns an zwei Mädchen aus der Versagergruppe, also von denen, die weder in der ersten, noch in der zweiten Wettkampfmannschaft waren, die schon stöhnten, wenn sie sich mal etwas anstrengen sollten, während wir es gewohnt waren, ständig angeschrien und auch schonmal eine Stoppuhr an den Kopf geworfen zu bekommen, nur weil wir nicht unsere Bestzeit erreicht hatten.

Detlef und ich verabredeten uns dann regelmäßig mit diesen zwei Mädchen, Elke und Gabi. Wir fanden beide süß – und beide fanden Detlef süß. Mich wollten sie dann mit der jüngeren Schwester (die vielleicht damals gerade mal 11 war) verkuppeln. Unmöglich! Aber letztlich war alles eh nur ein Austausch von Worten. Wir spielten Fangen oder Verstecken, mehr war nicht, nicht mal ein Küsschen, geschweige ein Zungenkuss. Aber ich war auch nicht eifersüchtig auf Detlef, schließlich war ich ja auch in ihn verliebt. Allerdings war das Gefühl, von keinem begehrt zu werden (außer der kleinen Schwester, was damals aber nicht zählte), auch nicht unbedingt angenehmer.

Durch die Treffen mit den beiden Mädchen vernachlässigte ich mein Training und flog irgendwann aus der Wettkampfmannschaft. Als ich nach der mittleren Reife die Schule wechselte – zum Gelächter der ganzen Klasse einschließlich des Lehrers hatte ich, der mit den schlechten Noten, angegeben, dass ich (Sozialpädagogik) studieren wollte – verlor ich den Kontakt zu Detlef ganz. Ich war jetzt 16 und die beiden Jahre an der Fachoberschule begannen mit einem Praktikum. Dass man sich die Praktikantenstelle selbst suchen musste, erfuhr meine Mutter erst, während ich auf Abschlussklassenfahrt der Realschule war, von der mir als Erinnerung geblieben ist, dass dort einer der Coolen aus unserer Klasse nicht nur schon die ganze Zeit damit angegeben hatte, dass er schon gebumst hätte, sondern der dort auch gleich den Beweis angetreten war, indem er die ganze Zeit gleich mit zwei holländischen Mädchen rummachte.

Jeder einsame Orgasmus ein neuer Hilfeschrei

Nach der Klassenfahrt hatte mir meine Mutter einen Praktikumsplatz besorgt: in einem Krankenhaus in der Nähe. Ich war dort schnell bei Mitarbeitern bis hin zur Leitung beliebt und als ich die “Öse” fragte, ob ich nicht ein Zimmer im Schwesternwohnheim haben könnte, bekam ich tatsächlich den Schlüssel zu einem Zimmer. Meine Mutter heulte, gestattete aber (theoretisch), dass ich dort schlafen durfte. Von meiner Oma bekam ich einen Fernseher und aufgrund des Fernsehers Kontakt zu einer ein paar Jahre älteren Krankenschwester, die mich fragte, ob sie bei mir fernsehen dürfe. Sie erzählte mir, dass nachts immer die Patienten mit den Krankenschwestern im Keller bumsen würden und zum Beweis zeigte sie mir Morgens im Keller haufenweise benutzte Kondome, die dort verstreut waren. Das so etwas möglich war, hätte ich sonst nicht geglaubt. Sie kam dann ein paar Mal auf mein Zimmer und wir saßen jedes mal starr nebeneinander. Ich wusste nicht, wie ich es hätte anstellen können, sie irgendwie zu berühren. Mein Traum: auch wenigstens einmal bumsen! – war von starkem schlechten Gewissen begleitet. Wie konnte ich mit einem Mädchen Sex haben wollen, wenn – wie meine Mutter mir ja immer wieder versichert hatte – die grundsätzlich keinen Spaß daran haben? Also war mein Ziel: Wenigstens küssen. Doch ich hatte keine Ahnung, wie ich mich einem Mädchen hätte nähern können. Ich kannte als körperliche Nähe, als Zärtlichkeit, ja nur Uschi auf meinen Schultern und ein Mal Detlef in meinem Arm.  

Die Krankenschwester brachte dann Whiskey mit. Ich hatte noch nie mehr als ein halbes Glas Bier getrunken. Aber ich hatte mal in irgendeinem Film gesehen, dass Leute mit Alkohol Brüderschaft getrunken hatten und sich danach küssten. Also bot ich der Krankenschwester an, auf Brüderschaft zu trinken. Sie steckte dann ihre Zunge in meinen Mund, was sich komisch anfühlte. Ich errstarrte mehr, als dass ich diesen ersten Kuss genossen hätte. Zudem rauchte sie, es schmeckte komisch.  Kurze Zeit danach ging sie und kam auch nie wieder zum Fernsehen auf mein Zimmer.

Irgendwann sollte ich Akten aus dem EKG holen. Ich öffnete die Türe und dort stand vor mir eine Frau, die oben herum völlig nackt war. Ich starrte auf den Busen, fand ihn wunderschön, erkannte dann, dass es die Mutter eines Nachbarjungen war, errötete, entschuldigte mich, schloss die Türe wieder – und das alles innerhalb einer halben Sekunde. Ich begann, neben der nun eifrigen Lektüre von Freud, Tagebuch zu führen und Gedichte zu schreiben. An eines erinnere ich mich noch. Es reimte sich so wenig, wie mein Leben:

 

  • Allein bin ich und immer auf der Suche
  • Nach einem Mädchen, das mich liebt, 
  • Nach Kindern, nach Familie. 
  • Wie viele sind verzweifelt (sie bekommen Kinder)
  • ich aber bin allein und immer auf der Suche.
  • Und jeder einsame Orgasmus ist ein neuer Hilfeschrei.

Nach einem halben Jahr im Krankenhaus wechselte ich in die dem Krankenhaus angeschlossene Kindertagesstätte. Die Zeiten dort waren genau wie im Krankenhaus. Die ersten Kinder wurden halb schlafend um 6 Uhr morgens gebracht. Abends um 8 Uhr wurden die letzten Kinder abgeholt. Die Leiterin der Tagesstätte, die nur eine Gruppe hatte und ein großes Spielgelände draußen, war schon etwas älter, aber sehr freundlich. Kaum war ich da, überfiel sie mich mit einer Frage: Wir haben hier ein Mädchen, die legt sich einfach auf den Boden und spielt dann unten an sich rum. Du kommst ja frisch von der Schule. Nun sag mal, was wir da machen sollen.

Dies war überhaupt das erste Mal, dass mich irgendjemand etwas berufliches gefragt hatte. Mit möglichst professionell gelassener Miene antwortete ich: Wenn sie onanieren will, dann soll man sie doch einfach lassen. 

Im dritten Teil will ich meine erotischen Erinnerungen aus Zeit zwischen meinem 16. und meinem 20. Lebensjahr aufführen. Mit zwanzig hatte ich das erste Mal Geschlechtsverkehr. Danach wurde alles anders.

Fußnoten:
  1. Klaus Heck 1981. Diplomarbeit. S. 10 []

Ein Kommentar

  1. Auch kein sex ist missbrauch! « bluthilde pings back:

    [...] Das klingt – heutzutage – wie ein Freifahrtsschein für Pädophile, folgt aber nur der ganz simplen Logik, dass auch das Verachten, Wegwerfen, Vernichten eine Form des Umgangs darstellt.” Quelle [...]

Notizen zum Text (von mir und Gästen)