Körper Liebe Doktorspiele — Teil 1: Geht es wieder los?

Ein Elternratgeber zum Umgang mit Kindersexualität knüpft an alte Zeiten an

Heute (am 31. Juli, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Petra) berichtet der Spiegel, dass das Bundesfamilienministerium einen Elternratgeber zum Umgang mit Kindersexualität zurückgezogen hat.

Es handelt sich dabei um zwei Broschüren, jeweils mit dem Titel “Körper Liebe Sexualität”. Die eine wendet sich an Eltern von 1-3 jährigen, die zweite an Eltern von 4-6 jährigen Kindern.  Ich biete hier beide Broschüren als PDF zum Download, denn ich ärgere mich oft, wie wenig Dokumente es noch gibt aus der Zeit der 70er bis Anfang 80er Jahre, in denen genau solche Ratgeber Hochkonjunktur hatten:

Körper Liebe Doktorspiele 1. bis 3. Lebenjahr

Körper Liebe Doktorspiele 4. bis 6. Lebenjahr

Und wo ich schon einmal dabei bin, Dokumentensicherung zu betreiben, will ich die Gelegenheit wahrnehmen, hier auch meine Diplomarbeit von 1981 als PDF zum kritischen Lesen anzubieten. Das Thema dieser Arbeit lautete: 

Über die Widersprüche in der jüngsten Entwicklung von Erwachsenen/Kind-Konzepten unter besonderer Berücksichtigung des Sexualbereiches

Ich empfehle dem interessierten Leser alle drei Texte, also beide  ”Körper Liebe Doktorspiele”-Ratgeber, sowie meine Diplomarbeit, die durchaus engen thematischen Bezug zu den beiden Broschüren hat, gründlich zu lesen. Ich beginne hier eine kleine Serie von Texten zu dem Thema. Dabei werde ich unter anderem auch meine eigenen Erlebnisse (und auch die von Zeitgenossen) aus dieser Zeit schildern, meine damaligen Gedanken sind ja bereits in der Diplomarbeit aufgeführt.

Besonders brisant, aber auch besonders wichtig ist mir die Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht zuletzt dadurch, dass meine Tochter mir vor 1 1/2 Jahren, Anfang 2007, damals selbst schon Mutter eines Sohnes und schwanger mit ihrer Tochter, vorgeworfen hat, ich hätte sie als Kind sexuell missbraucht. 

Wir müssen deine Jugendsünden zur Sprache bringen

Anlass war, dass ich damals mitgeholfen hatte, ihre neue Wohnung in Gelsenkirchen, die sie mit ihrem palästinensischen Ehemann Haitham und ihrem Sohn beziehen wollte, zu renovieren. Die Wohnung liegt einen Steinwurf von der Eigentumswohnung ihrer Mutter, Claudia, entfernt. Nun waren damals Sabine und ich in Aachen sehr einsam. Wir kannten hier kaum jemand. Und da wir beide aus Essen stammen, war es unsere Idee, wieder dorthin zu ziehen, nicht zuletzt, um meine Eltern, die auf die 80 zugehen, unterstützen und ggf. auch pflegen zu können. Doch meine Mutter, die sich vielleicht meiner Arbeitslosigkeit oder wieder einmal meines Zigeunerlebens schämte, erteilte mir eine klare Absage. Warum wir denn ausgerechnet nach Essen wollten, wir würden doch hier keinen mehr kennen, meinte sie. Und hatte natürlich Recht. Denn außer vielleicht Martin, mein Cousin, habe ich wirklich – mit Ausnahme meiner Eltern – keine Kontakte mehr in Essen. Zu meiner Einsamkeit kam also noch die ausdrücklich Verbannung, ausgerechnet durch meine Mutter, hinzu. Es ging mir Scheiße!

In dieser Situation erzählte mir dann Haitham, als wir im Treppenhaus der neuen Wohnung in Gelsenkirchen eine rauchten, dass im Haus ja noch eine Wohnung frei würde. Halb im Spaß sagte ich, das wäre ja ideal für Sabine und mich. Haitham antwortete, das wäre eine tolle Idee und Sara würde sich bestimmt riesig freuen, wenn wir das täten. Doch da schüttelte ich den Kopf. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Sara mich so nah bei sich wohnen haben wollte. 

Als Sara mich dann kurze Zeit später in Aachen besuchte, schnitt ich das Thema an. Ich sagte ihr, dass es schon merkwürdig sei, dass ich dieses unbestimmte aber sichere Gefühl hatte, dass auch sie mich im Ruhrgebiet irgendwie nicht haben wolle. Man muss vielleicht dazu sagen, dass Sara und ihr damaliger Freund Karsten in der Zeit, als wir in Köln wohnten, also vor etwa fünf Jahren, beinahe täglich bei uns war, gegessen und auch geschlafen hat, dass Sabine, als Sara sich von Bogi (so der Spitzname von Karsten) trennen wollte, vorschlug, doch mit ihr zusammen zu ziehen, damit Sara nicht in so einem kleinen depressiven Loch hausen müsse und dies auch als Möglichkeit im Raum stand, bis sie dann nach Berlin (und später Haifa) umzog. Dazu biete ich mal zur Auflockerung einen ziemlich verwackelten Film, den Aaron zum Umzug gedreht hat:

Nun aber wieder zurück nach Aachen.  Die Antwort Saras fand ich damals sehr unpassend. Sie meinte nämlich, klar, könne sie ja sehen, dass ich einsam wäre, aber jetzt müsse ich mich wohl mal zu meinen Jugendsünden bekennen. Unpassend war für mich daran einmal der Zeitpunkt. Es kam mir vor, als ob sie, wie sie es schon während ihrer Pubertät als eine ihrer Lüste im Umgang mit Freundinnen beschrieben hatte, mir „eine Kerbe hauen” wollte, wie sie es damals nannte. Ich empfand es so, als ob sie genüsslich in jemanden trat, der am Boden lag. Außerdem regte mich als Heiden natürlich der Begriff Sünde noch mehr auf. Seit Jahren argumentierte ich überall ständig damit, dass man sich endlich von diesem ganzen Schuldgefasel als Rest aus protestantischen Einflüssen befreien müsse, dass es viel sinnvoller wäre, davon auszugehen, dass jeder irgendwie so vernünftig und auch „gut” wie möglich handle. Und nun kam sie mir ausgerechnet mit Sünde

Dann klingelte das Telefon und Sabine bat mich dringend, sie an ihrer Arbeitsstelle abzuholen. Das tat ich und als ich zurückkam, war Sara weg und seit dem habe ich sie nicht mehr gesehen. Es folgte ein E-Mail-Kontakt, in dem sie mir dann eben vorwarf, ich hätte sie als Kind sexuell belästigt, wobei sie zunächst noch hinzufügte, sie wolle nicht unbedingt von sexueller Belästigung sprechen, vielleicht wäre es auch einfach nur mein Forschergeist gewesen, mit dem ich sie erkunden wollte und so missbraucht hätte.  Aber nach ein paar Mails hin und her kam dann der eindeutige Vorwurf:

Ich hätte ihr einmal im Auto an der Tankstelle versprochen, Snickers zu kaufen, wenn sie dafür während der Fahrt meinen Sack streicheln würde. Und sie hätte daraufhin überlegt, ob sie nicht vielleicht zwei Snickers rausschlagen könne. Und deshalb, weil dies auch nicht der einzige Zwischenfall wäre, an den sie sich genau erinnern könne, sei sie auch nie gern mit mir allein gewesen und hätte z.B. nicht mit mir in ein Restaurant gehen wollen, zum Essen. Ihr Resümee bzw. besser Urteilsspruch war, dass sie sich nicht wohl fühle, wenn Kinder in meiner Nähe wären. Wo sie einmal dabei war, warf sie mir auch gleich vor, dass ich zugelassen habe, dass Aaron als Kleinkind an den Brüsten meiner damaligen kenianischen Freundin Carol gelutscht hätte. Auch das sei sexueller Missbrauch gewesen. Und da Sara dann alle meine Klärungsversuche und Hinweise auf Widersprüche in ihren angeblichen Erinnerungen als billige Entschuldigungsversuche, schlichte Lüge oder Rhetorik zurückwies, hatte ich keine Chance. Ihr so ziemlich letzter Satz war dann, dass sie den Kontakt mir mir lieber abbrechen wolle, als so mit mir zu enden, wie ich mit meiner Mutter. Wütend antwortete ich, sie solle sich dann halt aus meinem Leben verpissen. Dabei ist es geblieben. Nur ein letztes Versprechen gab ich ihr noch: ich würde beginnen, eine Biografie zu schreiben, in der vor allem auch die Zeit der 70er Thema wäre. Nicht zuletzt deshalb habe ich überhaupt diesen Blog begonnen. Ich habe nur lange überlegt, in welcher Form ich eine Biografie mit der Struktur von Wordpress zusammenbringen kann. So kann man z.B. keine Texte auf die Zeit vor 1979 (oder so) zurückdatieren. Ich habe mir also überlegt, einfach in der Kategorie Autobiografie Textschnipsel abzulegen und diese dann (irgendwann) in meiner Vita-Seite mit chronologischen Links zu verknüpfen.

Nun bin ich also quasi hinten angefangen. Ein Zitat aus dem Elternratgeber Körper Liebe Doktorspiele, Teil 1 versetzt mich allerdings, wie eine Zeitmaschine zurück in das Jahr 1979, als Sara geboren wurde, weiter zurück, als ich mit 16 zum ersten Mal (als Praktikant) in einem Kindergarten gearbeitet habe und so gar noch weiter, in meine eigene Kindheit. Der Text lautet:

In Bereichen, die mit Sexualität zu tun haben, ist immer wieder festzustellen, dass Eltern verunsichert sind und daher befangen reagieren. Es ist z. B. zu beobachten, dass bei der Pflege die Arme, die Nase, die Zehen, das Mündchen usw. benannt und oft auch spielerisch liebkost werden, dass dies aber auffälligerweise nicht bei den Genitalien, besonders nicht bei denen der Tochter, geschieht: die werden eher ausgespart bei der Benennung und Liebkosung.
Dieser in der Regel unbewusste Akt hat jedoch Konsequenzen:Das Kind merkt sich nicht nur, dass sein Arm sein Arm ist, sondern auch, dass es einen namenlosen Bereich gibt, zumindest einen, der weniger intensiv und freudig wahrgenommen und gestreichelt wird als andere Körperregionen.

Im nächsten Teil will ich zunächst auf die Bedeutung von Erotik in meiner eigenen Kindheit und Jugend eingehen bis zu dem Punkt, als ich als 16-jähriger Praktikant in einem Kindergarten zum ersten Mal professionell mit Erotik bei Kindern konfrontiert wurde.

Notizen zum Text (von mir und Gästen)