Perspektive eines Wahns – Patriarchat als Ausnahmezustand

Besprechung eines Artikels der Matriarchatsforscherin Claudia Werlhof

Gestern habe ich unter dem Titel Bann als Basis im Patriarchat einige der aus meiner Sicht[1] wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen matriarchalischer und patriarchalischer Organisation notiert. 

Eigentlich sollte dies nur ein sehr kurzer Artikel werden, der kurz klärt dass und warum im Patriarchat trotz bzw. wegen all der lebensfeindlichen Herrschaft des Patriarchats in seiner gegenwärtig höchsten Entfaltung herrschende Zwangslosigkeit zu den Grundwerten seiner Organisation gehört, dass hinter dem liberalen und freundlich klingelnden Lächeln des „Leben und leben lassen” die Fratze des Banns, also das Abschneiden, Vertreiben des Einzelnen aus seiner Gemeinschaft grinst.

Und ich wollte diesen als kurz geplanten Text eigentlich nur schreiben, um dann anschließend in einem Fortsetzungsartikel zu der von Sabine und mir geplanten und versuchten matriarchalen polyandrischen Lebensweise auf die Schwierigkeiten zu sprechen zu kommen, vor denen wir bei „Nichteignung eines Kandidaten” (sic!) stehen und wie wir versuchen, dieser Schwierigkeit ohne Bann zu begegnen. 

Dann stieß ich auf die Web-Seite Mama Anarchija von Jochen Schilk und freute mich erst mal, dass es da außer mir noch jemanden gibt, der versucht, den Gemeinsamkeiten von Anarchie und Matriarchat nachzuspüren. Bei ihm fand ich dann auch einen Link auf den Artikel von Claudia Werlhof: Perspektive eines Wahns.

Ich möchte hier zunächst einige Thesen der Autorin besprechen, die sich mit meiner Forschung decken und dann auch auf Unterschiede eingehen:

Das Patriarchat als unmögliches Projekt

Das Patriarchat ist etwas, das es nicht gibt. Claudia Werlhof begründet diese scheinbar paradoxe Aussage schon mit dem Namen. „Denn Patriarchat bedeutet wörtlich „am Anfang der Vater“ bzw. „Vater-Gebärmutter“ (erste Bedeutung von archein). Das Patriarchat bleibt damit -Perspektive, Vorstellung, Utopie, Projekt einer im wahrsten Sinn mutterlosen und naturunabhängigen Gesellschaft.” Das ist richtig, aber jeder Christ muss darauf antworten: „Na und?” – denn es entspricht ja seinem Glauben, dass am Anfang das Wort des Vatergottes stand und er uns (bzw. einer Elite) die Erde mit dem Gebot „Machet euch die Erde untertan” als Objekt und Projekt übergab. Was ist daran Wahn? — Statt von Wahn spreche ich von Metaphysik als atheistische areligiöse Bewegung. So verstanden Heiden am Anfang den sich ausbreitenden Monotheismus. Der Wahn, die Metaphysik herrscht überall, von der Wahnvorstellung eines unabhängigen mit freiem Willen ausgestatteten Einzelwesens, in dem tief verborgen die „Wahrheit des Herzens” schlummern soll, über den zugleich paranoiden und wahnhaften Blick auf die als bloße Erscheinungen entwerteten Dinge bis zur Globalisierung, die wesentlich des außerirdischen Geistes (Klages) bedarf, d.i. der Blick auf die Erde als Ganzes mit dem Schlagwort „globales Denken” gar als Erdrettender Blick erlogen und immer und in fast allen herrschenden Philosophien die süchtige Suche nach dem Sein als Alternative und Rettung aus dem Werden, d.i. der „ewige Kreislauf der Geburten”, also Befreiung von der Mutter.

Globalisierung als Höhepunkt des Patriarchats

Seine bisher letzte Periode ist [...]  Globalisierung. Mit dieser These stehe ich im Gegensatz zu denen, die Patriarchat nur als „Vater-Herrschaft“ verstehen, und zu denen, die – genau umgekehrt – das Patriarchat nicht mit der Moderne verbunden sehen, sondern für eine vor- oder unmoderne, rückständige Gesellschaftsordnung halten, die heute – vor allem auch durch technischen Fortschritt – zunehmend als überholt erscheint.” — Richtig. Ich versuche regelmäßig etwa am Beispiel des Islam, z.B. des Kopftuchtragens, deutlich zu machen, dass das Gegenteil der Fall ist: dass dort noch Kämpfe ausgetragen werden, die in westlichen Demokratien längst verloren sind. So würde ich etwa im Anfang der uns prägenden patriarchalischen Bewegungen, im Judentum, noch die meisten matriarchalischen Elemente vermuten und man findet sie auch, etwa in der Regel, dass Jude ist, der eine jüdische Mutter hat. Während etwa in der ganz aktuellen Rechtssprechung zum Vaterschaftstest die damit verbundene weitere Entmachtung der Mutter nicht mal mehr wahrgenommen wird / werden kann. Oder dass auch etwa Kindstötungen durch Mütter, wie sie etwa noch bei brasilianischen Indianern ungestraft vorkommen, nicht Zeichen eines bei uns längst überwundenen Patriarchats sind, sondern im Gegenteil noch Reste des Mutterrechts; zwar kommen auch bei uns solche Kindstötungen vor, doch werden sie von den Medien als zu den verabscheuungswürdigsten Verbrechen überhaupt herausgeputzt und so mancher schreit hier nach der Todesstrafe für solche Mütter ohne sich bewusst zu sein, dass er hier patriarchalisch denkt, fühlt und argumentiert. Schon Ludwig Klages hat die wesentliche Projektorientierung des Patriarchats herausgestellt. Ergänzen möchte ich an dieser Stelle, dass das Patriarchat nicht nur, wie die Autorin meint, nicht auf Vater-Herrschaft beschränkt ist, sondern dass die Herrschaft des Vaters im Patriarchat genau so unmöglich utopisch ist, ein Wahn, wie das ganze Patriarchat. Tatsächlich führt das Patriarchat zum Vertreiben des nun unerträglichen Vaters (Gott im Himmel) und zum Verschwinden der Väter im herrschenden Modell der „alleinerziehenden Mutter”. So dass auch dieses Lebensmodell nicht auf eine nach-patriarchalische „Emanzipation” hinweist, sondern auf die noch ungebremste Ausbreitung des Patriarchats. Dies ist ein ganz wichtiger Aspekt, da Männer oft mit der Vorstellung von Matriarchat einen Machtverlust verbinden. Das Gegenteil ist der Fall. Was ja – nebenbei – irgendwie belustigt, ist ja das Fehlen jedes Hinweises der Mainstreaminfos, wann denn eigentlich genau das Patriarchat überwunden wurde, das wir doch scheinbar hinter uns gelassen haben.

Neoliberales „Gender-Mainstreaming“ ist frauenfeindlich

Zur Zeit geschieht der Angriff auf Matriarchatsforschung und Patriarchatskritik insbesondere von links sowie auch von nicht feministischen Frauengruppen, wie einigen neoliberalen „Gender-Mainstreaming“-Vertreterinnen oder postmodernen Gender-Forscherinnen.” Richtig. Nehmen wir nur mal beispielhaft einen Text von Judith Butler.[2]  Das ganze Buch ist durchzogen von patriarchalischen Argumenten: etwa Tod als Scheitern (Geburt und Tod machen gemeinsam das Leben aus), die Verunglimpfung von Antigones Haltung als antiautoritär (in Wahrheit argumentiert Antigone nie antiautoritär, sondern beruft sich auf chtonische Religion, auf Muttermächte). Nach Butler „handelt Antigone nicht im Namen der Götter der Blutsverwandschaft, sondern sie handelt, indem sie sich über die Gebote dieser Götter hinwegsetzt”. Warum? Weil für Butler nur ein geschriebenes, mindestens gesprochenes Recht, das sich wesentlich verallgemeindern, universalisieren lässt, überhaupt als „Gesetz” gültig sein kann[3]. Jenseits davon ist nur wilde ungezügelte Macht. Muttermacht. Sprache hat für Butler wesentlich die Bedeutung, Geschlechterkonstruktionen hinter uns zu lassen, d.h. z.B. auch, dass Mutter nach ihr nicht als naturalistische Tatsache, sondern rassistische Konstruktion angesehen werden muss, die verhindert, dass auch eine homosexuelle Gemeinschaft vollwertiges Elternpaar sein könne. Zur weiteren Einführung in J. Butlers Positionen hier ein Wikipediaartikel. Wichtig ist noch, zu betonen, dass eine frauenfeindliche Frauenbewegung keineswegs eine neue Erscheinung ist. Schon Athene, die bezeichnenderweise nicht von einer Mutter, sondern aus dem Kopf ihres Vaters hervorgeht, schlägt sich auf die Seite des Patriarchats und destruiert die chtonischen Mutter-Mächte. „Die Ideologien des Patriarchats, die immer auf einer grundsätzlichen Abwertung von Frauen und Natur beruhen, haben immerhin dazu geführt, dass Frauen ihre tatsächliche Macht meist nicht mehr erkennen und/oder angefangen haben, ihr Geschlecht von sich aus zu verleugnen und abzulehnen („Gender“-Bewegung). ”

Die Patriarchalische Erfindung der Trennung von Öffentlich und Privat

Es braucht „Erzwingungsstäbe“ und Gefängnisse, insbesondere werden auch die Frauen eingesperrt, sei es durch Harems, durch die Trennung von öffentlich und „privat“, von „Patrimonien“ usw. „Teile und Herrsche“ wird zur Grundlage des Alltags.” Richtig.  Es kann gar nicht oft genug betont werden, dass das patriarchalische „Geheimnis”, die Transformierung des gastfreien Hauses zum Versteck und Kerker usw. in Wahrheit un-heimlich sind. Aber dies kann ich hier nicht vertiefen. 

Stattdessen will ich nun abschließend zwei Positionen nennen, die ich nicht mit Werlhof teile. Dies wäre einmal die Verbindung von Matriarchat mit Vorstellungen von „ewigem Frieden”, Gewaltfreiheit, als paradiesischer Harmonie. 

Alle Kriegerischen Völker gehorchen dem Weibe

Kritisch sehe ich also die Verknüpfung von Patriarchat und Krieg, die Werlhof und mit ihr die meisten Matriarchatsanhänger vornehmen. So sieht sie gar  „Krieg als erste[] generelle[] Methode des Patriarchats”. So sieht sie etwa Krieger als  „parasitäre Schichten”, die von Frauen mitversorgt werden müssten. „Der Krieg wird zum Initiationsritual der jungen Männer und erscheint als „Vater aller Dinge“

Nun hat Bachofen zurecht ein Zitat von Aristoteles in seinem Buch über das Mutterrecht herausgestellt: „Alle kriegerischen Völker gehorchen dem Weibe”. Es würde hier wiederum zu weit führen, all die Mythen, Geschichten und Beobachtungen aufzuführen, die genau diese These von Aristoteles bestätigen. Tatsächlich ist es das Patriarchat, das ewigen Frieden anstrebt, nämlich, wie Werlhof ja richtig erkennt, in der Alchimie der Verwandlung des Werdens zum Sein. Islam bedeutet Frieden. Frieden bedeutet Unterwerfung. 

Und auch das Zitat von Heraklit, wonach Krieg Vater aller Dinge ist, kann keinesfalls als originär patriarchalisch aufgefasst werden, sondern ist im Gegenteil exakt das Bild der Väter, die eben wesentlich nicht Schöpfer, sondern Gestalter sind. Auch dies kann ich hier nicht vertiefen.

Das Haus und die Frau

Schließlich ist auch die Wut auf die Hausfrau längst eine patriarchalische Wut geworden! Jeder für sich, „unabhängig” als Lohnsklave dem Kapitalismus überantwortet, so lautet der letzte böse patriarchalische Schrei, der sich gegen die Hausfrau und Mutter richtet.

Am deutlichsten tritt uns die moderne patriarchale Variante der Frau als „Hausfrau“ entgegen, die – ob im Haus, also „privat“, oder in der Öffentlichkeit – gleichförmig identitätslos und patriarchalen Wünschen und Projektionen angepasst zu erscheinen hat” [...] „Die Hausfrau als Erfindung des kapitalistischen Patriarchats ist gewissermaßen eine Kombination aus allen Scheußlichkeiten, die das Patriarchat je erfunden hat.”

Gerade der letzte Satz stimmt nicht. Die Etymologie von „Frau” führt vielmehr gerade zur „Hausfrau”. Auch dies kann ich hier nicht vertiefen, nur kurz: Der Unterschied (mit dem ich mich dann vielleicht auch mit Claudia Werlhof auf einer Seite im Kampf ums Leben befinde) besteht in der patriarchalischen Umformung des Hauses zum Kerker und Versteck. Der Haushalt als ökonomische Basis im Machtbereich der Frau soll eine patriarchalische Erfindung sein? Das kann Werlhof eigentlich nicht meinen.

Zusammenfassend ist die wichtigste Aussage, die Werlhof macht, sicher die Diagnose, dass das Patriarchat ein unmögliches Projekt ist und dass es nicht etwa hinter uns liegt, sondern wir derzeit den Höhepunkt dieses Wahns erleben. Alles kommt jetzt darauf an, aus diesem Wahn herauszutreten. Der erste Schritt dazu wäre, ihn als solchen zu erkennen. Doch ist dieser Wahn selbst längst auch der Verfolgung durch die Erynnien geschuldet, die nach der griechischen Mythologie den Muttermörder erbarmungslos verfolgen und mit Wahnsinn schlagen. Das Patriarchat aber ist fortgesetzter Muttermord. So fürchte ich, werden wir die Wahnsinnigen nicht erreichen oder gar heilen können. Unter dem Banner „Friede den Hütten, Krieg den Palästen” bleibt uns vielleicht nur, Häuser zu halten und in ihnen zu wohnen.

Fußnoten:
  1. im letzten Absatz des Artikels Russland dreht auf begründe ich, warum meine Wahrheit nie den Anspruch auf Universalität erhebt []
  2. Judith Butler 2001. Antigones Verlangen: Verwandtschaft zwischen Leben und Tod. []
  3. vgl. aaO S. 26 []

Notizen zum Text (von mir und Gästen)