Bann als Basis im Patriarchat
Meine Freiheit beginnt, wo ich dich zwingen darf.
Freiheit pur lautet der Titel eines Buches über Anarchie von Horst Stowasser. Es wird auf der Website Mama-Anarchija beworben und kostenlos zum Download angeboten. Bei der Google-Suche nach Denkverbindungen von Matriarchat und Anarchie bin ich auf diese Seite gestoßen und neugierig geworden.
Meine Neugier wurde dann allerdings gleich wieder gedämpft, als ich den typisch liberalen Grundsatz des „Leben und Leben lassen” hier in der Version von Mama-Anarchija lesen musste:
…absolute Freiheit kann es eigentlich auch in einer anarchisch geordneten Gesellschaft nicht geben, weil die eigene Freiheit bekanntlich immer dort aufhört, wo die des Anderen beginnt.
Der Autor beruft sich damit ungenannt oder ungeahnt auf den Freiheitsbegriff der Französischen Revolution und das hat nun heute wahrlich nichts Revolutionäres mehr. So finden wir die gleiche Formel etwa in einer christlich/protestantischen Predigt als Grundlage für die zehn Gebote oder als Überschrift einer Schulordnung. Und mit dem Vorschlag, statt von Freiheit von Selbstbestimmung zu reden, könnte auch Barack Obama und die Meisten leben.
Aber ich sage etwas ganz anderes:
Meine Freiheit beginnt, wo du mich zwingen darfst.
Wie das? Gebe ich da nicht der Herrschaft ihr patriarchalisches Recht? Oder mache ich mir nur einen bösen und potenziell kriminellen Scherz?
Die Antwort liegt in der Bedeutung des Wortes Freiheit. Doch bevor ich die Etymologie von Freiheit kläre, muss ich wohl zunächst die sich dann stets aufdrängende Frage beantworten: Warum überhaupt Etymologie?
Jochen Schilk, der hinter Mama-Anarchija steht, antwortete mir gerade auf ein Mail, in der ich ihn fragte, wie er denn den Widerspruch in den Verwendungen von griechisch αρχειν (archein) = herrschen, beginnen in den Worten Matriarchat und Anarchie löse. Seine Mail beginnt mit dem Satz:
Die Frage nach den ethymologischen Deutungen von An-archie und Matri-archat etc. geht mir ehrlich gesagt auf die Nerven, man kommt damit nicht weiter, solange nicht die Inhalte im Vordergrund stehen.
Mit meinen „etymologischen Spielereien” bin ich allerdings schon so einigen auf die Nerven gegangen. Daher weiß ich auch, dass meine Erklärungsversuche bisher meist schief gingen, so dass ich hier nicht allzu viel Mühe darauf verwenden will. Also nur so viel: Anders als Heidegger, der ja ebenfalls für seine „etymologischen Spielereien” berüchtigt ist, sehe ich in der Sprache zwar nicht das Haus des Seins. Aber seine Kritik, dass eine Verwendung von Sprache zum nackten Werkzeug in die Leere, in die Irre führt, teile ich. Zum zweiten bietet mir die Etymologie als Wissenschaft erst den richtigen Zugang zum vorchristlichen Sprechen und damit Denken, vergleichbar mit Archäologie, die aus Fundstücken, die man allerdings anfassen kann, Rückschlüsse auf das Leben schriftloser Kulturen zieht.
Nun also Freiheit: Die überlieferte germanische Bedeutung von frei meint so viel wie „zu den Lieben zu gehören”. Sie ist verwandt z.B. mit den Wörtern Fürst, Freundschaft, Fron und — wesentlicher noch, war zunächst im Althochdeutschen als fri identisch mit der Bezeichnung für die (Ehe)Frau = (ebenfalls) fri. Nun müssen wir allerdings, um die Verwendung von „Frau” in vorchristlicher Bedeutung zu übersetzen, heute zu einer Krücke greifen, wenn wir sagen: dieses Wort bezeichnete nicht nur einfach einen Menschen mit weiblichen Geschlecht, wie heute, sondern meinte „Herrin”. Dies freilich ist eine schlimme Krücke. Denn sie erweckt so den falschen Anschein, als ob eben am Anfang der Herr war, woraus sich dann eben Herrin durch Zusatz von …in ableitet. So dass dem Begriff “Herrin” immer etwas falsches mitschwingt. Weiter sagt uns die Etymologie, dass Frei / Frau zuletzt schließlich auf die germanische Göttin Freya verweist. Nun wurde in Freya das verehrt, was wir heute „Fruchtbarkeitsgöttin” nennen würden. Treffender wäre die Bezeichnung „große Mutter”. Aber wahrscheinlich ist jedenfalls, dass sie zunächst – anders als in den späten, von christlichen Schreibern verfassten Edda-Schriften, als wesentlich Eine verehrt wurde – und dass sie im frühen Mythos eine (polyandrische) Ehe mit den Götterbrüdern Wodan, Wili und We führte. Dass es also dem christlichen Einfluss geschuldet ist, dass später Odin / Wodan als Entsprechung zum christlich/jüdischen Jahwe als der Eine Vatergott interpretiert wurde.
Am Anfang war die Mutter
Diese Behauptung ist wesentlich nicht aus der Luft gegriffen, nimmt man diese als Metapher für Hirngespinste, für Metaphysik. Sie ist vielmehr, wie überhaupt jeder Animismus, ganz dem nahen greifbaren Leben zugesprochen, findet nämlich die Antwort auf die Frage nach dem Anfang in der Physik (=Geburt) und der Materie(=Mutter). Dies ist noch Religion in seiner ursprünglichen Bedeutung “Rückbindung”. Wir finden sie noch selbst beim berühmtesten “Erfinder” des Patriarchats, dem Judentum, in der Regel, nach der Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat. Jeder kann ohne technische Geräte, Rechenkunststücke und Fantasie sehen, dass mit der Geburt jedes Leben aus einer Mutter entsteht.
Eine Mutter – Viele Väter
Ebenfalls aus einfacher Beobachtung kann man erkennen, dass ohne Geschlechtsverkehr eine Frau nicht Mutter wird. Damit ist also schnell geklärt, dass auch die Männer einen Anteil am Leben haben. Allein, welchen Anteil sie haben, das bedurfte früher der metaphysischen Spekulation und heute der Technik, etwa des Vaterschaftstests.
Wichtig ist aber auch, dass von dem Rückschluss aus der zufällig möglichen Beobachtung, dass eine Frau, die nur mit einem Mann verkehrt hat, schwanger werden kann, zur Sicherstellung eines Vaters ein entscheidender Schritt liegt. Dieser Schritt markiert genau den Bruch zum Patriarchat. Die Sicherstellung der individuellen Vaterschaft erfordert die Sicherstellung, also die Entmachtung der Frau. Nur ein Mann, der allen anderen in der Gemeinschaft schlüssig beweisen konnte, dass er während eines ganzen Jahres eine Frau stets in seiner Gewalt hatte, konnte ohne sich dem Gelächter der anderen preiszugeben, sich damit brüsten der eine Vater zu sein. So ist die Formel: Eine Mutter - viele Väter und damit ein Bekenntnis zu der Urform von Polyandrie bis heute die einzige Möglichkeit der Familienplanung die ohne Gewalt, ohne Sicherstellung der Frau auskommt! Deshalb erklärt die übliche Einteilung von Polyandrie (Eine Ehefrau, viele Ehemänner) als einfaches Gegenstück zur Polygynie (ein Ehemann, viele Ehefrauen) auch weniger, als sie verdeckt. Denn – bezogen auf die erzwungene Sicherstellung des eindeutigen Vaters – besteht zwischen Polygynie und Monogamie etwa nur ein quantitativer Unterschied und in allen Beziehungsformen gibt es nur je eine Mutter. Ja wir befinden uns erst in allerjüngster Zeit auf dem Höhepunkt des Patriarchats insofern, dass die Mutter mit der (zunehmenden) Legalisierung der genetischen Vaterschaftstest in einem Ausmaß sichergestellt und entblößt ist, wie es noch vor kurzem nicht möglich war. So verweist nicht nur die Etymologie von Vater auf eine zunächst rein rechtliche Bezeichnung und selbst das noch aktuelle Kindschaftsrecht setzt automatisch den Ehemann einer Mutter als Vater ein und fragt nicht nach dem biologischen Vater. Vorläufig haben die neuen gentechnischen Möglichkeiten bereits dazu geführt, dass etwa der britische Wissenschaftler Robin Baker festgestellt hat, dass bis zu 30% der Kinder nicht vom vermeintlichen Vater abstammen. Eine Auswirkung des Urteils des Bundesgerichtshofes vom April d. Jahres könnte sein, dass solche Kuckuckskinder nun abnehmen. Wobei allerdings eher zu befürchten steht, dass überhaupt stabile Familien und Geburten weiter zurückgehen. Doch dies kann hier nicht vertieft werden.
Siehe ich habe dich von der Mutter befreit
Es ist viel geschrieben worden zur Enträtselung der Frage, wie es zur geschilderten Entmachtung der Mutter, zum Wechsel von Mutterrecht zum Patriarchat kommen konnte. Hoffentlich ist bis hierher bereits deutlich geworden, dass mindestens zwei gewaltige Umbrüche diesen Wechsel begleiten, den Nietzsche dunkel die (erste) Umwertung aller Werte nennt. Zum einen ist das Patriarchat die „Geburts”-Stunde der Metaphysik als Recht setzend. Nicht mehr die Bindung an das – offensichtliche - Mutterrecht sollte nun bestimmen, sondern die Spekulation über das nicht mehr naheliegende. Am Anfang war das Wort! ist nur ein trotziger Ausfluss dieser Methaphysik[1]
Insbesondere aber führt diese neue normsetzende Metaphysik zu einer Umkehrung des Freiheitsbegriffes in ihr Gegenteil: Bedeutete, wie wir oben gesehen haben, frei sein ursprünglich zur Mutter zu gehören, lautete der neue Schlachtruf: Macht euch die Erde untertan! Bezeichnenderweise kommt in einer aktuellen theologischen Rechtfertigung dieses Auftrages das Wort Mutter nicht ein einziges Mal vor. Dabei bedeutet für das Mutterrecht dieser Aufruf etwas ungeheuerliches, da die Erde dort stets als Bild der Mutter gesehen wurde, die, genau wie die menschliche Mutter, das Leben hervorbringt und (zu) der es deshalb gehört. Die Sicherstellung der Vaterschaft beinhaltete die metaphysische Befreiung von der Mutter. Siehe ich habe dich von der Mutter befreit! lautet daher auch der eigentliche Beginn des Patriarchats. – Nun mache sie dir untertan.
Mit dem Wechsel vom (materiellen) Mutterrecht zum (metaphysischen) Vaterrecht einher geht, um auch einmal die den Meisten ganz grausam erscheinende Seite des Mutterrechts zu zeigen, das mit des Sicherstellung der Vaterschaft zwangsläufig einhergehende Verbot für die Mutter, ihre Kinder zu töten.
Denn waren die Kinder einer Mutter einst ihr ganz natürlich Eigenstes, so musste nun ein metaphysisch begründetes positives Recht über das Leben der Kinder wachen. Es mag schockieren, aber in Island etwa wurde das Recht der Mütter, ihre Kinder zu töten noch lange nach der Christianisierung als einziges heidnisches Überbleibsel respektiert. Und bei einigen brasilianischen Indianerstämmen etwa wird Kindstötung durch die Mutter noch heute praktiziert.
Das größte Missverständnis der Patriarchats besteht darin, zu glauben, nun sei eben statt der Mutter der Vater zur Herrschaft gelangt. Doch tatsächlich hat die Hybris gesicherter Vaterschaft nicht nur die Mütter entmachtet, sondern erfordert auch die gegenseitige eifersüchtige Überwachung[2] der nun fremden Männer. Die nichtmetaphysische religiöse Rückbindung kannte als Souverän das Bild der großen Mutter, denn Souverän kommt vom lat. superanus, d.h. von super=über und anus=Ahnin, alte Frau. Zwar war nun der Vater als neuer Hausherr eine Arte kleiner Souverän (mit little-man und little-Schwanz-Syndrom), doch erforderte das neue Vaterrecht weitreichende Institutionalisierungen von der Staatsbildung bis hin zum Einen Vatergott im Himmel.
Auf der anderen für uns hier wichtigeren Seite, wurde mit der Abtrennung des Kindes von der Mutter eine neue metaphysische Konstruktion überhaupt erst möglich, die bis dahin ganz unvorstellbar war: Die Konstruktion des isolierten Ich, das uns heute so selbstverständliche „freie” Individuum. Das wurde so weit getrieben, dass noch Philosophen der Aufklärung einen angeblichen Naturzustand konstruieren konnten, in dem sich jeder Einzelne jedem anderen Einzelnen als Feind, einer des anderen Wolf, gegenüberstehen. Freilich ist in diesem “Natur”-Zustand die Natur (von lat. nasci=geboren werden), also die Geburt, also die Mutter völlig ausgeblendet. So treten wir also nach der Geburt in das nackte Leben, heute das nackte Leben der Menschenrechte. Und so ist aus der Freiheit des Mutterrechts: Du lebst, weil ich dich liebe! – die Freiheit des “Leben und leben lassen” als Metapher für den geregelten Handel zwischen wesentlich vereinzelten einander Fremden geworden. Diese Handels-Freiheit ist aber die Freiheit des Hasses. Sie ist nur ein anderer Name für Verbannung. War ich einst frei, weil ich (zu) den Lieben, (zu) meiner Mutter gehörte, bin ich nun frei, weil und solange ich unabhängig bin und bin einem metaphysisch zusammengemogelten Recht unterworfen, dass mir und den Fremden, die auch noch irgendwie da sind, genau diesen Bann als Anspruch und Pflicht sichert. Dabei ist jede Begegnung maximal eine Art „Aussetzung” dieses Bannes, seine Ausnahme. So vollzieht heute das Patriarchat auf seinem Höhepunkt die Verbannung aus allen solchen Begegnungen, hießen sie nun Arbeitsplatz, Schule, Freundschaft, Liebschaft oder Ehe als jeweils naheliegendste Sanktion mit einem Schulterzucken. War einst Verbannung, Ausschluss aus der Gemeinschaft die Höchststrafe, quasi als eine Form besonders grausamer Todesstrafe, so stellt sie den Menschen ja heute nur zurück in den scheinbaren Naturzustand.
Indem ich aber nun sage, dass meine Freiheit damit beginnt, dich zu zwingen und deine Freiheit damit, mich zu zwingen, drücke ich nicht die Willkür des einsamen Ich aus, sich gegen die bösen anderen Ichs zu behaupten, sich auf Kosten anderer selbst zu bestimmen oder zu verwirklichen. Ich sage und meine dies als Eintritt in die Macht der Mutter. Nicht Zwang bedroht hier die Freiheit, sondern genau das, was den Meisten Freiheit scheint: deine Verbannung aus meinem Leben, meine Verbannung aus deinem Leben. Unsere Gemeinsame Freiheit beginnt also, wo wir die Wahrheit in Nietzsches Satz erkennen: Leben ist der Wille zur Macht, deiner Macht, meiner Macht, Muttermacht.
Fußnoten: