Warum Datenschutz nicht unser Problem ist, sondern das Gegenteil

Der neue elektronisch lesbare Personalausweis und die Bedenken der Datenschützer

Wenn Big Brother am Anfang des Films 1984 zum Hass auf den Feind einpeitscht, wissen wir sofort, dass uns hier Propaganda vorgeführt wird, genau so,  wenn Göbbels im Volk das „Ja!” zum Totalen Krieg entfacht. 

Ebenso skeptisch sind die Meisten, wenn es um Nachrichten geht, die uns das Fernsehen täglich auftischt. Mein Vater ist früher manchmal extra länger aufgeblieben, weil er meinte, die wirklich wichtigen Nachrichten kämmen nur – als Alibi – in der Spätausgabe der Tagesschau. 

Doch die Skepsis, inwieweit sich hinter einer Meldung konkrete Interessen der Mächtigen verbergen, vergessen wir nur zu leicht, wenn – gerade wenn! – uns etwas berichtet wird, dass unser Misstrauen auf die Mächtigen selbst hervorruft. So informierte die Tagesschau gestern im ersten also scheinbar wichtigsten Thema über die geplante Einführung des maschinenlesbaren Personalausweises mit Chip. Und schon im fünften Satz kamen Opposition und Datenschützer zu Wort.

Ist es nicht seltsam, dass unser Misstrauen in das, was man uns als Information verkauft, uns immer dann gern verlässt, wenn es irgendwie „gegen die da Oben” geht, zu gehen scheint? 

Wenn also der Große Bruder vor dem Großen Bruder warnt…

Wenn der große Bruder vor dem Großen Bruder warnt, ist ein wenig Skepsis vielleicht nicht fehl am Platz.

Was ich zum einen beobachte, ist Schiss bei den Harmlosen. Sie fühlen sich beobachtet. Es ist ein bisschen wie im Religionsunterricht der 50er Jahre mit dem lieben Gott: „Fasst euch da unten nicht an, der liebe Gott sieht alles” hieß es da etwa und der Schrecken saß mir so tief in den Gliedern, dass ich  nicht mal wusste, dass da unten überhaupt ein Glied war, das man hätte anfassen können. Foucault hat  in seinem Buch Überwachen und Strafen am Beispiel der GefängnisarchitekturBild: aus Überwachen und Strafen, Foucault aufgezeigt, dass auch die Staatsmacht schon früh den Zusammenhang von schlichter Beobachtung und angepasstem Verhalten auszunutzen wusste. 

Dabei ist allerdings wichtig anzumerken, dass Foucault gerade nicht einen großen Bruder unterstellt, sondern zeigt, wie sich die Disziplinargesellschaft ohne Zentralmacht organisiert. Wie ich ja immer wieder betone, beruht der Gründungsakt des herrschenden Patriarchats eben gerade in der „Befreiung” des Individuums aus „rückwärtsgewandten” Bindungen, Religion. Es ist in dieser Hinsicht existenziell für das Überleben des patriarchalischen Systems, dass die einzelnen vereinzelten Individuen peinlich auf ihre „Freiheit” achten. Das Verheimlichen des richtigen Namens in Internetforen, die Angst, „vertrauliches” in Emails oder am Telefon zu kommunizieren führt jedenfalls dazu, dass überhaupt Kommunikation unverbindlicher, nichtssagender wird.

Die wesentliche Respektlosigeit des Kapitalismus

Während also „räumliche” Vereinzelung, bzw. Vereinzelung in der je aktuellen Kommunikation, den einen Aspekt des ersten Gebotes des Patriarchats ausmacht, ist das Abtrennen des Vergangenen die andere Seite. Mit dem Bild vom „Rädchen im Getriebe” habe ich früher allein die mangelnde Entscheidungsfreiheit und Austauschbarkeit assoziiert. Doch die wesentliche Projekt- bzw. Nutzen-Orientierung verbietet viel mehr jeden Bezug auf Vergangenes. Ein Rädchen, das einmal genau in ein System gepasst hat, ist, wenn es zerbrochen ist ohne jeden Wert. Häufige Umzüge etwa infolge der gebotene Flexibilität am Arbeitsplatz aber auch in der Wahl der Bekannten und Vertrauten, führt wenn man so will zu einem ungeheuren Datenverlust in den Biografien der Meisten, den es in diesem Ausmaß noch vor Jahrzehnten nicht gab und der heute vielleicht noch immerhin die Dörfer nicht erreicht hat (die somit in vielen Fernsehfilmen Angriffsziel als irgendwie obskure Geheimbünde verschrobener oder böser Dorfmenschen sind). Der letzte große Wurf dieser wesentlichen Respektlosigkeit war mit der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe zum ALG II vollzogen. Ob jemand und wie erfolgreich jemand vielleicht 20 Jahre gearbeitet hat, bevor er arbeitslos wurde, interessiert im neuen Grundsicherungssystem nicht mehr.  Und das ist nur mal ein Beispiel. Damit wird aber vielleicht schon deutlich, dass das System Kapitalismus sich eben nicht durch eine Flut von Wissen über uns auszeichnet, sondern im Gegenteil die Produktion des „nackten Lebens” eben auch die Produktion eines von Geschichte entkleideten Menschen beinhaltet. 

Ich sorge mich also nicht so sehr, dass, wie ich von einem inzwischen pensionierten Verfassungsschützer weiß, der Staatsschutz eine Akte über mich hält, sondern darum, dass ich beginnen könnte, selbst nur noch leeres Zeug zu reden oder etwa, mich allzusehr mit meiner Gegenwart als Hartz-4-Empfänger identifizieren könnte und damit selbst mithelfen würde, meine eigene Geschichte auszulöschen. Je mehr wir uns um solches gemeinsam sorgen, um so weniger müssen wir irgendeinen großen Bruder fürchten.

2 Kommentare

  1. Thors Hammer schreibt am:

    Sorry, da kommen mal ausnahmsweise Datenschützer in den öffentlichen Medien vor und schon ist die Info nach Deiner Meinung von den Mächtigen gewollt. Dass gerade das ARD jahrelang die VDS totgeschwiegen hat, zu Zeitpunkten wo diese noch nicht durch war, hast Du hier nicht erwähnt, dass die größte Demo mit 15.000 Teilnehmern in Berlin gegen den Überwachungswahn von der Tagesschau nicht einmal erwähnt wurde, obwohl das ARD-Hauptstadtstudio gerade einmal 200 Meter von dieser entfernt war, aber dafür über die Mönchsdemo in Birma ausführlich berichtet hat, erwähnst Du nicht. Die Massenmedien verschweigen ja sogar meist, dass der neue Perso einen RFID-Funkchip bekommen soll. Wenn gewollt wäre, dass die Massen Angst bekommen, würden die Medien ständig anklagen, dass der “Bundestrojaner” für wirkliche Terroristen, OK etc. leicht zu umgehen ist und dieser nur Sinn macht um Daus zu überwachen.
    Gut – dass die Überwachung auch dazu dienen soll die Leute kirre zu machen, dass Sie auch dann eingeschüchtert sind, wenn man Sie nicht überwacht, sollte klar sein, jeder soll jedem misstrauen. Nur scheinen die Massenmedien bisher eher ein Stillhalte-Abkommen zu haben, vielleicht auch aus Taktik, damit es nicht frühzeitig zur Verhinderung von diesen Maßnahmen kommt, kann sich ja aber später ändern. Warum auch sonst bitte sehr haben die Medien früher viel kritischer über Überwachung berichtet als heute ?
    Zur Kapitalismuskritik: So viel ich weiß, wollen die Mächtigen eben keinen Kapitalismus - auch Marktwirtschaft genannt - sondern einen kooperativistischen Weltstaat mit vielen sozialistischen Elementen. Ja , sogar das Privateigentum soll abgeschafft werden (wo sich die Mächtigen mit Sicherheit selbst von aus nehmen werden). Der derzeitige Turbo-Kapitalismus mit den Privatisierungen ist demnach nur ein Übergang. Wobei dieser auch nur die halbe Wahrheit ist. Bei über 50% Staatsquote kann man wohl kaum noch von einen echten liberal-kapitalistischen System sprechen und die angeblich ” neoliberale ” EU ist ein riesen Umverteilungs-Subventionsbetrieb. Sicher ist das System in dem Zusammenhang kapitalistisch, weil das “Kapital” dort die Macht hat. Aber genau dieses fürchtet Systemfeinde, ob es da nun sozial Schwache sind oder liberale Kleinkapitalisten (eine lästige Konkurrenz) ist da eher unwichtig, es eklärt aber, warum sich die Datenschützer so heterogen zusammensetzten.
    Dass Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe zusammengelegt wurde vernichtet doch keine Daten, die Akten in den Ämtern wissen doch trotzdem, wie lange jemand gearbeitet hat. So ist diese Zusammenlegung aber wieder eher ein typisch sozialistisches Elememt, nämlich das der Gleichmacherei.

    HdT

  2. KHeck schreibt am:

    Danke für den Kommentar. Wenn Du meinen Text genau liest, wirst Du vielleicht feststellen, dass ihn Deine Kritik kaum trifft:

    Oder ist nach Deiner Meinung die angesprochene Meldung subversiv? Oder zufällig? Das ist eine der Fragen, die ich eigentlich stelle. Ich warne davor, zu glauben, dass Infos, die wir gern hören, dann deshalb glaubwürdiger sind oder in einem Machtvakuum entstanden sind, mehr nicht. Ich behaupte ja nicht, dass es kein “Überwachen und Strafen” gibt. Ich vergleiche nur die Angst vor einem *künftigen!* Überwachungsstaat, die auch in den 70ern schon in den Massenmedien bedient wurde und nicht mal ausnahmsweise in dieser Tagesschau, und die *aktuellen* Wirkungen dieser Überwachung. Wir können darüber streiten, ob es einen Gott gibt, der alles sieht oder ob es eines Tages so einen Gott als Großen Bruder gibt. Oder wir können feststellen, dass die Angst vor diesem Gott *heute* real wirkt. Noch mal: Ich sage ja nicht “Höhö, es gibt doch gar keinen Gott, der alles sieht”, ich sage nur, was der Glaube daran bewirkt.

    Zur Klärung:

    Wenn ich von Kapitalismus spreche, dann schließt das Staatskapitalismus, also „Sozialismus” mit ein. Die Orientierung am “Kapital”, als ein „um zu” oder wie bei Jünger “Arbeit” oder am Bedürfnis oder „Yes we can” das sind alles nur verschiedene Namen für diese Projektorientierung.

    Den Begriff “Daten” benutze ich weitgefasster, wenn ich mich auf den Verlust der Geschichte beziehe, auf das Auslöschen des „Gegebenen” (lat. dare) als dem verbotenen Blick des „Ewig Gestrigen”. Das Sammeln von Akten, vor allem zu statistischen Zwecken, ist ja wiederum dem Projekt geschuldet, der Steuerung der Massen, wie etwa auch durch Umfragen usw.

Notizen zum Text (von mir und Gästen)