Ein paar Gedanken zur guten Bewaffnung, Teil III
Nicht nur mit einem Lächeln bewaffnet
Im Ersten Teil habe ich die Bedeutung des Waffenrechts in den USA, sowie die Entwaffnung der Deutschen kurz angerissen.
Im Zweiten Teil bin ich der Frage nachgegangen, ob es zwischen der Entwaffnung der Bürger und der Menschenrechtsideologie einen Zusammenhang gibt und habe diesen Zusammenhang belegt.
Nun will ich beschreiben, welche Bedeutung Bewaffnung in meinem Alltag hat. Vorher will ich aber kurz auf ein Phänomen eingehen, dass mich etwas verstört. Es ist dies die Beobachtung, dass – nicht nur in den USA, wo die Zuschreibung Republikaner=rechts und Demokraten=links – kaum mit meinen oder unseren deutschen Vorstellungen von links und rechts vergleichbar sind.
Vielmehr verstört mich, dass offenbar auch in Deutschland mit Waffen Jäger, Soldaten, Bullen, Nazis und andere Arschlöcher verbunden werden. Abgesehen davon, dass für mich kein Mensch der genannten Gruppen grundsätzlich ein Arschloch sein muss, gehöre ich doch selbst keiner dieser Richtungen an. Politisch stehe ich immer noch links, mindestens mit Blick auf die Attribute, die ich schon als Kind und Jugendlicher mit links verbunden habe. Und ich messe Phänomene immer noch regelmäßig an der Probe, die Paul Goodman in seinem Anarchistischen Manifest aufgestellt hat. Diesen Text gibt es übrigens wieder, für unter zehn Euro, u.a. bei Amazon und es enthält noch weitere interessant klingende Titel. Es heißt Staatlichkeitswahn und wenn es mir jemand schenken oder leihen möchte, würde ich mich freuen. Da mir mein Regelsatz seit über einem Jahr gekürzt wird (und ich seitdem auf einen ersten Termin vor dem Sozialgericht warte), muss ich mir die Anschaffung ansonsten erstmal verkneifen und das entsprechende Zitat aus dem Gedächtnis kramen. Es lautet ungefähr:
Die Zwangsgesellschaft kennt sehr genau die Handlungen, welche ihr gefährlich werden können und die, welche es nicht sind. Solche Handlungen, die den Bestand einer Zwangsgesellschaft bedrohen können — das sind natürliche Handlungen — sind mit irgendeiner Form von Strafe bedroht. Alle anderen, von der Zwangsgesellschaft gebilligten oder geförderten Handlungen, sind Zwangshandlungen. Solche Handlungen, die einmal natürliche Handlungen waren, jetzt aber von der Gesellschaft gebilligt oder gefördert werden, haben ihren natürlichen Charakter verloren und sind jetzt selbst Zwangshandlungen geworden.
Anders als der Jude Paul Goodman würde ich unseren Staat nicht als „Zwangsgesellschaft”, sondern als Patriarchat bezeichnen. Aber von diesem sprachlichen Unterschied abgesehen, benutze ich seine Probe regelmäßig und das Attribut „natürlich”, dass mich anfangs abschreckte, verwende ich inzwischen wohl betonter, als es Goodman je konnte.
Mache ich also nun die Probe aufs Exempel der Links/Rechts-Unterscheidung, dann stelle ich hier einen gewaltigen Unterschied fest: Als Kind kannte ich nur einen „richtigen” Nazi. Das war Paul Prompka und er war aus Polen stammender Einwanderer. Er war Anhänger der damaligen NPD und lief meist betrunken und auf alle Ausländer und Juden schimpfend durch die Straßen von Essen-Borbeck. Aber wenn mein Vater diesen Paul Prompka verächtlich als “Pollak” beschimpfte (nicht, weil er Nazi war, sondern weil „die Pollaken uns die Arbeit wegnehmen” oder in den Fernseher schrie, dass die ganzen Langhaarigen aufgehängt werden müssten oder dass, wenn es ihm nach ginge, alle Rentner ihr Auto abgeben müssten und eh viel zu viel Rente hätten, dann war er in meinen Augen auch irgendwie ein Nazi, obwohl er strammer Anhänger der SPD war. Oder wenn Sonntags, beim Familientreffen in der Zweigstraße mein Onkel Günter, CDU-Anhänger und Kirchgänger, meinen Vater und mich anschrie, wir sollten doch gefälligst in den Osten abhauen, wenn es uns hier nicht gefiele, nur weil man wagte, das Wort Kapitalismus auch nur in den Mund zu nehmen, dann war auch er irgendwie Nazi. Die Stimmung in Deutschland war extrem: ausländerfeindlich, veränderungsfeindlich, sexualitätsfeindlich, frauenfeindlich. Es wurden noch Leute von Richtern freigesprochen, wenn sie ein Mädchen vergewaltigt hatten, die mit kurzen Rock getrampt hatte. „Dann ist die ja wohl auch selber Schuld!” tönten damals in den frühen 60ern und noch in den 70ern die braven Bürgerfrauen in Kittelschürze mit ihren braven Männern ins gleiche Horn. – Und so weiter. Dass Paul Prompka ein überzeugter Nazi war, fanden damals alle lustig. Und wenn er sich über Neger ausließ oder was alles unter Hitler nicht passiert wäre, dann erhielt er eigentlich durchweg ein, wenn auch verschämtes, zustimmendes Grinsen oder lautes Lachen.
Wenn aber heute eine gefeierte Studie der staatstragenden Friedrich-Ebert-Stiftung zu dem Schluss kommt, dass es sich in der heutigen Gesellschaft bei „…Rechtsextremismus um ein politisches Problem in der Mitte der Gesellschaft” handele, wenn sich heute jeder so links zeigen und schmücken darf, wie es ihm gefällt ohne Ärger befürchten zu müssen, aber, wie ich es in Bückeburg erlebt habe, ein Schüler sofort mit Schulverweis rechnen muss, wenn er sich als Skin zu erkennen gibt usw. — dann ist das Ergebnis dieser Probe von Paul Goodman, dass das Etikett links und d.h. unter dem Label links laufende Aktionen heute mindestens mit Vorsicht zu genießen ist.
Nun ist diese Vorbemerkung leider viel zu lang ausgefallen und wahrscheinlich immer noch zu kurz, um wirklich Licht in die Frage zu bringen: Wer und wo sind eigentlich heute „die Linken”? Und was haben sie zum Teufel gegen Bewaffnung einzuwenden, dass sie ein altes Revolutionslied, wie Biermann, wie Wader, entschärfen, entwaffnen müssen? Ich kann jedenfalls so gerade noch der Idee wiederstehen, diesen ganzen Teil einfach zu löschen und stattdessen meinen alten Genossen zuzurufen: Wo seid ihr? Ihr, meine linken Zeit- und Kampf-Zeugen? Lasst nicht zu, dass sie mich und also uns, in rechte Ecken drängen!
Vielleicht war die lange Vorbemerkung aber auch ganz gut, ist doch so die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir hoffentlich nur noch „unter uns” sind, das meint hier, unter Menschen, die auch den Griffel als Waffe kennen und ich wegen dem Folgenden nicht so schnell, wie die mal recht guten Seiten eines Hamburgers zum Umgang mit einem Messer zur Verteidigung, von der deutschen Zensur betroffen bin[1].
Vom Mitleiden zum Mitmachen
Die gute Bewaffnung beginnt mit einer grundlegenden Kehre zur Religion, im Sinn von lat. religio=Rückbindung oder lat. relegere=wiederaufnehmen, in beiden Bedeutungen aber abgegrenzt von atheistischer / monotheistischer superstitio, womit wesentlich ein über den Dingen stehen gemeint ist. Diese superstitio verwirklicht sich in christlicher Unio Mystica ebenso wie in der vor allem von Schopenhauer in unser westliches Denken eingebrachten östlichen Lehre des Tat Tvam Asi = „Das bist du”. Auch wenn die Meisten wohl weder etwas mit dem christlichen Begriff Unio Mystica, noch mit dem upanischadischen Tat Tvam Asi anfangen können, so finden wir die entsprechende Haltung, besser Halt-Losigkeit doch in allen „esoterischen” und psychotherapeutischen Mainstreamangeboten wieder. Das von mir besprochene Buch Traumfänger ist nur eines von Millionen Beispielen. Immer ist supersticio wesentlich frauenfeindlich (egal ob von Männern oder Frauen betrieben). Es ist die Abwendung von natio, der Geburt, und damit von der mater(ia), der Mutter — hin zu dem, was Klages den Moloch als den außerirdischen Geist[2] nennt. So meint der Satz Tat Tvam Asi ausdrücklich nicht, dass ich mit dem “Das bist Du” in dem Mitmenschen, dem Tier oder der Pflanze als Ding mich selbst als Ding wieder erkenne. Es ist nicht einfach eine Erweiterung des jüdisch/christlichen Gebotes zur Nächstenliebe auf nichtmenschliche Erscheinungen, wie es oft dargestellt wird. Vielmehr ist es die Berufung auf das „Ich”, das ich nicht im Spiegel sehen kann, wie es die Upanischaden ausdrücken, die Unendlichkeit des „wahren Ich” das dann endlich aus der Stimme des Herzens spricht, die eben darum als wahr behauptet wird, weil sie mit dem Ich des All übereinstimmt.Gott=Du, Ich=Gott, Gott=Ich — deshalb nannten Heiden Juden und Christen Atheisten, weil sie die Religion als Rückbindung zur Mutter ablehnten, abschnitten. Dass diese Haltung solipsitischen Narzissmus, d.h. Nihilismus, führt, kann ich hier nicht vertiefen.
Wie frauenfeindlich auch im ganz profanen Sinn Schopenhauer war, der wie gesagt, einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf unsere heutige Traum- und Rattenfängerkultur hatte, kann man in seinem Text Über die Weiber nachlesen oder hören:
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Reiht man dann aber einmal stichwortartig die Vorwürfe aneinander, ergibt sich eine interessante Liste:
- Knalleffekt
- Verführung
- Kindschaft
- Gegenwärtigkeit
- Verschwendungsbereitschaft
- Nicht Über den Dingen stehend
- Unberechenbarkeit
- Gattungsorientiert statt individualistisch
Vom Knalleffekt angefangen, der doch nur die Praxis das Rates der Alten: Bedenke, dass du sterblich bist, wiedergibt bis zur Gattungsorientierung beschreibt Schopenhauer hier allesamt Eigenschaften, die genau der Haltung von religio vs. supersticio entsprechen. Ohne also nun der Frechheit oder Hoffnung Ausdruck zu verleihen, unsere alltäglichen Frauen besäßen auch nur eine dieser Eigenschaften (noch) in überdurchschnittlicher Ausprägung, will ich also nur Antigone dazu antworten lassen: „Mit diesem hat das Meine nichts zu tun.” sagt sei. Soll Schopenhauer über die Frauen schimpfen, mindestens am Ende landet er doch in ihrem Bett, der Muttererde.
Nun ist aber der stärkste Ausfluss der östlichen Schicksalslehre, die Schopenhauer in die Meisten von uns Heutigen gepflanzt hat, das Mitleid. So schön es klingt, folgt es doch der „Erkenntnis”, dass wir in der schlechtesten aller möglichen Welten leben. Warum? Weil wir sterblich sind, also: weil wir geboren sind. Das Mitleid gilt daher allem Sterblichen und führt geradewegs zur Grundethik der Liberalen: “Leben und Leben lassen” oder “Meine Freiheit endet an der Freiheit des Anderen” oder: “Esst kein Fleisch, denn auch die Tiere leiden.”
Als Nietzsche sich endlich von seinem Lehrer Schopenhauer gelöst hat, kam er denn zur Umwertung dieser Ethik: „Leben ist Wille zur Macht”. Sagt er oder „Amor fati”, sein Schicksal lieben (nicht „ertragen”), in seiner Vergänglichkeit, die „ewige Wiederkehr” bejahen.
Mit „Mitmachen statt Mitleiden” will ich diese Kehre ausdrücken. Dabei hat der Begriff Macht einen schlechten Ruf, wir kennen ihn ja fast nur noch als Machtmissbrauch. Doch hat das Wort Macht zwei etymologische Wurzeln, die aber alle zu einer dritten Wurzel führen: zum einen geht Macht zurück auf mögen, zum anderen auf Mut. Beide Begriffe führen aber zu Mutter.
So hat Nietzsche erkannt, dass sich hinter Mitleid, nicht nur bei Schopenhauer, pervertierter Hass verbirgt. Der Satz „Mitmachen statt Mitleiden” könnte also auch mit einer Übersetzung des vielleicht berühmtesten Satzes der Antigone lauten: Nicht mit zu hassen, mit zu mögen bin ich da. Es würde hier nun zu weit führen, auszuführen, dass der Abwurf von Atombomben nicht erfolgen konnte, obwohl die Amerikaner eine christliche Nation sind, sondern weil sie christliches Mitleid antrieb. Lasst euch nicht von schönen Worten verzaubern…
Mit der gerade beschriebenen Kehre zu religio wäre jedenfalls der erste durchaus praktische Schritt zu vollständiger Bewaffnung bereits vollzogen. Es ist der Austritt aus dem nackten Leben des homo sacer in die geschickte, d.h. politische Existenz[3] . Diese erste Bewaffnung, die bereits eine vollständige ist, könnte man auch als „mit einem Lächeln bewaffnet” ausdrücken. Es ist das Lachen des Ja-Sagens zur materiellen Existenz, des Mit-Liebens, statt Mit-Hassens, Mit-Leidens.
Warum trage ich dann noch ein Messer?
An dieser Stelle wäre eigentlich ein weit ausholender ontologischer Einschub notwendig. Aber wenn ich dies zulasse, dann wären schnell hunderte Seiten gefüllt und (man denke etwa an Heidegger) es wäre keinesfalls sicher, dass danach viele wüssten, was ich meine. Also versuche ich es ganz kurz, mit vergleichbarem Risiko, aber viel weniger Aufwand: Eine Antwort gibt obige Liste, mit der Schopenhauer das Weib verächtlich machen will.
Ich halte übrigens eine Erlaubnis zum Tragen von Schusswaffen für ungefähr so wichtig, wie die Erlaubnis zum Führen eines Kraftfahrzeuges: für nicht sehr wichtig. Für wichtig erachte ich, seiner Haltung zu Bewaffnung Ausdruck zu verleihen und eine tödliche Waffe zu tragen, da diese einen stets auch wieder daran gemahnt: Bedenke, dass du sterblich bist, was nicht meint: fürchte, zittere, dass du sterblich bist oder bereue, dass du geboren bist.
Vielleicht schreibe ich später einmal mehr zum Thema. Zunächst breche ich es an dieser Stelle ab.
Auch die katholischen Pfadfinder meckern über die neue Entwaffnung.
Fußnoten:- Falls doch, gebe ich schonmal vorab zu Bedenken, dass die Seite in Amerika gehostet ist und ich NICHT Betreiber dieser Seite bin, sondern nur Autor [↩]
- was Klages mit „außerirdisch” meint, ist dunkel. Jedenfalls war er kein SciFi-Fan [↩]
- vgl. hierzu Aristoteles, Foucault, in Giorio Agamben: Homo sacer - Die souveräne Macht und das Nackte Leben [↩]