Virginie
„Man darf soviel Unbeholfenheit nicht akzeptieren”
Virginie lernte ich im Sommer 1975 kennen. Ich war mit meinem VW-Bus nach Nord-Italien, Vallecrosia gefahren, um dort neben Sonne und Strand auch Rosellina Bloise zu besuchen, die ich dort ein Jahr zuvor kennen gerlernt hatte. Rosellina arbeitete ehrenamtlich für einen lokalen Sender – Radio libera Valecrosia - oder so ähnlich, hieß er. Ich sollte dort mit meiner Gitarre was singen und wusste nicht nur gar nicht, dass die das heimlich aufnahmen, vielmehr wusste ich auch gar nicht, was ich da sang. Ich hatte mir nämlich angewöhnt, so für mich, irgendeine Melodie zu erfinden und dazu auch einen „Text” zu improvisieren, der regelmäßig aus wenigen Brocken Englisch und Kauderwelsch bestand. Diesmal kam zwischen den unsinnigen Wörtern, quasi als Refrain, immer wieder der Satz „I wanna be free” vor, leidenschaftlich geträllert. Jedenfalls bekam ich dann in der Bar des Dorfes vom nächsten Tag an immer ein Getränk umsonst, denn mein Kauderwelsch war mehrere Tage lang der Hit und wurde andauernd gespielt. Peinlich.
Aber der Urlaub wurde noch peinlicher, als er dem Ende entgegenging.
Wie erwähnt hatte ich einen VW-Bus, in dem schlief. Und allein dies und dann noch die diversen Aufkleber vom Atomkraft?-Nein Danke!-Button bis zum Anarcho-Stern weckten bei Trampern so was wie eine Anspruchshaltung. Selbstverständlich nahm ich jeden mit, der seinen Daumen rausstreckte. Aber dann machte sich bei vielen „Genossen” schon die Mentalität der heutigen Selbstverwirklicher bemerkbar: „Kannst du kurz…” fingen dann Sätze an, die mit der dringenden Bitte verbunden waren, sie mal eben ganz woanders hinzufahren, als mein eigentliches Ziel war. Manchmal hatte ich mich dann regelrecht verirrt, manchmal dauerten solche kleinen Umwege eine halbe Stunde. Und wenn man solche Bitten abschlug, traf einen das volle Wutprogramm. Bei mir hatte das dazu geführt, dass ich gegen Ende des Urlaubs nur noch Tramper mitnahm, wenn ich Lust dazu hatte – und meistens hatte ich keine Lust (mehr).
Dann standen da zwei Tramper in Nice mit einem Schild Paris. Mit schlechter Laune hielt ich an und fragte mürrisch, ob sie Geld hätten, um sich an den Spritkosten zu beteiligen. Sie nickten und ich nahm sie mit. Das waren Virginie und ihr damaliger Freund Bruno. Virginie war Französin und konnte, nachdem sie die damals übliche Weigerung, sich auf eine andere Sprache als Französisch zu verständigen, aufgegeben hatte, mindestens so gut Englisch, wie ich. Bruno war Italiener, studierte in Torino Medizin und verstand und redete kaum ein Wort Englisch.
Ich benutzte, wie auch auf der Hinfahrt, nicht die Autobahnen, sondern fuhr immer so mehr ungefähr in die Richtung Paris. Da es eh schon Nachmittags war, als ich in Nice losgefahren war, hatten wir bald irgendwo eine Übernachtung. Die beiden hatten Schlafsäcke mit und schliefen draußen, ich im Bus. Morgens frühstückten wir und tranken Instantkaffee, mit dem Campinggaz-Brenner gekocht. Ich mochte die beiden zunehmend leiden. Bruno war wie ich Fan von Pink Floyd und Virginie meinte, mit Bezug zu Bus und Outfit von mir, sie sei auch Anarchistin. Trotzdem zögerte ich nicht, an jedem Tankstop die Hälfte des Preises von ihnen zu kassieren. Am nächsten Abend waren wir vielleicht noch eine Stunde von Paris entfernt und beim Tanken fingen die beiden in ihren Taschen an zu kramen. Sie wollten sich dann schon verabschieden, meinten, sie hätten kein Geld mehr. Ich zögerte. Ob sie denn in Paris eine Übernachtungsmöglichkeit für mich hätten, fragte ich, dann würde ich sie auch umsonst mitnehmen. Es war mir schon peinlich als ich das fragte. Aber ich hatte mich nunmal entschieden, mich vom schnorrenden Tramper endgültig abzuwenden.
Virginie meinte dann gleich, das sei überhaupt kein Problem. Sie wollten zu ihren Eltern, die hätten ein Haus in der Nähe von Paris und dort könnte ich auf jeden Fall übernachten.
Gleich musste ich an meine Eltern denken. Ich hätte niemanden gegenüber so entschieden auf die Gastfreundschaft bauen können. Ich war da schon beeindruckt. Aber das steigerte sich, als wir in später Nacht das Haus, nein, das Anwesen der Eltern erreichten. Ein Privatweg, an Pferdeställen und anderen Häuschen vorbei führte uns zu der Villa ihrer Eltern, vor der wir parkten. Sie klingelte und der Vater öffnete die Tür. Er umarmte erst Virginie, dann Bruno und schließlich auch mich herzlich. Ich kannte das ja gar nicht. Meine Eltern hatten selbst mich, ihren einzigen Sohn, nie umarmt. Zu feierlichen Anlässen, wie meinem Geburtstag, gab mir meine Mutter die Hand: Herzlichen Glückwunsch, Klaus!
Wir gingen in die riesige Küche. Der Vater stellte sich sofort an den Herd und kochte Spaghetti. Einfach so. Das waren gleich mehrere Kulturschocks auf einmal. Denn meine Eltern hätten sicher sehr befremdlich reagiert, wenn ich da nachts einfach so mit Fremden aufgetaucht wäre. Selbst wenn nicht, hätten sie schnell gegähnt und wären dann ins Bett gegangen. Hier hatte die Mutter sich erst gar nicht blicken lassen. Dafür stellte sich der Vater an den Herd. Einfach so. Meinen Vater hatte ich ein einziges Mal kochen sehen. In einem Ferienhäuschen in Holland. Da hatte er damit angegeben, dass er Pfannekuchen durch Hochwerfen wenden kann. (Ich gebe da heute auch noch manchmal gern mit an). Nun also die Nudeln. Er schüttete das Wasser ab und schüttete sie wieder in den Topg, gab ein großes Stück Butter dazu und schwenkte die Nudeln noch minutenlang und irgendwie beinahe akribisch über dem Feuer. Dann erhielten wir jeder unsere Portion. Nudeln einfach so? Auch das kannte ich damals nicht, aber sie schmeckten ganz toll, dazu gab es Wein.
Später führte mich Virginie dann zu einem Gästezimmer. Das Bett war weiß bezogen, was am nächsten Morgen zur nächsten Peinlichkeit führte. Ich hatte nämlich seit einer Woche schon furchtbare Zahnschmerzen (vielleicht war ich auch deshalb so unfreundlich zu den Trampern) und als mich am nächsten Morgen die Mutter aufweckte, gab es einen riesigen Blutfleck auf dem weißen Kopfkissen. Das sei nicht schlimm, meinte sie. Der Vater zeigte mir später das Haus, alles meist sehr alte Möbel, so stilvoll, wie ich es noch nie gesehen hatte. Nur an den Decken baumelte manchmal einfach eine Glühbirne. Darauf von mir angesprochen meinte der Vater, dass er eben lieber eine Glübirne dort hängen hätte, als irgendeine Lampe aus dem Kaufhaus, die nicht zur Einrichtung passe. Seit dem hängen in allen meinen Wohnungen – bis heute – mindestens in einem Raum, nackte Glühbirnen von der Decke.
Beim Frühstück waren dann neben den Eltern, Virginie und Bruno noch eine junge hübsche Schwarze dabei. Dieses Mädchen, etwa in meinem Alter, redete ununterbrochen; da es Französisch war, verstand ich kein Wort. Aber sie schien mal zu schimpfen, mal lustige Sachen zu erzählen. Zwischendurch stand sie auf, kochte frischen Kaffee, räumte dann ab und machte den Abwasch. Als ich Virginie später fragte, wer das gewesen sei, folgte der nächste Schock: „Das ist unsere letzte Sklavin.” Sie erklärte mir dann, im Ernst, dass die Familie einst Sklaven besessen hätte und nach der Befreiung ihre Vorfahren denen aber erlaubt habe, dort weiter zu leben. Nun seien aber keiner mehr übrig. Sie sei die letzte, die noch in einem der kleinen Häuschen lebe und gehöre halt irgendwie zur Familie, würde auch ein bisschen den Haushalt machen und so.
Als ich Richtung Deutschland abfuhr, meinte Virginies Mutter noch eindringlich zu mir, dass ich jederzeit willkommen wäre, auch zur Übernachtung, auch wenn Virginie nicht da wäre, da die ja in Turin lebe. Nun war es damals schon noch so, dass man als Deutscher in Holland oder Italien durchaus mit finsteren Blicken rechnen konnte, infolge des zweiten Weltkrieges. Und hinzu kam, dass wohl Virginies Mutter auch eine Jüdin war, die erste, die ich überhaupt je kennen gelernt hatte. Eigentlich stimmt das auch nicht ganz. Denn sie hatte in einem Gespräch nur gesagt, dass ihre Eltern als Juden Angst vor den Nazis hatten. Man muss immer berücksichtigen, dass ich ja selbst kaum Englisch sprach und die Verständigung ziemlich schwierig.
Nächstes Jahr besuchte ich dann Virginie und Bruno in Torino. Wiederum war ich zuvor in Italien, mein Geld war aufgebraucht, bis auch eine Reserve für Benzin. Ich wurde von dem Paar herzlich empfangen. Aber die hatten auch kein Geld. Bruno und Virginie verdienten sich beide ein paar Lire, indem sie in der Mensa der Universität abräumten. Das Geld gab es immer gleich auf die Hand, abzüglich des Preises für die drei Mahlzeiten. Ich hatte da Abends übrigens immer solchen großen Hunger, dass ich nicht leer gegessene Teller von Kommilitonen, die mit uns am Tisch saßen, verschlang und alle lachten darüber. Bald schob man mir schon automatisch die Reste rüber. Ich lachte und aß. Am anderen Morgen hatten wir dann gerade so viel Geld, dass wir für jeden von uns Dreien ein Croissant und einen Kaffee in einem Café finanzieren konnten, für einen richtigen Einkauf hätte es nicht gereicht.
Die Wohnung von Bruno und Virginie hatte kein Bad. Also gingen wir zum Duschen zu Freunden. Die wohnten im Rotlicht-Milieu von Torino. Ich weiß noch, dass der erste Tag, als wir dort hingingen, ein Montag war, denn die Frau, eine Mutter von zwei Kindern, machte Pizza. Sie erklärte mir, das sei das übliche Montagsessen, denn darauf würden traditionell die Reste vom Sonntagsessen verteilt. Die Pizza wurde mit Kartoffeln, Fleisch, Gemüse, käse und Tomatensauce belegt. Die Dusche stand als freistehende Kabine in der Küche. Jeder der duschen wollte zog sich einfach nackt aus, während die anderen, auch die Kinder da rumliefen oder am Tisch saßen. Also traute ich mich auch, war dann aber erschrocken, als eines der Kinder mir einfach an meinen Schwanz zog. Alle hatten das mitbekommen und lachten nicht nur da rüber, sondern wohl auch darüber, dass mein Schwanz sich daraufhin leicht versteifte. Es waren halt die 70er. Lockere Zeiten nicht nur in Deutschland.
Ein weiteres Jahr später besuchte Virginie mich in Deutschland. Der Besuch kündigte sich mit einer schriftichen Morddrohung von Bruno an, der eifersüchtig war und so die Überraschung verdarb, denn Virginie hatte sich gar nicht angekündigt. Wir hatten bis dahin nur brieflichen Kontakt. Nun stand sie also eines Tages an der Türe der Villa in Bochum, in der ich kurzzeitig wohnte, zusammen mit der Exfrau des bekannten Politikers Klaus Hübners, der Exfrau eines ebenfalls bekannten Professors, einem Knacki und einer Psychologin, Uschi. Ich war zu der Zeit Zivildienstleistender in einem DKP-Kinderladen. Der Professor, der seine Frau noch nicht ganz (das Haus allerdings schon) aufgegeben hatte, tauchte regelmäßig auf. Er war ganz begeistert von Virginie und unterhielt sich mit ihr auf Französisch, mir dabei triumphierende Blicke zuwerfend und kaum geneigt, etwas zu übersetzen. Aber ansonsten konnte er bei ihr nicht landen. Wir gingen spazieren, hatten unseren ersten Sex (in den Ruhrwiesen) und als ich kam, gab sie mir eine Ohrfeige. Das warf mich aus der Bahn. Ich hatte doch gerade mal meine Jungfräulichkeit abgelegt und zwar seitdem beinahe täglich neue sexuelle Abenteuer, aber so was hatte ich noch nie erlebt. Die Ohrfeige erhielt ich, weil sie gleichzeitig mit mir gekommen sei, erklärte sie mir dann, und ich einfach meinen Schwanz rausgezogen hätte. Aber nicht als Bestrafung oder weil sie sauer sei, fügte sie hinzu, es sei einfach aus Geilheit passiert. Wir besuchten damals auch meine Eltern und die waren richtig angetan von Virginie. Zusammen mit meinen Eltern brachten wir Virginie dann wieder nach Paris; für meine Eltern war es das erste Mal in einem Land, in dem keiner Deutsch sprach. Denn sie kannten nur die Schweiz, Österreich und Holland. Als dann in Paris Virginie vorschlug, dass ich mit ihr für ein paar Stunden ein Hotelzimmer anmieten solle (zum „Bumsen”), während meine Eltern auf eigene Faust ein wenig durch Paris schlendern könnten, sackte die gegenseitige Sympathie aber in den Keller. Entrüstet meinten meine Eltern, ich könne sie doch nicht in Paris ganz allein lassen. Und Virginie meinte: Man dürfe so viel Unbeholfenheit nicht akzeptieren. Sie regte sich richtig auf. Sie kam noch Jahre später darauf zurück, meinte, durch solche Leute, nicht durch die paar bekennenden Nazis, habe Hitler seine Macht bekommen und erhalten. Und sie regte sich auch über mich auf, wenn ich bei irgendwelchen Freunden von ihr beteuerte, dass ich mich ja schäme, ein Deutscher zu sein. Ich müsse stolz auf mein Land sein, ich, als Linker! Ich dürfe den Patriotismus nicht den Faschisten überlassen.
Ein weiteres Jahr später besuchte ich Virginie wiederum in Torino, allerdings übernachteten wir im VW-Bus. Über Bruno sprachen wir kaum und trafen ihn auch nicht. Aber die Freunde mit der Dusche in der Küche gab es noch, allerdings waren die inzwischen irgendwie radikaler geworden und Virginie hatte bei ihnen damit angegeben, dass ich RAF-Kontakte hätte.
Nun war in der Zwischenzeit bei mir tatsächlich wieder viel passiert.
Ich lebte inzwischen in einer linksradikalen Kommune, in der wir (auf mein Drängen hin) alle persönlichen Zimmer aufgelöst und stattdessen “Funktions”-Räume eingerichtet hatten: zum Schlafen, zum Zurückziehen und einer, in dem alles erlaubt war, also auch Gruppensex. Und: ich war tatsächlich Mitglied in einer der „Gefangenenkontaktgruppen” zur RAF; ich hatte als einer von wenigen die Nummer von Otto Schily u.a., so dass bei ernsthaften Aktionen der Polizei die Genossen sich an mich wendeten und ich dann ggf. mich an Schilys Büro gewendet hätte. Wir brachten die illegale Sponti-Zeitung „Sumpfblüte” heraus, in der wir u.a. auch regelmäßig Kassiber von Ulrike Meinhof und den anderen politischen Gefangenen veröffentlichten. Der Polizei war ich damals längst bekannt. Die West-Stasi hatte z.B. versucht, über meinen Vater an Informationen über mich zu gelangen, was dieser aber entrüstet ablehnte. Manchmal gab es lustige Verfolgungsfahrten durch Bochum, Zivi-Streifen fuhren scheinbar unauffällig hinter einem her und man hängte sie ab. Oder es gab mal wieder eine Hausdurchsuchung. Die meiste Zeit aber verbrachten wir eigentlich mit Kiffen.
Jedenfalls war ich also nun in Torino der Genosse von der RAF. Doch mir fuhr der Schreck in alle Glieder, als es hieß, wir würden nun zusammen auf eine Demo gehen. Bedeutete das in Deutschland, sich sein Tuch zum Vermummen zu schnappen und ggf. noch den Motorradhelm als Schutz gegen Schlagstöcke, sah die Vorbereitung in Turin anders aus. Die Leute holten ihre Knarren aus der Tasche und füllten sie mit scharfer Munition: Avanti Populus! — Ich schämte mich zwar, erklärte aber offen, dass ich in Deutschland ähnliches noch nicht erlebt hätte, dass ich zwar Kontakte zur RAF, allerdings nur zum legalen Unterstützerkreis hätte. Ich hatte die Hosen gestrichen voll.