Aktivierende Pflege als Mythos
Wie Pflege-Experten helfen, Ihre Kunden zu vergraulen und wie Sie sich dagegen wehren können.
Vorbemerkung: Dies ist eine überarbeitete Version eines im Oktober 2000 im ALTENHEIM erschienenen Aufsatzes. Inzwischen bin ich gegenüber dem konstruktivistischen Ansatz, der sich mit rasanter Geschwindigkeit zum allerdings unbewussten Mainstream ausgeweitet hat, äußerst skeptisch. An der Kritik am Aktivierungsmodell hat dies allerdings nichts geändert.
Mit zwei wesentlichen Veränderungen, die bereits heute ein größeres Gewicht haben, als vor Einführung der Pflegeversicherung, werden Mitarbeiter in Altenheimen in den nächsten Jahren noch stärker zu tun haben: der immer größer werdende Anteil von verwirrten Bewohnern auf der einen Seite und die zunehmende Wahlmöglichkeit der Kunden unter in Preis und Leistung stark differierenden Angeboten auf der anderen Seite. Peter Junker, der als geschäftsführender Vorstand eines diakonischen Verbundes von Pflegeheimen in fünf Bundesländern schon seit Jahren auf diese gewaltigen Umwälzungen hinweist, die uns bevorstehen, spricht in diesem Zusammenhang von einer Revolution[1] .
Das Dilemma an diesen beiden Aufgaben ist, dass sie sich nicht getrennt voneinander lösen lassen. Offensichtlich benötigen verwirrte Menschen eine andere Pflege, als Bewohner, bei denen somatische Einschränkungen im Vordergrund stehen. Gängige Konzepte für die Pflege verwirrter Bewohner verweisen mit dem Stichwort “Aktivierung” darauf, dass die regelmäßigen, bzw. von der Pflegeversicherung abgedeckten Pflegeleistungen bei diesen Bewohnern wesentlich durch Beeinflussung (Unterstützung, Anleitung) und weniger durch manuelle Hilfestellung (teilweise oder vollständige Übernahme) umgesetzt werden müssten.
In der Praxis führt dies zu einem wesentlich höheren Personalaufwand, als durch die Pflegeversicherung abgedeckt wird. Hinzu kommt, dass außerhalb der sogenannten Kernpflegezeiten diese Bewohner ebenfalls einen höheren Betreuungsaufwand durch die Pflegekräfte benötigen. Schließlich wird noch ein spezieller therapeutischer Aufwand durch begleitende Dienste gefordert. Die Umsetzung all dieser Forderungen bringt kleinere Einrichtungen schon jetzt an die Grenze der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Durch die zunehmenden Wahlmöglichkeiten der Kunden auf der anderen Seite, sind Verhandlungen mit den Pflegekassen und Sozialhilfeträgern um einen möglichst hohen Pflegesatz spätestens dann keine geeignete Lösung mehr, wenn die Kunden nicht nur die Leistungen (womöglich noch aus Anbietersicht) vergleichen, sondern eben auch den Preis.
Fußnoten:- vgl.:Paul-Lempp-Stiftung (Herausgeber). Kundenorientierung in sozialen Unternehmen. Raabe-Verlag: Stuttgart 1996 [↩]