Keine Freiheit in Kenia?

Barack Obama besuchte mit seiner Frau seine Heimat Kenia und war schockiert:

Even within my own family, Michelle saw how suffocating the demands of family ties and tribal loyalties could be, with distant cousins constantly asking for favors, uncles and aunts showing up unannounced. On the flight back to Chicago, Michelle admitted she was looking forward to getting home. “I never realized just how American I was,” she said. She hadn’t realized just how free she was—or how much she cherished that freedom.[1]

Was Obama hier als „erdrückend” beschreibt und als das Gegenteil von Freiheit, ist in der überlieferten Bedeutung von frei genau das, was die beiden Ex-Afrikaner zurück in ihren amerikanischen way of live treibt: Freiheit bedeutete einst auch bei uns „zu den Lieben zu gehören”[2].  

Unangemeldete Besuche gab es selbst noch in der DDR kurz vor der Wende. Da dort nicht jeder ein Telefon hatte, war es durchaus üblich, Freunde und Verwandte unabgesprochen zu besuchen. Ich empfand das damals, als ich zum ersten Mal in Leibzig war und von Wohnung zu Wohnung, von Familie zu Familie geschleppt wurde, äußerst angenehm, denn es erinnerte mich an meine Kindheit, in der auch in der BRD kaum jemand ein Telefon besaß. Da hat dann eben mal die Tante noch die Lockenwickler in den Haaren oder es gibt gerade Essen und es wird einfach noch schnell ein Teller dazu gestellt für den Gast. Das ist Freiheit, die ich meine.  Sie ist das Gegenteil liberaler „Freiheit”. Für diese hatten unserer Vorfahren einen ganz anderen Begriff: Armut, das meinte einst nicht Mangel an Hab und Gut, sondern: verwaist sein.


Fußnoten:
  1. Barack Obama, The Audacity Of Hope, S. 54 — 

    [Übersetzung: Sogar in meiner eigenen Familie sah Michelle, wie erdrückend die Ansprüche familiärer Bindungen und von Sippentreue sein können, ständig baten entfernte Cousins um irgendeinen Gefallen, Onkel und Tanten tauchten einfach unangemeldet auf. Auf dem Rückflug nach Chicago gab Michelle zu, dass sie schon nach der Heimreise gesehnt hatte. „Ich hatte mir nie klar gemacht, wie sehr ich Amerikanerin bin”, sagte sie. Was sie sich eigentlich nicht klar gemacht hatte, war, wie frei sie war — oder wie sehr sie diese Freiheit schätzte. (Schnelle sinngemäße Übersetzung)] []

  2. vgl. z.B. Kluge, Etymologisches Wörterbuch []

Notizen zum Text (von mir und Gästen)