Ja! Ein Lob dem Opportunismus.
Warum es nicht böse ist, sein Fähnchen nach dem Wind auszurichten
Auch das ist Sklavenmoral: Sich eine Gelegenheit entgehen lassen. Und wenn dann noch oportunus lat. die bequeme Hafeneinfahrt meint, also das Erreichen des Zuhause, dann ist das schon ein Grund für ein paar Worte, nicht wahr? Kann es böse sein, sein Zuhause zu finden? War es etwa böse von Odysseus, überhaupt nach Hause zu wollen? Wollen, müssen, wir nicht alle viel mehr das Gegenteil erreichen wollen? Ja, als Christen.
Aber sind wir noch Christen? — Ja, aus jeder Pore stinken wir noch nach Christentum, vor allem, wenn wir urteilen über das Böse.
Der böse Opportunist also; der, der seine Fahne nach dem Wind hängt.
Seid ich des Suchens müde ward,
Erlernte ich das Finden.
Seit mir ein Wind hielt Widerpart,
Segl ich mit allen Winden.[1]
Als ich diesen Reim von Nietzsche zum ersten Mal las, verwirrte er mich. Ich nahm dieses Stück Text, so wie es war, einfach. Als ich ihn dann später in einem Gespräch mit einem der besten Nietzsche-Kenner, die ich kenne, mit Günter Schulte, anbrachte, meinte dieser (zu meiner Enttäuschung) Nietzsche habe diesen Reim ironisch gemeint. Günter, du irrst hier. Man muss weiter lesen, unverzagt:
Wo du stehst, grab tief hinein!
Drunten ist die Quelle!
Laß die dunklen Männer schrein:
»Stets ist drunten – Hölle!«[2]
Nehmen wir also beide Reime zusammen, hintereinander, dann entschlüsselt sich sogleich die Umwertung der christlichen Abwertung der Haltung, seine Fahne oder eben noch stärker: sein Segel, nach dem Wind auszurichten.
Der Opportunist ist eben gerade eines nicht: Ein Blatt im Wind. Aber so wollen sie uns. Losgelöst von dem Schiff, das uns trägt und dem Wind, der uns finden macht und unsere Macht einfließen zu lassen einlädt. Statt dessen auf unsere innere Stimme hörend, dem wurzellosen Gott hörig.
Fußnoten:
24. Mai 2009 um 02:33
Dann müssten wir doch in einer sehr tollen Zeit leben, so opportunistisch wie derzeit habe ich das Land noch nie erlebt. Die Masse sagt zu allem ja und amen was die Regierung macht, egal ob es sich um BigBrother-Maßnahmen oder die ” Soli-Steuer” für die HRE von ca. 500 Euro pro Monat und Steuerzahler handelt. Es gibt kaum Widerstand. Kaum einer hat Zivilcourage gegen den Strom zu schwimmen, ausgerechnet Du bist hier ne Ausnahme, Du bist gerade NICHT opportunistisch. Mir ist klar, dass es strategisch oft wichtig und richtig ist opportunistisch zu sein um etwa die Machtzentren von Innen zu ändern, ich weiß dass Opportunismus in der Natur oft überlebenswichtig ist. Nur denken viele Opportunisten dann eben damit nur an sich selbst weil Sie ihrer Haut retten wollen. Wenn z.B. die gesamte Bundesregierung den Einsatz von Uran-Munition in Afghanistan leugnet so macht sich diese mitschuldig am verdecktem Völkermord. Klar kostet das die Karriere von einen Politiker der das offen benennt, vielleicht auch sein Leben ( ja die US-Army hat einen Abtrünnigen Forscher von ihnen der dieses Nuklearverbrechen publik machte mit Mord bedroht ). Aber durch so ein Publik machen könnten viel mehr Menschen gerettet werden. Merke : Wer im Kampf für die Freiheit stirbt, stirbt nie !
24. Mai 2009 um 08:17
Danke für den Kommentar. Beachte bitte, dass dieser Text weniger politisch, sondern eher philosophisch gemeint ist, ein Sprachspiel um die abwertende Redewendung, dass jemand seine Fahne nach dem Wind ausrichtet. Ich schrieb diesen Text, weil ich über dieses merkwürdige Bild stolperte. Wie soll eine Fahne denn flattern, wenn sie sich dem Wind entziehen will? Vielleicht lies den Text noch mal, gründlicher, langsam. Dann findest du auch den Hinweis, warum ich den Begriff Opportunismus umwerte und für mich in Anspruch nehme: Porta, der Hafen, ist hier versteckt, Opportunismus meint(e) also gerade nicht, sich selbst, seine Bedürfnisse, seine Gier zum Zentrum seines Handelns zu machen, sondern den Hafen anzusteuern. Setzt man nun diesen Begriff von Opportunismus in Kontrast zu dem inflationär gebrauchten Begriff des Diskurses, ist vielleicht die Frage interessant, ob in den herrschenden linken Diskursen genau jenes (Vor)Finden als “tief eingraben” (s. 2. Vers, Nietzsche oben) regelmäßig abgewertet wird und was bleibt ist die leere ermüdende Suche oder eben: Geschwätz, Blätter im Wind als Gegenbild zu Blättern an einem Baum oder eben den Segeln eines Bootes. Die Linke feiert hier also weiter das Christentum, man muss sich nur mal ein paar alte Lieder von Ton Steine Scherben reinziehen, keine Macht für Niemand, Paradies, Frieden. Und die Hölle ist eben unten, böse ist, wer verwurzelt.
24. Mai 2009 um 15:57
Ja für die Linke ist Verwurzelung böse , reaktionär, faschistisch, rassistisch, weshalb Du hier wieder ne Ausnahme machst.
Ich habe Deinen Text schon weitgehend verstanden. Meiner Ansicht ist Opportunismus eine natürliche Reaktion dessen ursprüngliche ” Gutheit ” durch die moderne Gesellschaft ( zum Teil ) ins Gegenteil verkehrt worden ist, hiemit meine ich nicht nur die negative Belegung dieses Bergriffes. Da ich doch so in der “VT-Szene” bin hier mal ein Beispiel : Wenn ein Volk angegriffen wird so schart es sich hinter seine Regierung. Dieses Verhalten war in der Evolution absolut überlebenswichtig und ist nicht ” böse “. Heute jedoch wurde dieses Verhalten quasi wissenschaftlich erforscht und dieses kann für Machtinteressen auch gegen die Interessen des Volkes durchgesetzt werden. Regierungen inszenieren sog. “Operationen unter falscher Flagge”, dass heißt sie greifen eig. Leute an damit Sich das Volk hinter diese scharrt unter der Vortäuschung es wäre der Feind gewesen der bekämpft werden soll. ” Böse ” ist hier nicht die Reaktion der Massen, sondern die eiskalte berechnende Ausnutzung dieser wissenschaftlichen Erkenntnis. Zur Folge hat es allerdings, dass Leute die solchen Täuschungen erkennen eben, wie ständig empfohlen, ” bei sich selber anfangen ” das heißt zu versuchen die Reflexe zu unterdrücken und dafür auch die Wurzel zu ihrer Lebendigkeit zu kappen. Ist das der Grund warum der Volkverhetzungsparagraph nicht nicht gegen ” Verschwörungsspinner ” eingesetzt wird ? Ist es den Herrschern recht wenn sich diese Leute durch diese Erkenntnis selbst kastrieren ?
Ein ähnliches Beispiel ist das natürliche Fluchtverhalten von Tieren bei einer Treibjagt, was früher wichtig war zu überleben wird ihnen hier zum Verhängnis. Ja, die ” Herde ” die immer so verächtlich arrogant von vielen angegriffen wird ist eigentlich eine sehr nützliche Eigenschaft für den Menschen. Eigentlich wollte ich hier einen Artikel von Bill Bonner( habe leide neuen Computer wo ich das Lesezeichen nicht mehr habe ) verlinken, in der er erklärt dass z.B. das früher wichtige Herdenverhalten und intuitive handeln in der heutigen Zeit, vor allem an der Börse zum Verhängnis wird und man deshalb dieses natürliche Verhalten ablegen. Genau das ist m.E. erwünscht. Ich selber habe leider viele Jahre mich selbst bekämpft weil ich erkannte, dass meine Reflexe die Probleme verschlimmern. Das ist ein falsches Verhalten. Man sollte m.E. besser in die andere Richtung fliehen zu noch mehr Lebendigkeit und Reflexen, ja so lebendig, dass man Täuschungen erkennt und eine ” Herdenreaktion ” nicht nötig hat weil man erkannt bevor die Herde rennt, ja dass man zum ” Leithammel ” der Herde wird. Noch mal zum Opportunimus: Ich glaube, dass der eig. natürliche sinnvolle Hang zum Opportunismus auch sehr gezielt berechnend eingesetzt wird zur Herrschaftssicherung, davon kann ich als ” VT-Spinner ” ein Lied singen.