Kulturschock
Deutschland/Solingen verliert gegen Japan
Nachdem ich Mitte Dezember letzten Jahres über Christian Romanwoskis Seite Kochmesser.de und die von ihm initiierte Markteinführung von scharfen Kindermessern geschrieben hatte, wollte ich mir in Aachen auch eines der von Romanowski empfohlenen Messer holen, ich schwankte zwischen dem für den gewöhnlichen Mac-Nutzer wie gemachten stylischen Chroma 301 oder einem Global-Messer. Nur leider hatte auch der einzige von Kochmesser.de in Aachen empfohlene angebliche „Fachhändler” kein vernünftiges Messer vorrätig und auch in den anderen mir bekannten Geschäften fand ich nur den üblichen Schrott. Warum brauchte ich überhaupt ein neues Messer? Vor ein paar Jahren hatte ich mich, der Japanmesser-Hype war schon in vollem Gang, bewusst für ein rostendes Herder-Messer aus Solingen entschieden.
Damals wusste ich bereits, dass ein rostender Stahl nicht nur in der Regel schärfer, sondern auch leichter nachschärfbar ist und ich wollte ja auch gern ein deutsches Traditionsunternehmen stärken. Außerdem störte mich an Japanmessern eben auch besagter Hype. (Ich finde, nebenbei, auch Sushi ist völlig „überbewertet”, es rangiert m.M.n. kulturell etwa auf der Höhe der Currywurst, womit ich weder etwas gegen Currywürste, noch gegen Sushi gesagt haben will, beides schmeckt ab und an). Was ich damals, im Glauben, es sei ein Messer „fürs Leben” nicht berücksichtigt hatte, war mangelndes nachhaltiges Denken bei der traditionellen Messerproduktion. Denn zwar lässt sich mein Herdermesser (dank V-Schliff) fast ebensogut schärfen, wie ein japanisches Messer, aber eben nur fast. Denn der Wulst am Ende der Klinge verhindert, dass man die ganze Klinge über einen Stein abziehen kann. Dadurch wurde die Klinger mit der Zeit rund, wohlgemerkt mit Wölbung nach innen hin. Das bedeutete: Schließlich wurde das Messer für mich beihnahe untauglich, jedenfalls was Schneiden (oder gar „Hacken”) auf der Arbeitsplatte anging. Also entschloss ich mich, doch ein japanisches Messer zu kaufen. Aber leichter gesagt, als getan. Denn nach meiner (bestraften) Liebe zu deutscher Wertarbeit, wollte ich mir auch noch meine Strafe für die Unterstützung lokaler Geschäfte abholen. So habe ich in den letzten Jahren immer wieder in meinem Lieblingsküchenladen in Aachen gern mal ein paar Euro mehr gezahlt, als etwa bei Amazon. Nicht, weil ich nicht auf die Bestellung warten mochte (z.B. hatte ich mein Herdermesser auch dort bestellt und musste viel länger warten und mehr bezahlen, als bei einem Onlineanbieter UND hatte KEIN Rückgaberecht), sondern eben auch wieder, weil ich immer noch der Illusion von „Fach”-Handel anhing, also kompetente Beratung unterstützen wollte. Nun liefert aber leider auch diese oft der Onlinehandel in weit größerem Umfang, als alle Läden, in denen ich dann in Aachen versucht habe, eben diese kompetente Beratung zu finden. So blieb schließlich als einziges Argument der Wert von facetime. (Hier mache ich mich übrigens der Einführung eines neuen Anglizismus schuldig, gar eines, der noch nichtmal allen Amis bereits geläufig ist), d.h. dass es eben einfach schöner ist, Menschen aus Fleisch und Blut zu begegnen. Das freundliche Lächeln einer Verkäuferin, ist es nicht mehr wert, als irgendwelche anonymen Infos aus dem Internet? Also ging ich noch mal in meinen Lieblingsküchenladen
. Mein Sohn wollte für den neuen Freund meiner Ex-Frau eh einen Kellner-Korkenzieher als nachträgliches Weihnachtsgeschenk kaufen. Der Laden war mal wieder brechend voll, er zählt schließlich zu den Aachener “Geheim”-Tipps. Statt mich in die Schlange an eine der beiden Theken zu stellen, entschloss ich mich (mein Sohn war eh schon leicht genervt, dass ich ihn zu einem längeren Weg zu diesem Laden überredet hatte), eine Verkäuferin, die auf einer Leiter stand, anzusprechen. Sie reagierte nicht. Ich sah dann, dass sie ein Klemmbrett in der Hand hielt und Artikel zählte, die Anzahl dann in die Liste eintrug. Also wartete ich geduldig, bis sie wieder eine Sorte irgendwelcher Löffel gezählt und die Zahl eingetragen hatte. „Entschuldigen Sie bitte!” sagte ich also, schon etwas lauter, in meinem zweiten Versuch. Und ärgerte mich sogleich über das Wort “Entschuldigung”, sowie über meine offensichtlich immer noch zu leise Stimme, denn die Verkäuferin ignorierte mich und – da war ich jetzt sicher – tat dies auch bewusst. „Sie will offensichtlich nicht gestört werden.” erklärte ich meinem Sohn und es war mir schon etwas peinlich, ihm dieses Geschäft als mein Lieblingsgeschäft in Aachen verkauft zu haben. „Aber, jetzt bin ich einmal angefangen, jetzt will ich es auch wissen” fügte ich hinzu. Dann wartete ich noch mal, bis sie wieder eine Reihe Artikel gezählt und in die Liste eingetragen hatte. Doch danach zeigte ich, was meine Stimme so zu bieten hat. “Hören Sie, … HÖREN SIE BITTE! … HALLOOOO!”. Endlich konnte die Verkäuferin sich nicht mehr länger taub stellen, sie wendete ihren Kopf zur Seite, riss ihren Ohrstöpsel aus einem Ohr und schrie mich an: “Sagen Sie mal, sehen Sie nicht, dass ich hier beschäftigt bin?” — Zwar schimpfte ich dann, aber da hatte sie längst wieder ihren Stöpsel im Ohr und konnte wieder so tun, als ob sie mich nicht hörte. Wir suchten also selbst in dem engen Laden nach einem Kellnerkorkenzieher, kauften ihn und ich fragte beim Bezahlen noch mal nach rostenden japanischen Messern. Es gab sie immer noch nicht. Beim Rausgehen gab ich dem Laden die letzte Chance. Es waren ja inzwischen gut 20 Minuten vergangen. Die andere Verkäuferin war nicht mehr mit der Inventur beschäftigt, sondern kam mir entgegegen. Ich schaute sie möglichst fragend und gleichzeitig freundlich an, hoffte auf ein „Na, haben Sie gefunden, was sie suchten”, bekam aber stattdessen ein „Pfff!” und ein Kopfschütteln serviert. Apropo serviert: gerade hatte ich noch einem meiner Lieblingspodcasts gelauscht, Germany vs. USA. Da stellte einer der beiden Jungens die These auf, dass Amerikaner ganz einfach in einen Laden, in dem sie einmal schlechten Service erhalten, nie wieder einkaufen würden. In Deutschland, und ich bin dafür ein Musterbeispiel, scheint es genau andersrum zu laufen: in einem Laden, in dem ich wenigstens einmal freundlich oder sogar kompetent beraten wurde, renne ich — treu und das heißt offenbar zugleich treu-doof — immer wieder, in der Hoffnung, irgendwann noch einmal so ein tolles Erlebnis zu haben. Aber, vielleicht dank des Podcasts, habe ich das „Pfff!” und das Kopfschütteln diesmal als Aufforderung verstanden, doch bitte dort nicht mehr einzukaufen, weil diese Leute keinen Bock auf Facetime mit so bescheuerten Kunden haben. Schließlich läuft jede Inventur nicht nur viel leichter ohne Kundenstörungen, sondern noch leichter, wenn es wenig zu zählen gibt. Jetzt könnte der Artikel eigentlich hier aufhören mit dem Fazit, dass ich aufgegeben habe, ein Ersatzmesser für mein rostendes Herdermsesser in Aachen verbunden mit facetime zu kaufen. Aber es kam anders. Denn ich habe nochmal nach “Japanische Messer” und “Aachen” gegoogelt und in den Rückmeldungen einen Laden gefunden, den ich noch gar nicht kannte. Und hier habe ich endlich nicht nur die Facetime, sondern gleich auch noch so was wie „Qualitytime” obendrein (um einen weiteren englischen Begriff – und zwar eigentlich falsch – zu verwenden.)
Schon von außen ist das Lädchen von Markus Prömper, das man im Internet unter der Adresse www.shokunin.de findet, als das zu erkennen, womit ich den Begriff Fachhandel verbinde. Statt schöner Auslagen steht im Fenster ein Tisch, darauf eine Schüssel mit Wasser und daneben ein paar Schleifsteine.
Und im Laden begegnete mir dann genau das, was auch regelmäßig für ein gutes Restaurant spricht: Statt einer Auswahl von 200 Menus, empfahl mir Markus Prömper, nachdem er meinen Wünschen aufmerksam zugehört hatte, genau ein Messer. Ein Santoku Kuro Ochi von dem Schmied Katsushige Anryu in traditioneller Handarbeit hergestellt:

Das habe ich also gekauft, wenn auch zunächst mit dem etwas komischen Gefühl, eher ein Souvenier, als einen Gebrauchsgegenstand erworben zu haben. Jedenfalls zeigte mir Markus Prömper auch gleich noch, wie ich das Messer nachschärfen könne und: er gab mir sogar noch einen Tipp, wie ich mein Herdermesser wieder funktionstüchtig bekommen würde, was ich übrigens auch gleich umgesetzt habe.
Zuhause war ich dann erstmal fast enttäuscht. Denn mein Herdermesser war eher schärfer, als mein neues Santoku. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Denn für den relativ günstigen Preis kann man einfach kein Messer mit Endschärfe erwarten. (Solche Messer kann man im Internet auch kaufen, es gibt da irgendeinen japanischen Fachausdruck für und die kosten dann gleich 100 Euro mehr) Doch nach zehn Minuten Nachschärfen war dieses Messer so unglaublich scharf, genau wie ich es bisher von japanischen Messern immer nur gelesen, aber nie recht geglaubt hatte. Es war sogar schärfer als mein (zugegebenermaßen ungepflegtes und ungenutztes) Rasiermesser: ich konnte damit problemlos die Haare von meinem Arm rasieren.
Wenn man nun die Bilder der beiden Messer vergleicht, dann fällt auf, dass beim japanischen Messer die Klinge nicht nur wulstfrei ist (wie inzwischen nach brutalem Abflexen auch mein Herdermesser), sondern auch, dass der Abstand zwischen Klinge und Griff etwas größer ist. Und genau dies erleichtert wiederum das Nachschärfen ungemein! Und der dritte Vorteil: da die Klinge insgesamt, auch zum Rücken hin, weniger breit ist, als mein Herder-Messer, ist damit auch das Schneiden noch feinerer Scheiben problemlos möglich.
Zugegeben, es wirkt auch zerbrechlicher, als mein bisheriges Kochmesser aus deutscher Wertarbeit. Aber oder gerade deshalb gebe ich mein neues japanisches Messer auch nicht mehr aus der Hand. Und das Geschäft von Markus Prömper kann ich also mit bestem Gewissen jedem Aachener, der sich ein vernünftiges Messer zulegen will, empfehlen. Und allen anderen empfehle ich seinen Onlineauftritt, es sei denn, es gibt auch in ihrer Nähe ein richtiges Fachgeschäft…